Provinz ist nicht

Krimi Berühmt machte ihn seine „Kiez-Trilogie“. Für sein neues Buch „Verdammte Liebe Amsterdam“ kehrte der 76-jährige Frank Göhre ins Rotlichtmilieu zurück

Kleine Vorbemerkung: Das Gespräch fand im Januar 2020 auf St. Pauli statt, zunächst im Restaurant Piceno, einem Stammlokal Göhres seit den Achtzigern, und anschließend in der Wohnung Münteferings. Es dauerte etwas über vier Stunden, dabei wurden drei Flaschen Rotwein geleert.

Als Frank Göhre eines Nachts nach einer Party nach Hause kommt und die Treppen zu seiner Wohnung im eher bürgerlichen Hamburger Stadtteil Eimsbüttel hochsteigt, stürzt ihm plötzlich eine splitternackte junge Frau entgegen. Mit schreckgeweiteten Augen und panischem Gesichtsausdruck rast sie an Göhre vorbei auf die Straße. Dass die Frau aus seiner eigenen Wohnung kommt, ist für ihn keine große Überraschung. Weil er seit einigen Tagen einen Mitbewohner hat: Günter „Bonny“ Bonnet, ein ehemaliger Zuhälter ohne große Zukunftsperspektiven.

Bonny ist in Hamburg verbrannt, seit er von Spiegel bis Hamburger Morgenpost jedem seine Geschichten vom Kiez erzählt hat, von den Pinzner-Morden vor allem, und davon, wer angeblich dahintersteckte. Werner „Mucki“ Pinzner, der „Killer von St. Pauli“, war ein Auftragsmörder, der im Auftrag eines Zuhälters (und eventueller Hintermänner aus der besseren Gesellschaft) unliebsame Konkurrenten aus dem Weg räumte. 1986 erschoss er in U-Haft seine Frau, den mit dem Fall befassten Staatsanwalt und sich selbst.

Brinkmann, Fauser

Bis heute ranken sich diverse Verschwörungstheorien um diesen Abgang. Auch Frank Göhre hat darüber geschrieben, in seinem großen Kiez-Requiem Zappas letzter Hit. 2006 war das, und Göhre schloss damit eine kurze Reihe ab, die wie kaum eine andere den deutschen Kriminalroman geprägt hat und immer noch prägt. Jetzt, 14 Jahre später, kehrt Göhre mit seinem neuen Roman Verdammte Liebe Amsterdam zurück auf die „geile Meile“, taucht noch einmal ein in die Faszination St. Pauli – nur um sofort wieder aufzutauchen.

Verdammte Liebe Amsterdam ist alles andere als ein fünfter Band der „Kiez“-Geschichten, sondern so etwas wie ein „Best of Göhre“. Auf schlanken 160 Seiten gelingt ihm das Kunststück – ausgehend von einem Mann, der herausfinden will, warum sein Bruder auf einem Rastplatz bei Köln erschlagen wurde –, eine hochkomplexe Geschichte zu erzählen, die durch diverse Schauplätze – Hamburg, Köln, Recklinghausen, Amsterdam – und mehrere Jahrzehnte jagt. Eine der Figuren in diesem personalintensiven Buch trägt den Namen Bonnie. Er verkörpert den alten Kiezianer, der, auch wenn er meist auf der falschen Seite des Gesetzes stand, doch noch so etwas wie eine Moral hat. „Eigentlich wollte ich ja ein Buch über Bonnys Lebensgeschichte schreiben, damals Ende der Achtziger. Aber daraus wurde nichts, auch weil die Tonbänder unserer stundenlangen Interviews bei einem Brand auf meinem Dachboden vernichtet wurden. Und als ich jetzt Amsterdam schrieb, fiel er mir wieder ein. Bonny war als Zuhälter nie eine große Nummer, hatte nie viel Kohle, und wenn, wurde sie auf den Kopf gehauen. Wir haben uns oft getroffen, und er war ein teuflisch guter Erzähler – auch wenn längst nicht alles stimmte. Wir wurden Freunde, bis er dann das Mädchen aus meiner Wohnung prügelte. Es stellte sich heraus, dass es eine Prostituierte war, die er am Hauptbahnhof aufgegabelt hatte und die ihn bestehlen wollte.“

