Prost, Tote!

Georgien Perser, Araber, Seldschuken und Mongolen haben sich um die Gebirgsregion Tuschetien gekloppt – geblieben ist niemand länger, nur die Erinnerung an die Verstorbenen

Unsere erste Begegnung mit dem Tod ereignet sich um zehn Uhr morgens auf etwa drei Viertel der Strecke auf einer der gefährlichsten Straßen Georgiens. Ein großer schwarzer Grabstein steht am Wegesrand, darauf eingraviert die hell umrissenen Porträts von vier Männern. Dahinter fällt der Abhang steil ins Nichts, rundherum leuchten die hellgrünen Flanken der Gebirgsriesen. Wir sind auf dem Weg nach Tuschetien, einer Hochgebirgsregion im Nordosten von Georgien, und wir müssen den Pass erst noch erreichen.

Unser Fahrer Giorgi hält an und holt eine Plastiktüte aus dem Kofferraum. „Jetzt“, erklärt er mit einem ernsthaften Nicken, „müssen wir Tschatscha trinken. Sie waren meine Freunde.“ Wir setzen uns an den Picknicktisch neben dem Grabstein, in einer kleinen Ecke zwischen Schotterstraße und Abgrund. Aus der Tüte kommen zutage: ein Stück Weißbrot, eine Rolle Geflügelwurst und eine Flasche des durchsichtigen, hochprozentigen georgischen Traubenschnapses. „Es ist guter Tschatscha“, kommentiert Giorgi meinen skeptischen Blick.

Er schenkt vier Metallbecher voll und sagt einen kurzen Trinkspruch zum Gedenken an die Verstorbenen. Vor einigen Jahren waren sie in der Dämmerung unterwegs und übersahen die leichte Kurve des Weges. „Gaumarjos!“, sagt Giorgi. Das heißt „Auf den Sieg!“ und bedeutet „Prost“ in Georgien. Der Tschatscha brennt in der Kehle. Seit fünf Uhr morgens sind wir unterwegs, hungrig kauen wir an Weißbrot und Wurst. Giorgi schenkt sich noch drei Mal nach, zu Ehren seiner Freunde, und setzt sich dann wieder hinter das Lenkrad. Ich vertraue darauf, dass er weiß, was er tut.

In Georgien ist Tuschetien berühmt für seine grünen Berge, großartige Wandermöglichkeiten und den Schafskäse namens gouda, nicht nach der holländischen Stadt benannt, sondern nach dem Stoffsack, in dem er hergestellt wird, und – wie man auf Youtube-Videos nachsehen kann – für die atemberaubende Straße, die in die Region führt.

Ähnlich wie die berühmte Bergregion Swanetien im Westen des Landes, rühmt sich auch Tuschetien am östlichen Rand für seine historische Widerborstigkeit gegenüber den Fürsten der Ebenen und feindlichen Eroberern, die Georgien seit seinen Ursprüngen im 4. Jahrhundert nach Christus immer wieder heimgesucht haben. Perser, Araber, Seldschuken und Mongolen versuchten abwechselnd die Region für sich zu beanspruchen, bis im 18. Jahrhundert die Russen kamen und – sieht man von einer kurzen Phase der Selbstverwaltung zwischen 1918 und ‘21 ab – erst in den 1990er Jahren wieder gingen. In den Bergregionen des Landes haben sich nicht nur neblige Erinnerungen an grimmige Schlachten erhalten, sondern auch alte Traditionen, die bis zum heutigen Tag fortgesetzt werden. Die wichtigste heißt „Atnigenoba“ und findet im Hochsommer statt. Ab dem hundertsten Tag nach Ostern wandern die Feierlichkeiten für etwa zwei Wochen durch verschiedene Dörfer.

