Protokoll einer Katastrophe

Schock Am Bett liegen schon die Mangas, der Impfpass und das Ticket nach Japan. Dann meldet ihr Computer: Ein Reaktor brennt. Lucy Fricke soll als Goethe-Stipendiatin nach Tokio

Es ist die Nacht zu Dienstag. In vier Wochen geht mein Flug nach Japan. Knapp vier Monate will oder wollte ich dort bleiben. Am Freitag gab es die ersten Meldungen. Direkt nach dem Aufstehen startete ich den Computer, um nachzuschauen, ob die Welt noch steht. Wie jeden Tag. An diesem Freitagmorgen stand sie nicht mehr. Zehn Meter hoher Tsunami trifft Japans Küste, war das erste, was ich las.

Im Posteingang eine E-Mail aus Kyoto. Es geht um Vorbereitungen für meinen Aufenthalt als Goethe-Stipendiatin dort, Namen, Kontakte und herzliche Grüße aus dem künftigen Domizil. Als die Mail abgeschickt wurde, muss das schwerste Beben in der Geschichte Japans etwa eine Stunde her gewesen sein. Es blieb unerwähnt. An diesem Freitag begann alles sehr langsam, von 19 Toten ist die Rede, einfach weiterarbeiten, dachte ich mir, für den gesamten Pazifikraum wird eine Tsunami-Warnung rausgegeben, weiterarbeiten, 26 Tote, 90 Verletzte, Brand in einem Atomkraftwerk, Evakuierung auf Haiwaii, weiterarbeiten. Japan ruft für die Umgebung des Atomkraftwerks Fukushima den nuklearen Notstand aus. Weiterarbeiten kaum noch möglich.

Heute, vier Tage später, um 00:05 gibt es die erste Meldung, dass es in Fukushima auch in Reaktor 2 zur Explosion gekommen sei. Im Unterschied zu den Explosionen in den Blöcken 1 und 3 scheint dieses Mal auch der innere Druckbehälter betroffen zu sein. Alle paar Minuten kommen jetzt neue Meldungen, erhöhte Radioaktivität gemessen, Dampf steigt auf, und zum ersten Mal habe ich deutlich das Gefühl, das war’s jetzt, in diesen Minuten passiert der Super-GAU tatsächlich.

Diese verfluchte Stahlhülle

Ich bin keine Journalistin. Journalisten haben den Vorteil, dass sie sich an Fakten halten müssen und können. Ich weiß nicht, woran ich mich halten kann. Seit Tagen schlafe ich kaum, neben dem Bett liegt der Computer und wenn ich aufwache, schaue ich, ob diese verfluchte Stahlhülle noch hält. Tagsüber klingelt immer wieder das Telefon: Ob ich schon dort bin, ob ich denn jetzt fahre, ob ich von allen guten Geistern verlassen bin, ob meine Wohnung nun frei wird. Das hängt von der Kernschmelze ab, antworte ich und kann nicht glauben, dass ich diesen Satz tatsächlich sage.

Vor einem Jahr habe ich das stillgelegte Kraftwerk in Lubmin besichtigt. Wer jemals eine solche Anlage von innen gesehen hat, kann das unmöglich für den Fortschritt halten. Das Ganze erinnert an einen Tim und Struppi-Comic. In Lubmin gibt es die Möglichkeit, in das Innere eines Reaktors zu blicken. Der eigentliche Reaktorkern ist nicht groß, er ist kleiner als das Zimmer, in dem ich gerade sitze. Und jeder weiß, wie groß ein Atomkraftwerk ist. Mit diesen Bildern im Kopf ist der Druck, der dort herrschen muss, um die äußere Betonhülle zu zerfetzen, schlicht nicht fassbar. Es gibt Dinge, die kann man sich nicht vorstellen. Das betrifft fast alles, was in den letzten Tagen aus Japan gemeldet wurde.

Ich bin, was die Medien betrifft, ziemlich skeptisch: Ich glaube also so gut wie nichts, besonders wenn es um Katastrophen geht. Doch heute weiß ich nicht mehr, woran ich glauben soll. Die Nachrichten in diesen Sekunden: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es zu einer Kernschmelze kommt, der Nikkei-Index stürzt ab, der Wind dreht auf Nordost und damit in Richtung Tokio, die Opferzahl steigt auf über 2.400. An Tag fünf nach dem Beben bin auch ich kurz davor, von einer Apokalypse zu sprechen.

