Prothese und Antithese

Kino In „Alita: Battle Angel“ ist die Welt ein Haufen Schrott, aus dem sich viel basteln lässt. Etwa Waffen. Oder Personen
Prothese und Antithese
Da waren die Augen mal wieder größer als der Mund

Foto: Twentieth Century Fox

Eine entscheidende Prämisse von Alita: Battle Angel wird von den Figuren selbst formuliert, relativ frühzeitig, als die Battles noch nicht begonnen haben und die Szenerie für einen Moment fast friedlich erscheint. „What holds it up: magic?“ – „Was hält sie da oben: Magie?“, fragt Alita (Rosa Salazar), der Cyborg, beim Anblick der Stadt Salem, die am Himmel über dem Sprawl von Iron City schwebt. „No, something stronger“ – „Nein, etwas Stärkeres“, sagt Ido (Christoph Waltz), der Alita kurz zuvor mit einem neuen Körper ausgestattet hat. „Engineering“ – „Technik“.

Norton in the Sky

Was stärker ist und was besser hält, wird im Folgenden ein zentrales Thema bleiben, jedenfalls für die Figuren, die aus organischer und nicht organischer Materie bestehen und fortlaufend in ihre Bestandteile zerlegt werden. (Sie wieder zusammenzusetzen, bleibt eine Option, die aber längst nicht in allen Fällen wahrgenommen wird.) Für den Film ist es kein Thema, weil Alita: Battle Angel ohnehin davon ausgeht, dass Filme aus Technik gemacht sind und deshalb umso stärker, je avancierter die Technologien, die man zu ihrer Gestaltung verwendet. Die größtmögliche Verdichtung von Hardware, Programmen, Ingenieurskunst wird unter diesen Voraussetzungen zu dem Prinzip, nach dem hier eine Stadt imaginiert, eine Protagonistin gebaut, ein Spektakel konstruiert wird, ohne jegliche Magie, nach der ohnehin nur diejenigen fragen, denen noch nicht klar ist, wo sie gerade gelandet sind.

Iron City ist ein Ort der Restbestände. Abfall, Bauteile, Metall- und Elektroschrott, dazu ein Gedränge von humanoiden Figuren, die zu einem nicht geringen Teil ebenfalls aus Schrott- und Metallteilen bestehen. Robert Rodriguez, der spätestens seit Planet Terror (2007) über einige Erfahrung mit der Inszenierung prothetischer Körper verfügt und sich, ebenfalls seit Planet Terror, für das erotische und das kombattive Potenzial der Prothese interessiert, konzipiert die Story vom Battle Angel als eine der sukzessiven Aufrüstung, an deren Ende die Aussicht auf den ganz großen Showdown steht. Die Grundausstattung kann dabei übernommen werden: Der Kopf ist noch intakt, das Herz (Nano-Technologie) auch, der erste Körper immerhin gut genug, um in die Halfpipe zu gehen, sich innerhalb der Organisierten Kriminalität zu behaupten und einige Elemente der Kampftechnik „Panzer-Kunst“ zu memorieren, auf die der Battle Angel einst programmiert wurde. Aber der erste Körper ist noch nicht der richtige, und erst mit dem zweiten, der andernorts darauf gewartet hat, wieder an das Kampfprogramm angeschlossen zu werden, erhält der Cyborg seine vorgesehene Ausstattung zurück, die aus hohen Wangenknochen, Brüsten, einem Hintern, sehr vielen Wimpern und noch mehr Panzer-Kunst besteht, vor der fast alle Angst haben, außer dem Widersacher in der Stadt am Himmel, der mit der Stimme von Edward Norton spricht.

Update: plus Elitenhass

Zwischen dem ersten und dem zweiten Körper, die Bricolage am Cyborg und dessen Rückkehr zur alten Form, hat Robert Rodriguez einen Hybrid aus Cyber- und Steampunk konstruiert, in dem Teile aus den Filmen Blade Runner (1982, Ridley Scott) und Dark City (1998, Alex Proyas) ebenso zu erkennen sind wie Anleihen bei The Running Man (1987, Paul Michael Glaser), Rollerball (1975, Norman Jewison) oder Ghost In the Shell (2017, Rupert Sanders). Der Manga-Vorlage zu Alita: Battle Angel von Yukito Kishiro entspricht das mehr oder weniger; allerdings fehlt bei Kishiro der sehr solide Elitenhass, der den Plot bei Rodriguez formatiert. Alle wollen nach oben, in die Stadt am Himmel; aber was dort oben wartet, ist korrupt, böse, voller Verachtung für die hier unten, über die es sich belustigt und die es zugleich unterschätzt.

Wenn Alita: Battle Angel also ein sehr reaktionäres World Building betreibt (populistisch, anti-elitistisch; viel Spaß macht das alles nicht), sind die Figuren davon nicht ausgenommen. Der junge weiße Mann (Keean Johnson) trägt Lederjacke, fährt Motorrad und lässt sich auf Dinge ein, die ein paar Nummern zu groß für ihn sind. Der junge schwarze Mann (Jorge Lendeborg), in die gleichen Dinge verwickelt, ist rassistisch und aggressiv und stirbt später als Erster, weil er das schon irgendwie verdient. Der etwas ältere Schwarze (Mahershala Ali) mit Sonnenbrille, gemustertem Anzug und Limousine ist für das organisierte Verbrechen zuständig, wenn auch nicht klug genug, um als dessen Mastermind zu agieren. Die Frau über vierzig mit mehr als zwei Sätzen Text (Jennifer Connelly) ist als eine gebrochene Figur vorzustellen, die Frau unter zwanzig als das Mädchen, das mit den Jungs abhängen darf; dazu gibt es Prostituierte, eine Krankenschwester, eine bösartige Kombattantin (zu viel Metall) und eben Alita, die auch Kombattantin ist, aber für die bessere Sache kämpft.

So betrachtet, ist die kaputte Welt von Iron City relativ intakt, und ebenso intakt sind die Aufteilungen, die hier zwischen den weißen und den nicht weißen, den männlichen und den weiblichen, den zentralen und den marginalen Figuren verlaufen. Die Aufteilungen: funktional, dramaturgisch, hierarchisch, bilden jene Welt, in die der Battle Angelgeworfen wird, um sie auseinanderzunehmen, ohne sie dabei zu transformieren. Dass der Engel, der eigentlich ein Berserker ist, über ein eigenes Betriebssystem verfügt, ändert daran nicht viel, weil es von jeher zum Privileg von Kombattanten gehört, auf einem eigenen Betriebssystem zu laufen, das hier eine neue Hülle, aber noch lange kein neues Update bekommt. „That’s just a shell“, – „Das ist nur eine Hülle“, hat Ido gesagt; und auch das bringt die Prämissen von Alita: Battle Angel ganz gut auf den Punkt.

Info

Alita: Battle Angel Robert Rodriguez USA 2019, 122 Minuten

06:00 17.02.2019

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