Prost Borussia

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Berlin Thunder gegen Frankfurt Galaxy, Alba Berlin gegen Telekom Baskets Bonn, Opel Skyliners, Bayer Giants, RheinEnergy Cologne ... diese Namen! Man hört ihnen ihr kapitalistisches Interesse schon an, man sieht förmlich vor sich, wie schwitzende Managementassistenten schlüsselwortschwangere Teambezeichnungen aus ihren Hirnwindungen pressen und sie im schummrigen Licht einer Power-Point-Präsentation vom Konzern-Aufsichtsrat abnicken lassen. Ach, man sehnt sich zurück ins Fußballstadion, zu den altmodischen Vereinen, herübergerettet aus grauer Zeit, die nicht nur Aktienkurse transportieren, sondern ein Lebensgefühl hatten, Mythen, und einen richtigen Namen.

Allerdings: was genau hat es eigentlich auf sich mit den "Borussias", "TSVs", der "Hertha" - und sind ihre Namen wirklich aus reinem Sportsgeist entstanden? Eine Gründung ist ja recht einfach: man versammle einige junge Herren, bewährt hat sich eine Anzahl von elf oder mehr, um einen Lederball. Die Idee hierzu entstand offenbar häufig beim Müßiggang. Von Hertha BSC, Lazio Rom und Juventus Turin ist überliefert, dass die konstituierende Sitzung auf einer Parkbank stattgefunden hat. Mehr gehörte nicht dazu, und mehr Mühe gegeben haben sich nur wenige. Zum Beispiel die Grashoppers Zürich: Schweizer, die sie waren, nahmen sie bei ihrer Gründungssitzung 1886 drei Franken Eintritt. Ein Herr erkaufte sich mit 20 Franken sogleich die Ehrenmitgliedschaft.

Die schönste Gründungsgeschichte in Deutschland, das muss neidlos anerkannt werden, hat die falsche Borussia vorzuweisen, die schwarz-gelbe Aktiengesellschaft aus Dortmund. Im Jahre 1909 lebten die Mitglieder einer katholischen Jugendgruppe in ständigem Konflikt mit ihrem Pfarrer, da dieser ihnen das Ballspielen verbot. So traf man sich schließlich zur Vereinsgründung in einer Kneipe. Auch der Pfarrer war anwesend, und es gelang ihm immerhin, einige Seelen zu retten. Etwa die Hälfte der verlorenen Söhne kroch zurück zu Kreuze - die andere Hälfte aber war verdorben genug, dem Gottesmann noch eine Tracht Prügel zu verabreichen. Dann benannten sie ihren Verein nach der Borussia-Brauerei in der Nachbarschaft. Ein guter Anfang eigentlich, auch ein recht origineller Name, und damit in der sonst langweiligen Bundesliga eine Ausnahme.

Als weiterer Sonderfall sei noch Hertha BSC erwähnt. Der Name stammt angeblich von einem Haveldampfer, auf dem die Gründer eine Bootstour (Müßiggang!) unternommen hatten. Wobei die alte Dame noch Glück im Unglück hatte: immerhin gab es in der Hauptstadt auch einmal einen BFC Thusnelda! Den meisten Kickern fiel jedoch nicht viel ein, als es darum ging, das Kind beim Namen zu nennen. Der Löwenanteil lässt sich aufteilen in vier Kategorien: einfallslose Namen (also TuS, TSV, FC, VfL etc.), patriotische Namen, größenwahnsinnige Namen und, einige Jahrzehnte jünger, sozialistische Namen. Bei den Patrioten waren Namen aus der germanischen Historie beliebt - Alemannia, Borussia, Germania - oder man wählte (im Ausland) Monarchistisches: Willem II. Tilburg wurde nach einem Oranierkönig benannt; der spätere Franco-Vorzeigeclub Real Madrid bekam seinen Titel (Real = Royal) vom spanischen König verliehen. Für die Größenwahnsinnigen soll Luigi Bigiarelli zu Wort kommen, einer von neun jungen Männern auf der bereits erwähnten Bank in Rom: "Wir sollten den Verein nicht Rom nennen. Wir sollten einen wichtigeren Namen wählen, in dem Rom bereits enthalten ist: den der Region Lazio!" Ganz ähnlich muss Franz Beckenbauer gedacht haben, als er den Fußball erfand und Bayern München ins Leben rief, damit der Klub sich die Erde untertan mache. Indes: es funktioniert nicht immer. Holstein Kiel und Preußen Münster, derzeit auf Rang 9 respektive 17 in der Regionalliga Nord, mögen beredt Zeugnis davon ablegen.

Die Vorliebe für Namen wie "Lokomotive" östlich der Mauer, scheint keine tiefgehenderen oder mystischen Bedeutungen zu haben, sondern einfach in der sozialistischen Technik- und Fortschrittsgläubigkeit begründet zu sein. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass selbst in der UdSSR keine extravaganteren Namen als "Dynamo" oder "Torpedo" auftauchten - ein Land immerhin, in dessen Anfangstagen es unter den frisch alphabetisierten Proletariern zum guten Ton gehörte, ihre Kinder "Traktor" oder "Elektrifikazia" zu nennen.

In der DDR-Oberliga gab es immerhin Vereine wie "Einheit, Stahl, Motor Süd Bischofswerda" und "BSG Brennstoff Böhlen", die sicher auch einige Spiele gegen "ZSG Schuhmetro Weißenfels" bestritten. Nicht alles in der DDR war schlecht. Auch in Dortmund nicht: zur Ehrenrettung der hier als so lasterhaft dargestellten Borussengründer sei erwähnt, dass sie in ihrer Satzung das Rauchen während des Spiels untersagten.

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00:00 04.01.2002

Ausgabe 38/2020

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