Von Juli Zeh bis Daniela Krien: Provinz im Gesellschaftsroman

Dorf-Renaissance Die Literatur entdeckt das Dorf. War da nicht schon mal was? Eine Schau am Bodensee erinnert daran

Die Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld außerhalb der Stadt steht schon länger hoch im Kurs. Sie ist in der Literatur wieder so ein großes Thema, dass Julia Encke in der FAS der Literatur eine „Verdorfung“ attestierte. Ob Juli Zeh, Judith Herrman oder Daniela Krien, das Dorf sei „der Star des Gegenwartsromans“ und Zehs Roman Unterleuten von 2016 der Startschuss für die Dorf-Renaissance gewesen. Das Buch erzählt multiperspektivisch über Konflikte, die sich beim Bau eines Windparks in Brandenburg ergeben, man sieht am engen Horizont die Themen unserer Zeit. Bloß, so Encke, bleibt die Weltschau solcher Romane in der Provinz hängen, als bestünde ein Zusammenhang zwischen Dorf und einer neuen Gemütlichkeit.

Aber der Wunsch, rauszugehen und das einfache Leben zu finden, ist viel älter. Die Geschichte beginnt im 19. Jahrhundert, mit den Autorinnen und Künstlern, die sich ab dem Anfang der Moderne am Bodensee einfinden, und denen sich dort nun eine Ausstellung im Zeppelin-Museum widmet: Beziehungsstatus: Offen. Kunst und Literatur am Bodensee.

Bei Nacht und Sturm ist der See in Süddeutschland ein kleines wütendes Meer. Gut nachvollziehbar, warum es die westfälische Romantikerin Annette von Droste-Hülshoff gerade hierher zog. Die Freiin aus einem alten münsterländischen Adelsgeschlecht war unverheiratet und wollte Schriftstellerin werden, deshalb blieb ihr nur die Flucht vor der repressiv katholischen Familie. 1835 verliebte sie sich in die wild-sanfte Landschaft, und beschloss, ein Haus mit Weinberg zu kaufen. Aber lange konnte sie ihr Anwesen nicht genießen, denn im Mai 1848 starb sie. Nachts, am Ufer des Bodensees, kann man tatsächlich ein bisschen Weite spüren, wenn das Schweizer Ufer kaum sichtbar herüberblinzelt.

Friedrichshafen ist ein verschlafener Ort, wurde aber durch Zeppelinbau und Luftfahrt doch bedeutend. Autos, Flugzeugmotoren und, klar, Luftschiffe. Das Museumsgebäude war einst der Hafenbahnhof am Nordufer des Sees, ein elegantes, luftiges Gebäude, mit Travertin verkleidet. Es wurde zwischen 1929 und 1933 erbaut und erst eröffnet, als die Nazis schon an der Macht waren. Der Entwurf, der Neuen Sachlichkeit verpflichtet, war plötzlich aus der Zeit gefallen. Die Alliierten warfen Bomben auf die kriegswichtige Kleinstadt, bis fast nichts mehr von ihr übrig blieb. Heute liegt zwischen der Fußgängerzoneninnenstadt, die hier vielleicht noch ein bisschen trister ist als anderswo, und dem See immer noch der Bahnhofsbau mit dem Museum. Es ist besonders, denn es ist ein Technikmuseum – ein Teil des Luftschiffs Hindenburg ist rekonstruiert zu sehen – mit einer Kunstsammlung.

Die Seeufer sind ein Labor für so Vieles, was das 20. Jahrhundert bestimmt hat, und das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen vereint das Viele jetzt. Die kleinteilige Schau soll zum Mitmachen animieren, so wünscht der Kurator Mark Niehoff, und zugleich intim sein wie ein Wohnzimmer. Es gibt viel zu sehen und zu lesen: Gemälde, Zeichnungen, Briefe – schließlich geht es um die offene Beziehung, die Literatur und bildende Kunst miteinander führen. Die Ausstellung erfordert eine Verlangsamung, mit ihren zahlreichen Exponaten, die in Vitrinen und Nischen angeordnet sind, überhaupt fordert sie einiges.

