Prost! Prost?

A–Z Alkohol Kulturgut und Droge: In München ist Oktoberfest, in Tschechien verbot die Regierung hingegen nach einer Vergiftungsserie den Schnapsverkauf. Das Lexikon zum Alkohol

A

Absinth

Das Zeug ist grün wie Lutscheis und schmeckt scheußlich bitter. Das ist der Wermut, die Basis-Ingredienz dieses Getränks, das lange Zeit als richtig heißer Stoff galt. Im Frankreich der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trafen sich die Großstädter ab 17 Uhr zur „grünen Stunde“. Die Boheme schwor auf Absinth zu jener Zeit. Der Dichter Baudelaire versuchte damit seine Syphiliserkrankung erträglicher zu machen. In vielen Teilen Europas war das Höllengesöff ab 1915 verboten. Das in ihm enthaltene Nervengift Thujon stand im Verdacht, Schäden bis hin zur Blindheit zu verursachen. Inzwischen weiß man: Nicht das Thujon ist das Problem, sondern schlicht der Alkohol in der hohen Konzentration. Mark Stöhr

B

Bilder

Sonntagabend, Tatortzeit. Dieser tolle Bergsee, vor dem sich ein volles Bierglas dreht, prickelnd, mit perfekter Haube. Ping, macht es im Kopf und schon rennt der Couch-Potato noch schnell zum Kühlschrank ... zisch, schlürf. Das läuft ziemlich automatisch ab, sagt die neuere Alkoholforschung. Man denkt darüber gar nicht groß nach, und der Kater kommt erst danach. Bilder oder bestimmte Ereignisse aktivieren nämlich diejenigen Gehirnregionen, wo sich das Suchtgedächtnis befindet und setzen weitgehend unkontrollierte Handlungsketten in Gang. Also kann ein „trockener“ Alkoholiker gar nichts gegen den Rückfall tun? Doch, sagen die Forscher. Man kann trainieren, solche Situationen zu erkennen. Und man konfrontiert die Betroffenen in Therapien immer wieder mit den entsprechenden Bildern und Situationen, bis sie ihren Reiz verlieren. Also, liebe Alkies, keine Ausreden, ihr seid nicht willenlos ausgeliefert! Ulrike Baureithel

Bio-Sprit

Umweltfreundliches Benzin, das hörte sich erst einmal gut an. 2011 wurde in Deutschland der Bio-Kraftstoff E-10 eingeführt. Er enthält 10 Prozent Ethanol, dieses wird aus Pflanzen wie Rüben, Getreide, Mais oder Zuckerrohr gewonnen und sollte den CO2-Verbrauch senken. Nur blieben die Verbraucher lieber beim Super und das aus mehreren guten Gründen. Erstens kann E-10 manchen Autos schaden. Zweitens lässt die CO2-Bilanz zu wünschen übrig, rechnet man den Getreide-Anbau mit ein. Drittens verschlimmert E-10 weltweit die Getreideknappheit, die zu Hungersnöten führt. Der Bio-Sprit wurde zur echten Pleite für die Industrie. Die aber wird die Kosten einfach auf die Sprit-Preise umlegen. Sind eben selbst schuld, die Verbraucher. Irene Habich

D

Droge

Heroin oder Crack mögen als „schmutzige Drogen“ gelten, aber Alkohol? Wissenschaftler geben dem Alkohol genau dieses Attribut: schmutzig. Heroin etwa spricht nur einen einzelnen Rezeptor im Hirn an, der Alkohol hingegen viele. Er fährt hoch und runter, macht munter und gleichzeitig irgendwann lahm. Er bringt den Körper dazu, Endorphine auszuschütten, die sonst zum Beispiel beim Sex oder Essen produziert werden. Die Euphorie wird begleitet von der allmählichen Eintrübung: Tunnelblick, Lallen, Karussell. Der Konsum harter Drogen bringt den Einzelnen zwar aller Voraussicht nach schneller unter die Erde, das Zerstörungspotenzial von Alkohol wird allgemein jedoch höher eingeschätzt, weil es das gesamte Organsystem betrifft. Und weil vor allem mehr Leute ein Alkohol- als ein Heroin- oder Crackproblem haben und dadurch die Gesellschaft insgesamt stärker betroffen ist. MS

