Witzig, hellwach und allemal das Ticket wert

Wissenswertes Schonungslos, unterhaltsam und subjektiv: Die monatliche Sachbuchkolumne von Prof. Dr. Erhard Schütz
Gregor Sander erkundet in „Lenin auf Schalke“ den Osten des Westens – geführt von einer gewissen „Zonengabi“
Gregor Sander erkundet in „Lenin auf Schalke“ den Osten des Westens – geführt von einer gewissen „Zonengabi“

Foto: Selin Verger/Picture Alliance/dpa

Während die Narratologie sich in feinste Verästelungen spezialisiert hat und ohne Narrativ kein PR- oder Polit-Narr mehr auskommt, hat der jüngst verstorbene, große Hermann Bausinger, der die verstrickte Volkskunde zur Empirischen Kulturwissenschaft befreite, in seinem letzten Buch das Erzählen wieder zurück unter die Leute gebracht. Zwar rufe das Stichwort Erzählen „die Vorstellung einer freien und zeitlich unbedrängten Kommunikation hervor“, aber er, der 1968 über Formen der Volkspoesie geschrieben hat, zeigt hier die kompakte Alltagswelt der „einfachen Formen“ – Witz, Fabel, Märchen, Lügengeschichten wie Foaf Tales (Stichwort: Spinne in der Yucca-Palme), betrachtet Aberglaube und Unglaubliches, die rhetorischen Fragen über den Gartenzaun ebenso wie die produktiven Missverständnisse des Kannitverstan. Gespickt mit Anekdoten, lenkt er die Aufmerksamkeit auf die Funktion von Pointen oder Wiederholung ebenso wie auf das Handy als Instrument und Anlass von Erzählen im Alltag. Unterhaltsam und erbaulich, jedenfalls mit wahrhaft unprätentiöser Weisheit reflektiert und, ja, erzählt!

Wenn einer eine Reise tut … Joseph Roth ist gern gereist. Die USA schätzte er nicht, von Sowjetrussland war er tief enttäuscht. Die eigentlichen Pole seiner Reisen blieben Frankreich und Polen. Die Serie Die weißen Städte berichtete 1925 aus Frankreichs Süden, Juden auf Wanderschaft folgte 1927 deren Spuren durch Polen. Beides noch immer taufrisch, obwohl die Welt, von der er da erzählte, längst nicht mehr existiert. Ergänzt um zwei weitere Texte, die Weißen Städte dabei erstmals in der Fassung letzter Hand, mit einem Essay von Volker Breidecker versehen, kann man sie jetzt in einer edlen Ausgabe wiederlesen.

Auch dieses Jahr wird um den 18. November herum noch mal ein Proustjahr werden: 100. Todestag. Doch muss man bis dahin nicht warten, kann zum Beispiel mit dem Proustkenner Jürgen Ritte seinen Spuren am Genfer See nachgehen. Das Thermalbad Evian war „the place to be“ für alle Reichen, die Linderung vor allem ihrer Langeweile suchten. Selbst wenn einem Proust Hekuba ist, ist dies Büchlein durch seine kulturhistorischen Erkundungen wie zeitgenössischen Illustrationen der Lektüre wert: eine feine Miniatur aus der Zeit, als noch Fürsten und nicht Oligarchen jene Villen betrieben, die Orte sogenannter gesellschaftlicher Ereignisse waren.

Mit Proust aber ist es doch einiges runder. Er war ja gar nicht der bettsüchtige Stubenhocker, auch nicht der müßiggängerische Salontiger, als den man ihn gern karikiert. Sondern viel unterwegs und alleweil fleißig schreibend. Briefe zumal. In Evian war er öfters, unter anderem 1899 mit der Mama. Blieb aber länger als diese und schrieb ihr veritable Plaudereien, von denen einiges in die Recherche einfloss. Mit seinen hypochondrischen Ansprüchen, „Albtraum aller Hoteliers“, war er zugleich im opulenten Milieu der Landsitzbesitzer und ihrer luxurierenden, feingeistigen Damen bestens vernetzt.

Bleiben wir in der Schweiz. Bleiben wir bei den Heilungsuchenden: Dichter und Denker – also auch Heilsuchende. Nun aber in den Bergen. Andreas Lesti ist der literarische Bergführer. Hier nimmt er mit auf eine unterhaltsame Bergtour, Höhen des Luziden, Tiefen von Krankheit und Wahn. Sich selbst als Führer dabei nicht vergessend, erzählt Lesti unterhaltsam neben fast unzählbaren anderen von Arthur Conan Doyle oder Kästner, Friedrich Nietzsche oder Richard Wagner. Von Davos, Sils Maria oder Zermatt. Besonders intensiv vom Ehepaar Mann in Davos, sowie vom Ehepaar Adorno und dem Verhängnis, dass dies nicht im milderen Sils Maria, sondern im anstrengenderen Zermatt urlaubte, wo Adorno am 6. August 1969 im Krankenhaus von Visp einem Herzinfarkt erlag.

Warum in der Ferne schweifen? Statt den ICE ins Ruhrgebiet nehmen? Also mit dem in Schwerin geborenen Gregor Sander über Dortmund – dessen Bier ihm nicht schmeckt – nach Essen, umgestiegen gen Gelsenkirchen. Ärmste Stadt Deutschlands, höchste Arbeitslosenzahl, geringstes Pro-Kopf-Einkommen. Sander erkundet den Osten des Westens. Geführt von Zonengabi (weiland Titelbild der Titanic) und ihrem Freund Ömer, der ihn Kevin nennt, geht es an Getränken und Tränken wie der „Trinkhalle am Flöz“, die aber in echt eine veritable Bar ist, entlang durchs Schalker Revier. Backstein-Expressionismus, der 20-Tonnen-Herkules von Lüpertz, zum Rhein-Herne-Kanal, der Gelsenkirchen in zwei Welten teilt, ja, auch auf Schalke (nebst Fanfriedhof), ja, auch zum Lenin-Denkmal, das von der MLPD, Hoffnung aller Verdammten dieser Erde, vor einer Sparkasse errichtet wurde. Er wird eingeweiht in den abgründigen Untergrund: Wenn nicht Tag und Nacht abgepumpt würde, söffe das Ruhrgebiet in toto ab. Bekannt gemacht mit nichtgermanenwurzeligen AfD-Wählern – und das ist noch lange nicht alles. Pfiffig, witzig, hellwach und allemal das Ticket wert!

Info

Vom Erzählen. Poesie des Alltags Hermann Bausinger Hirzel 2022, 206 S., 22 €

Rot und Weiss. Wanderer zwischen Städten Joseph Roth Die Andere Bibliothek 2022, 334 S., 44 €

Marcel Proust am Genfer See Jürgen Ritte Insel 2022, 137 S., 14 €

Zauberberge. Als es die Dichter und Denker auf die Schweizer Gipfel zog Andreas Lesti Bergwelten 2022, 192 S., 20 €

Lenin auf Schalke Gregor Sander Penguin 2022, 192 S., 20 €

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