„Wer am Leben bleibt, muss doppelt so hart arbeiten“, sagt der 76-jährige Irakli am Abend unserer Ankunft. „Die Toten sterben für sich allein, aber die Lebenden müssen sich um die Toten und die Lebenden kümmern.“ Wir sitzen auf Iraklis hölzernem Balkon im Dorf Bochorna und stoßen auf das Wohl der Toten an. Bochorna ist mit 2.345 Metern über dem Meeresspiegel „das höchste Dorf Europas“, wie ein Schild am Straßenrand verkündet. Es hat genau einen Einwohner: Irakli höchstpersönlich.

Bis 1958 lebte er schon einmal hier, dann wurde sein Vater wie die meisten anderen Bewohner der Region dazu gezwungen, ins Tal zu ziehen, um dort in der sowjetischen Landwirtschaft zu arbeiten. Heute leben die Tuscheten hauptsächlich im Tal und kommen nur noch in den Sommermonaten hinauf in die Berge. Irakli wurde Arzt, Neuropathologe. Vor sieben Jahren ging er in Rente und kehrte nach Tuschetien zurück. Er ist der einzige ständige Arzt in der Region, neben zwei Rettungswagen, die seit zwei Jahren im Sommer hinaufkommen. Wo sie mit dem Auto nicht hingelangen, dorthin kommt er mit seinem „Notfall-Fahrzeug“: einem schneeweißen Pferd.

Irakli ist ein kleiner, kompakter Mann mit lederner Haut, weißem Haar und zusammengekniffenen, spöttischen Augen, der ständig in Bewegung ist. Er pflückt Minze aus seinem Garten, schenkt Tschatscha nach oder schnappt sich seine Satteltasche voller Medikamente, um draußen in der Nacht nach einem kranken Kind zu sehen, die Taschenlampe um den Kopf geschnallt. In den Legenden Ostgeorgiens gibt es eine Figur namens „Gudamis Khati“: ein alter Mann, der auf einem weißen Pferd sitzt und seine Schutzbefohlenen vor den Tücken der Natur und vor Krankheiten schützt. Irakli muss einer von dieser Sorte sein. „Der Tod ist unausweichlich“, sagt er, und ich kann nicht entscheiden, ob er pragmatisch oder fatalistisch ist.

Wir unterhalten uns über einen Unfall, dessen Überreste wir am Morgen sahen. Ein junger Mann kam nach einem Trinkgelage von der Straße ab. Das Wrack seines Autos nur mehr ein weißer Schimmer zwischen leuchtendem Grün tief unten. Kein ungewöhnlicher Vorfall, wie wir erfahren. „Diese Berge sind verflucht!“, klagte die 60-jährige Nazo, in deren niedriger, schummeriger Küche uns die Nachricht per Telefon erreicht hatte. „Sie müssen Menschen verschlingen!“ Ihre Goldzähne schimmerten hell zwischen ihrem schwarzem Kopftuch und Kleid. „Jungs, Jungs, immer bringen sie Ärger. Ich will in meinem Haus keine Jungs mehr sehen!“

Die Jungs, wann immer wir ihnen in dieser Woche in Tuschetien begegnen, stoßen an auf das Gedenken ihres verlorenen Gefährten: „Er war ein guter Mann.“ Jemand zeigt uns ein Handyfoto: jung, lächelnd, ein blonder Bart. „Er war gerade mit der Schule fertig.“ „Einmal nahm er mich auf seinem Pferd mit. Komplett beschwipst, aber ein netter Kerl.“ „Nur ein paar Tage vor seinem Tod verschenkte er sein Handy und seine Jacke an Freunde.“ Jeder hat einen Satz für ihn, eine Erinnerung, ein Gerücht, ein Wort des Lobes. Schon ist er in das Reich der Geschichten hinübergetreten.