K

Kneipe

Menschen haben schon immer gern in Gesellschaft getrunken. Davon erzählt das Wort Kneipe, das vom Mittelhochdeutschen knipen, kneifen kommt: Weil so viele durstige Gäste sich in die Schankwirtschaften quetschten, erhielten sie den Namen Kneipe. Inzwischen wird eher über das Kneipensterben geredet. Junge Leute gehen lieber in Bars, nicht mehr in die Eckkneipe. Damit verschwinden aus dem deutschen Stadtbild leider Namens-Perlen wie Bierstübl oder Förstereck, deren schlichte Schönheit erfreut. Stattdessen greifen die kreativen Wortspiel-Neuschöpfungen um sich, bei denen die Namen gleichzeitig Programm sein sollen: Malheur, Absturz oder Sorgenbrecher heißen Kneipen heute großspurig. Ob im „Absturz“ aber tatsächlich mehr gebechert wird als in „Karins Treff“, ist durchaus fraglich. Stina Hoffmann

Kunst

Horaz wird der Spruch zugeschrieben: „Gedichte, die von Wassertrinkern geschrieben wurden, können nicht lange Gefallen erregen.“ Ist also nur gut, was besoffen geschrieben, gemalt und gemeißelt wurde? Wohl kaum, die Affinität zwischen Alkohol und Kunst ist trotzdem Legende. Ihr sind berühmte letzte Worte zu verdanken wie jene des dichtenden Säufers Dylan Thomas: „Ich hatte gerade 18 Whiskys, ich denke, das ist ein Rekord.“ Auch das Werk eines Charles Bukowskis oder eines Ernest Hemingways wäre ohne den Blick ins Glas schwer vorstellbar, wenngleich der Übergang zwischen promillebefeuertem Flow und schnödem Alkoholismus sozusagen flüssig ist. Allerdings hatte der griechische Lyriker Anakreon nicht unrecht, als er vor 2.500 Jahren schrieb: „Viel besser ist es, trunken als tot am Boden zu liegen.“ MS

M

Mär

„Wein auf Bier, das rat ich dir. Bier auf Wein, das lasse sein.“ Die Weisheit gilt als der Merkspruch gegen Kater-Kopfschmerzen am Morgen danach. Jeder, der einmal einen über den Durst getrunken hat, kann allerdings bestätigen, dass in diesem Fall auch „Wein auf Bier“ kein guter Rat ist. Und man vermutet mit Recht, dass dieses Sprichwort eher Mär, denn eine biologisch fundierte Empfehlung zur Katerprävention ist.

Eine andere Theorie klingt da schon einleuchtender. Danach hat der Spruch seinen Ursprung in der Geschichte und war eine Anleitung für den Weg nach oben auf der sozialen Leiter. Denn der Aufstieg von der Bier trinkenden Unterschicht zu den besser gestellten Weintrinkern galt immer als ratsam. Den umgekehrten Weg wünschte man dagegen niemandem. Benjamin Knödler

P

Prohibition

Das Verdammen des Alkohols hatte ab 1800 in vielen Ländern wellenartige Konjunktur. Am bekanntesten ist die US-Prohibitionsbewegung. Als ordnungszerstörend, aber auch als Krankmacher ging es dem „Teufel Alkohol“ an den Kragen. Vereinen wie der Anti-Saloon-League gelang es, 1920 das Verbot von alkoholischen Getränken mit mehr als 0,5 Prozent als Verfassungszusatz in Kraft treten zu lassen. Daraufhin sank zwar der Alkoholverbrauch bei den unteren Schichten. Ein gut durchorganisierter Schwarzmarkt versorgte aber die Zahlungskräftigeren, und die Eigenproduktion blühte auf. Bigotterie herrschte unter den Verbotsbefürwortern der oberen Klasse. Präsident Herbert Hoover etwa geißelte das Trinken, hob aber dennoch gern sein Gläschen Gin-Fizz.

Als das allgemeine Verbot 1933 wieder gestrichen wurde, waren mehr als 500.000 Menschen wegen Prohibitionverstoßes verurteilt worden. Da das Tabu die Attraktivität von Spirituosen maßlos erhöht hatte, war der steile Anstieg des Alkohol-Konsums eine langfristige Folge. Derweil waren sozial integrierte Trinkkulturen zerstört worden. Tobias Prüwer