Satellitenbilder der Verwüstung

Um mich herum liegen Japan-Reiseführer, Mangahefte, Animefilme, Romane von Akutagawa bis Murakami. Neulich bekam ich sogar Reisestäbchen geschenkt, die man auseinanderschrauben kann, mit einem kleinen Täschchen dazu. Ich bin frisch geimpft, habe Platz 50K gebucht, Fenster natürlich, eine sauteure Auslandskrankenversicherung abgeschlossen und mich bei einer Tagung angemeldet zum Thema: Ist Manga Literatur? Das alles erscheint plötzlich nur noch lächerlich. Im Reiseführer von National Geographic steht zur Umgebung der Stadt Sendai folgende Bildunterschrift: „Mit Pinien bewachsene Inseln im ruhigen Gewässer der Matsushima-Bucht, seit Jahrhunderten verehrt als eine der drei schönsten Landschaften Japans.“

Über diese Fotos legen sich jetzt die Satellitenbilder der Verwüstung. Alle Bilder werden immerzu von anderen überlagert. Vorher, nachher. Am Computer kann ich den Balken nach links und rechts ziehen, immer hin und her, vorher, nachher, vorher, nachher, bis ich verrückt werde. Nachher nur Schlamm und Trümmer. Über das, was darunter liegt, kann ich nicht nachdenken. Alles gerät durcheinander, ein Overkill an Informationen, Bildern, Amateuraufnahmen, Erinnerungen.

Letzte Woche sah ich einen Animefilm, in dem riesige Roboter eine friedliche Landschaft platt walzen. Sehr kleine Menschen in winzigen Flugzeugen versuchen, sie aufzuhalten. Im Film gelingt ihnen das. In zahllosen Mangas haben Maschinen die Macht übernommen und halten sich die letzten Menschen als Sklaven. Dass in diesen Tagen ein realer Kampf geführt wird, gegen die Übermacht der Natur einerseits, und gegen die Unkontrollierbarkeit der Technik andererseits, ist auf eine Art unheimlich. Nur die Superhelden fehlen.

03:07 Laut Ministerpräsident Naoto Kan ist die Strahlenbelastung rund um das Atomkraftwerk Fukushima „hoch“. Radioaktivität breite sich vom Reaktor her aus, weitere Lecks seien zu befürchten.

Mir wird schwindelig. Zu allem Überfluss muss ich jetzt ausgerechnet an den ARD-Wissenschaftsexperten Ranga Yogeshwar denken, wie er einen GAU erklärt, indem er einen Textmarker in ein Wasserglas hält und dieses Glas dann in einen Weinkühler stellt, das Ganze auch noch im Studio von Anne Will.

03:14 In Reaktor 4 der schwer beschädigten Atomanlage Fukushima 1 ist es zu einem Brand gekommen.

Auf Phoenix läuft „Der Knochenjäger“, auf ARD „Die schönsten Bahnstrecken der Welt“. Ich wusste gar nicht, dass es das noch gibt. Manchmal erscheint einem einfach alles pervers. In Deutschland sind angeblich die Geigerzähler ausverkauft und die Leute bevorraten sich mit Jodtabletten. Ich bekomme schon wieder eine Rundmail, die zur Mahnwache vor dem Bundeskanzleramt auffordert: AKWs abschalten! Mir wird langsam schlecht.

Wie lange, frage ich mich

Der Premierminister Kan ruft das Volk auf, trotz der sehr ernsten Lage ruhig zu bleiben. Es muss wirklich sehr ernst sein. Ich kann mir kein ruhigeres Volk als die Japaner vorstellen. Die Menschen, die sich immer noch in der Nähe des Kraftwerks aufhalten, sollen in ihren Häusern bleiben. Wie lange, frage ich mich. Wie lange bleibt man in einem solchen Fall hinter verschlossenen Türen und Fenstern, Tage, Wochen, Monate. An welchem Punkt im Leben müsste man sein, dass es einem vielleicht sogar egal ist, ob man Strahlung abbekommt oder nicht. Die Japaner, die mit 70 noch aussehen wie 50, das wahrscheinlich gesündeste Volk der Welt.

04:15 Reaktorfeuer gelöscht.

Das seltsame Gefühl, dass das nun auch nicht mehr hilft. Drei andere sind schon explodiert.

Mir fällt zum ersten Mal auf, dass der Liveticker bei Spiegel Online unter der Rubrik „Panaroma“ steht.

04:42 Der Nikkei-Index befindet sich im freien Fall.

Bis vor wenigen Stunden, war ich mir noch sicher, nächsten Monat nach Kyoto zu fliegen. All die Tage war ich mir sicher. Nur ein anderes Buch würde ich wohl schreiben und in manchen Momenten war ich darüber sogar ganz froh. Jetzt weiß ich nichts mehr.

Es ist für Japan die größte Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg, sagt Ministerpräsident Naoto, und ich erlebe sie ausschließlich im Internet. Das macht die Realität nicht greifbarer.

04:51 In Tokio wird Radioaktivität gemessen.

Alles verschwimmt.

05:19 Experten erwarten für die nächsten Tage schwere Nachbeben vor der Küste Japans und warnen, einige davon könnten auch neue Tsunami-Wellen auslösen.

Wie können Menschen das aushalten?

Ich werde vom Telefon geweckt. Draußen ist es hell. In Kyoto gehen die Leute am Fluss spazieren, alles sei in bester Ordnung, höre ich. Man freue sich auf mich.

Lucy Fricke hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert und zuletzt den Roman Ich habe Freunde mitgebracht veröffentlicht (Rowohlt 2010, 192 S., 16,95 ). Im April soll sie als Goethe-Stipendiatin für drei Monate in die Villa Kamogawa nach Kyoto ziehen

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

08:00 17.03.2011

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 4