Frauen im Abseits

Bei Sonnenaufgang klettern die Männer des Dorfes die steile Anhöhe zum Schrein hoch. Wie die ältesten Häuser in Tuschetien ist auch der Schrein aus übereinandergeschichteten Schiefersteinen gebaut und soll mit den Hörnern von Schafsböcken, Kerzen und Schnapsflaschen dekoriert sein. Überprüfen kann ich das nicht, Frauen ist es streng verboten , sich dem Schrein bis auf eine von den Männern bestimmte Distanz zu nähern. Doch auch aus der Entfernung ist zu sehen, wie die Männer einem Schafsbock nach dem anderen die Kehle durchschneiden und sie dann über den Schrein werfen. Nach jedem vollstreckten Opfer wird eine mit Glöckchen geschmückte Fahne geschüttelt, dazu brüllen die Männer „Gzkhralobdes!“, die Bitte um Segen, die mit Aludi, dem heiligen, selbst gebrauten Bier hinuntergewaschen wird.

Die Frage, wem das Opfer gewidmet ist, ist erstaunlich schwierig zu beantworten. „Für unseren Gott“, murmelt Irakli, während er die Schädelknochen eines Schafs mit der Axt knackt. Er will Khaschi kochen, eine Suppe aus den Köpfen und Füßen der Tiere, die sich gut als Katermahlzeit eignet. Während er an dem Schädel herumhackt, erzählt Irakli von den 27 „Khvtishvili“ oder Engeln, die die Bewohner Tuschetiens beschützten. Einer von ihnen, mit Namen Karati, hat einen kleinen Schrein hier im Dorf und kommt ursprünglich aus der Nachbarregion Chewsuretien. Später lese ich in einer neuen Übersetzung georgischer Legenden, dass die Khvtishvili als christianisierte Stammesgottheiten der Chewsuren gelten, die vom Gott Ghermti geschickt wurden, um gegen die Devs zu kämpfen, Monster, die die bedrohlichen Kräfte der Natur personifizieren.

Am Flussbett von Verkhovani könnte man sich beim anschließenden Festessen glatt der Illusion hingeben, direkt in ein Gemälde des verehrten Niko Pirosmani hineinzuwandern, der im späten 19. Jahrhundert die georgische Volkskultur malte. Alles ist da: die Festtafeln beladen mit Brot, Fleisch und Wein, die Kreise trinkender Männer, die laut Trinksprüche ausloben, die Lagerfeuer, die leicht abseits sitzenden Frauen, der blaue Himmelsbogen über ihnen. Die jüngeren Männer testen ihre Grenzen beim Pferderennen durch das Flussbett. Alle reiten ohne Sattel, nur mit Zügeln, natürlich in vollem Galopp.

„Unsere größte Herausforderung ist es, ein Gleichgewicht zu finden“, erklärt Roma später im Garten seines Großonkels in Omalo, der Hauptortschaft der Region. Der Mittdreißiger ist auf Besuch aus Tiflis, gemeinsam mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen. „Die Entwicklung des Tourismus hat das Leben der lokalen Bevölkerung stark beeinflusst, und auch ihre Umgangsart“, fährt Roma fort. „Die Leute haben sich verändert. Es fällt ihnen schwer, Traditionen mit den Regeln der modernen Wirtschaft zu kombinieren.“ Die freie Bewirtung von Gästen zum Beispiel ist nur schwer beizubehalten, wenn immer mehr Besucher in die Region strömen.

Roma hat die Sommer seiner Kindheit in Tuschetien bei seinen Großeltern verbracht und er hat viel über Traditionen nachgedacht: „Ich bin nicht begeistert von dem Verbot, das Frauen untersagt, sich dem Schrein zu nähern. Aber meine Großeltern haben diese Tradition an mich weitergegeben, deshalb ist sie wichtig für mich.“ Es gehe ihm nicht um die Sache, sondern um den Respekt vor dem Willen der Vorfahren. „Wenn man seine Vergangenheit auslöscht, kann man keine Zukunft bauen. Natürlich ist die Vergangenheit nicht ohne Fehler, man muss selbst Gutes von Schlechtem unterscheiden. Jetzt sind wir diejenigen, die verantwortlich sind.“

06:00 31.03.2018

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