Pusten

Wer rechnet als Radfahrer mit sowas? Kurz nach Mitternacht, Polizei von rechts. „Sie fahren Schlangenlinien. Haben Sie getrunken?“ „Naja. Ja.“ „Wieviel?“ „Hm. Halben Liter Rotwein?“ Die Polizisten lachen sehr laut. „Na, dann pusten wir mal.“ Mist. Viel mehr getrunken als zugegeben. Was tun? Verzweiflungsstrategie: Langsam pusten. Das Gerät streikt. Nochmal, bisschen fester. Der Messfehler des elektrochemischen Handmessgeräts Dräger 7140 ist klein, höchstens o,o5 Promille. Schummeln nicht möglich. Rauchen kann das Messergebnis erhöhen. Eine Flasche Rotwein für eine Frau von 60 Kilo ergeben laut Online-Rechner-Widmarkformel 1,93 Promille. Oder (andere Website) nur 1,61. Rauchen nicht einberechnet. Schnaps aufs Haus auch nicht. Der nie gemachte Führerschein rückt in weite Ferne. Das Gerät piept. 0,81. Verwunderung. Und die Erkenntnis: Formeln lügen. Kathrin Zinkant

V

Verein gegen betrügerisches Einschenken

Alle Jahre wieder ärgern sich die Besucher des Oktoberfestes über die gestiegenen Bierpreise. Zu allem Übel schenken die Wirte auch durchschnittlich 100 Milliliter zu wenig Bier ins Glas. Das freut die Dirndl-bekleideten Kellnerinnen, geht das Tragen der Krüge doch nicht so auf den Rücken. Das freut auch die Schankwirte, fahren sie doch dadurch ordentliche Gewinne ein. Das freut allerdings weniger die Kunden. Zum Glück haben sie jemanden, der sich mit aller Bier-Liebe für sie einsetzt: „Der Verein gegen betrügerisches Einschenken“. Er wurde bereits 1899 gegründet, um dem ungerechten Einschenken Einhalt zu gebieten. Mittlerweile hat er knapp 4.000 Mitglieder, auch Edmund Stoiber soll unter ihnen sein. Im Augenblick sammelt der Verein Unterschriften für ein Bürgerbegehren, um den wuchernden Bierpreisen Einhalt zu gebieten und ehrenamtliche Bier-Aktivisten messen mit dem Maßband, ob die Maß auch voll genug ist. Myriam Schäfer

W

Widerspruch

Wir waren gerade volljährig, hatten bunte Haare, Lederjacken mit Nieten drin und tranken gerne Bier. Ein Schulfreund, bei dem ich in dieser Nacht schlafen sollte, war in all dem ein bisschen weiter als ich. Außerdem war er Hardcore-Vegetarier.

Unser Nachhauseweg führte am städtischen Schlachthof vorbei. Dort standen am frühen Morgen zwei LKW, voll mit quiekenden Schweinen. Er rannte sofort hin zu den Fahrern und schimpfte, das sei Mord, und von wegen sie würden „nur ihren Job“ machen. Er wurde immer lauter. Als er merkte, dass einen Deutschen nichts von seiner Pflichterfüllung abbringt, wankte er zurück, streckte seine linke Hand durch die Stäbe des Anhängers, begann ein Schwein zu streicheln und dabei bitterlich zu weinen. Noch einmal sammelte er seine ganze Kraft, ballte die rechte Hand zur Faust und schrie in Richtung LKW-Fahrer: „IHR MIESEN SCHWEINE!“

Kurz darauf eskortierte uns die Polizei den restlichen Weg nach Hause. Erst sehr viel später sollte ich lernen, dass man gewisse Widersprüche im Kapitalismus aushalten muss. Dass man sie auch im Alkohol nicht unbedingt auflösen kann, wusste ich da bereits. Sebastian Dörfler

Z

Zwang

Unangenehm wird es, wenn Alkoholkonsum zum sozialen Zwang ausartet. Aufgrund meiner Tätigkeit als DJ bin ich damit oft konfrontiert worden. Clubbetreiber, Kollegen oder übermotivierte Ausgehfreunde möchten ihre Zuneigung durch das gemeinsame Kippen von Kurzen besiegeln. Das Ablehnen empfinden sie als beleidigend. Ich hasse Schnäpse und deren Effekt, und oft habe ich mich gerettet, indem ich zum Beispiel einen Zahnarzttermin am nächsten Morgen erfand. Das löst im Allgemeinen Mitleid aus und die Verweigerung wird verziehen.

Neulich gab es im Rahmen eines „Shop Openings“ in Berlin-Mitte „free drinks“. Statt um Alkohol bat ich den Barkeeper um Orangensaft. Er verweigerte ihn mir mit der Begründung, Saft sei abgezählt und nur in Verbindung mit Wodka zu bekommen. Ich traute meinen Ohren nicht, blieb aber hart und bekam den Saft schließlich doch. Wenn es etwas umsonst gibt, ist man also verpflichtet, sich einen hinter die Binde zu kippen? Verkehrte Welt. Sophia Hoffmann

09:00 29.09.2012

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