Eigentlich ist es merkwürdig, dass diese Gegend, die vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert keine bedeutende Rolle für Politik oder Kultur mehr spielte, so eine Anziehungskraft ausübte. Die freien Reichsstädte, die sich hier angelagert hatten – St. Gallen, Konstanz, Überlingen, Lindau – gerieten in Vergessenheit, bis die Romantiker*innen hierher kamen. Droste-Hülshoff lebte beinahe genau in der Zeit zwischen zwei Revolutionen – der Französischen und der Märzrevolution nämlich. Ihre Biografie deckt sich mit dem, was der Philosoph Hans Blumenberg einmal eine Epochenschwelle zwischen der Frühen Neuzeit und der Moderne genannt hat.

Zumutungen der Moderne

Diese Verdichtung der mitteleuropäischen Moderne an einem Ort mag darin begründet sein, dass hier Deutschland, die Schweiz und Österreich aufeinandertreffen. Bestimmt hat es aber mit der Abgeschiedenheit dieses Ortes zu tun, fast möchte man sagen: mit seiner Provinzialität. Zuerst kamen die Lebensreformer. Ein bisschen nördlich des Sees wurde gleich nach dem Ersten Weltkrieg das Internat Schloss Salem gegründet, zunächst national und konservativ ausgerichtet, aber die Linie änderte sich, denn die Gründer waren offen für die Ideen der Reformbewegung. Die Schule zog weltgewandte und wohlhabende Familien der Weimarer Republik an. Golo und Monika Mann lernten hier, und auch die Tochter des Architekten Mies van der Rohe. In jenen Jahren wurde der Mythos um das Internat zementiert, der bis heute andauert.

Die Reformjünger stehen an der Schwelle zu einer Zeit, die vielleicht ein bisschen der unseren ähnelt. Der in Riga geborene Schriftsteller Bruno Goetz, zum Beispiel. Er zog an den Bodensee, nachdem er auf dem Monte Verità in Ascona gelebt hatte, wo sich um die Jahrhundertwende Künstler niedergelassen hatten. Sie suchen Verjüngung und eine Kur für die Krankheit namens Moderne. Mit diesen Ideen im Gepäck stieg Goetz vom selbsternannten Berg der Wahrheit und ging an den Bodensee. Er bezog mit seiner Frau, der Malerin Elisabeth Goetz von Ruckteschell, das Haus am Regenbogen, wo sie eine Art Proto-Hippie-Idyll aufbauten. Hier entstanden kristalline Gemälde von gespenstisch leeren Großstädten, wie eine Anklage gegen die Zumutungen des Industriezeitalters. Es wurden Literaturzeitschriften herausgegeben und Feste gefeiert. Das alles oft bei Kerzenlicht, denn nicht immer konnten die Bohemiens ihre Stromrechnung bezahlen. Die Nachbarn fanden schnell einen Namen für die Wohnstatt der Sonderlinge: Hungerhügel.

Das Haus wiederum gehörte dem Bruder von Ludwig Binswanger, Schüler von C. G. Jung, Psychiater und Leiter der Nervenheilanstalt Bellevue am Schweizer Ufer des Sees. Das war ein Zauberberg für ausgebrannte Intellektuelle. Hier waren Sigmund Freud und die Familie von Thomas Mann zu Gast, der Direktor war mit Martin Heidegger und mit Edmund Husserl befreundet, der Maler Ernst Ludwig Kirchner ließ sein Kriegstrauma hier behandeln und porträtierte den Psychiater mit den traurigen Augen. Berühmt geworden ist Aby Warburgs Vortrag über die Rituale amerikanischer Ureinwohner, in dem der Kunstwissenschaftler mythisches Denken mit der Philosophie der symbolischen Formen verflicht. Warburg, der in der Heilanstalt saß, weil er gedroht hatte, sich und seine Familie umzubringen, sollte mit dem Vortrag seine Genesung beschleunigen. Das war Binswangers Idee. Eine sonderbare Verschränkung von Orten und Zeiten hatte Platz in den hellen, weitläufigen Räumen der Anstalt.

Das Ende kam bald. Einige der Autoren vom Ufer legten 1933 Adolf Hitler das Treuegelöbnis ab, darunter Ludwig Finckh, ein Freund von Hermann Hesse, der sich daraufhin von ihm abwandte. Da wird deutlich, wie nah Land und Heilung manchmal bei Blut und Boden liegen. Die Avantgarde driftete mit der Nazizeit auseinander. Andere wiederum flohen hierher, um dem Terror zu entgehen. Otto Dix wurde von den Nazis gezwungen, seine Professur in Dresden aufzugeben. Er ging an den Bodensee und langweilte sich: „Hier war ja weiter nichts. Ich bin verbannt worden in die Landschaft“, sagte er später. Die Frustration merkt man den Bildern des Großstadtmalers an. Nach 1945 konnte die Region nicht mehr so recht an die Jahre davor anschließen.

Der Hipstervorwurf

Die Ausstellung lässt Figuren auftreten wie ein Gesellschaftsroman, die verwandt, verheiratet oder in losen Affären verbunden sind, bis einem der Kopf schwirrt. Und die polyamourösen Bindungen um die Familien Mann und Wedekind sind da noch gar nicht eingerechnet. Die Schau wirkt komplettistisch, als wollte sie fast alles erzählen. Wie nebenbei ist Beziehungsstatus: Offen aber auch eine ganz gegenwärtige Ausstellung, mit all dem Ausprobieren von neuen Lebensentwürfen, der Mischung von Arbeit und Leben und der Kreativität als höchstem Gut. Trotzdem verschenkt sie gerade da ihr Potenzial. Denn als Brücke ins Heute muss Martin Walser herhalten, der am See geboren ist und schon lange dort lebt, dabei führen noch viel mehr Wege in die Gegenwart – aber indirekt.

Einer davon beginnt damit, dass diejenigen, die sich jetzt für Avantgarde halten, wieder in die Provinz schielen. Die Kritikerin Julia Encke findet das schlimm. Sie schreibt über Dorfkrimis und über die Feuilletonlieblinge, und darüber, wie verrückt die Vorstellung ist, dass Literatur über Provinz irgendetwas mit der Gesellschaft zu tun hat. Sie unterstellt Autor*innen Eskapismus und Gentrifizierung.

Zum Beispiel der Schriftstellerin und Filmemacherin Lola Randl. Sie bekommt von Encke den Hipstervorwurf ab. Dabei hat Randl (der Freitag 19/2019) wahrscheinlich den besten Dorfroman der vergangenen Jahre geschrieben – Der Große Garten –, der mit gespielt naiver Sprache über Regenwürmer, Leben und Tod erzählt. Der Kosmos im Gemüsebeet, sozusagen, und dabei findet Randl doch eine ganz neue Form, eine akribische Beschreibungsliteratur für Biogärtner*innen. Bloß lautet Enckes trostlose Diagnose, dass die Dorfwerdung Gegenwartsliteratur öde und homogen macht. Man bekomme nämlich in der Uckermark (oder am Bodensee) nichts von den Erschütterungen und Ängsten der großen Konflikte mit. Wie falsch sie liegt, kann man im Zeppelin-Museum sehen, denn die Umwege der (Literatur)geschichte führen oft durch die Provinz, aufs Dorf und in die Peripherie, und manchmal beginnen die Wege hier auch.

Man muss daran denken, was Rem Koolhaas 2020 in seinem Buch Countryside: A Report dem neuen Jahrzehnt auf den Weg gibt: „Das Land muss wiederentdeckt und besiedelt werden, um am Leben zu bleiben.“ Und das stimmt ja, wir stehen wieder an (nicht nur) einer Schwelle – und passenderweise liegt das Gravitationszentrum von Beziehungsstatus: Offen gerade in den Zwischenkriegsjahren des vergangenen Jahrhunderts –, mit knappem Wohnraum in den Städten und all den Herausforderungen rund um ökologisches Wirtschaften. Das Land, so der niederländische Architekt, war allzu lange ein vergessenes Reich. Vielleicht wird es Zeit, wieder davon zu erzählen.

Info

Beziehungsstatus: Offen. Kunst und Literatur am Bodensee Zeppelin-Museum Friedrichshafen bis 6. November

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