Frank Göhre, aufgewachsen in Bochum, kommt 1981 nach Hamburg. Er will schreiben, fürs Radio, aber auch Kriminalromane. Zu diesem Zeitpunkt hat er schon ein bewegtes Leben hinter sich. Gymnasium mit 15 abgebrochen, Lehre, erste Kontakte zum kriminellen Milieu. „Mit 16 habe ich meine Lehre in einem Großhandel für technische Gase gemacht. Und wenn das Wochenende sich näherte, kamen mit schöner Regelmäßigkeit die fetten Kisten vorgefahren, und die Herren bestellten das sogenannte kleine Besteck. Das waren je eine Flasche Sauerstoff und Acetylen sowie ein Schweißbrenner – die fällige Kaution konnten wir behalten, die Sachen haben wir meist von der Polizei wiederbekommen. Mir war klar, dass das Kriminelle waren, aber wir freundeten uns an. Erst kam ich mit ihnen ins Gespräch, dann mit auf die Partys. Das hat viel Spaß gemacht damals, auch weil immer Mädels dabei waren, die für alles zu haben waren. Ich war neugierig, ich fühlte mich wohl, habe aber niemals was Kriminelles verbrochen.“

Feines Lokal, Rowohlt zahlt

Die Faszination für das Milieu, sie wird Frank Göhre ein Leben lang begleiten. Und bis heute kann er sich nicht erklären, wo sie herkommt, auch seine Frau Eva hat ihn das schon oft vergebens gefragt. Göhre ist nicht der typische Schriftsteller, für ihn gilt „nur gucken, nicht anfassen“ nicht. Auch nicht, als er beginnt, Anfang der Achtziger durch die Bars und Bordelle von St. Pauli und St. Georg zu streifen, und schnell die großen und kleinen Nummern der Hamburger Halbwelt kennenlernt.

Aber vielleicht wäre das alles gar nicht passiert – vielleicht wäre Göhres Leben ganz anders verlaufen, bestimmt aber sein Schreiben ein ganz anderes geworden –, wenn er nicht eines Mittags ein Ticket nach Reinbek gelöst hätte, ein Örtchen in der Nähe von Hamburg, das man nur kennt, weil hier zwischen 1960 und 2019 der Rowohlt-Verlag zu Hause war. Und hier trifft Göhre einen Mann – Richard K. Flesch, Spitzname „Leichen-Flesch“ –, der als Herausgeber der Taschenbuchkrimireihe „rororo Thriller“ einen erheblichen Anteil an der Entwicklung des anspruchsvollen Kriminalromans in Deutschland hatte. „Flesch war ein richtiger Herr, im Dreiteiler. Und bevor ich noch viel sagen konnte, hieß es schon: Jetzt gehen wir erst mal essen. Wir saßen in diesem feinen Lokal, und dann sagte er den legendären Satz: ,Schauen Sie nicht auf die rechte Seite der Speisekarte, Rowohlt zahlt.‘ Zurück im Verlag, holte Flesch eine Flasche Whisky und zwei Gläser aus der Schreibtischschublade, goss ordentlich ein und fragte mich: ,Was wollen Sie denn schreiben?‘“ Göhre war zu diesem Zeitpunkt kein Neuling mehr in der Kulturszene, er hatte in Köln eine zweite Lehre als Buchhändler und als Aktivist in der Lehrlingsbewegung Straßentheater gemacht, danach für den Rundfunk und in der Leitung eines kleinen Verlags gearbeitet. Er hatte Jörg Fauser kennengelernt und Rolf Dieter Brinkmann, dessen Art zu schreiben Frank Göhre nachhaltig prägte. Dass er einmal Krimiautor werden würde, hätte sich Göhre damals nicht vorstellen können. Er las zwar seit früher Jugend Krimis, wahllos von Edgar Wallace bis Mickey Spillane – gern, aber vielleicht auch ein wenig gleichgültig. Eine zufällige Entdeckung in der Stadtbibliothek Soltau sollte das ändern. „Ich war 1980 Stadtschreiber in Soltau und entdeckte in der Bibliothek die Romane von Friedrich Glauser. Ich fing an zu lesen und war sofort begeistert. Und ich wollte, dass mehr Leute das kennen. Ich habe dann für den Arche-Verlag eine Neuausgabe der Reihe um den Wachtmeister Studer herausbringen können, unter der Voraussetzung, dass ich für jedes Buch ein Vorwort schreibe. Heute gelte ich vielen als Entdecker Glausers für Deutschland.“

Friedrich Glauser war ein Schweizer Schriftsteller, der inzwischen als eine der wichtigsten Figuren der deutschsprachigen Kriminalliteratur gilt. Seine vier Romane um den Wachtmeister Studer, der im Berner Oberland ermittelte, wissen auch heute noch durch ihre psychologische Finesse zu faszinieren. Für Göhre ist Glauser eine Art Lebensautor, seine Romane und seine kurze, tragische Lebensgeschichte – Glauser starb 1938 nach einem Leben, das bestimmt war von psychotischen Schüben, langen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken und Morphiumsucht, mit nur 42 Jahren –, waren prägend für Göhres Art zu schreiben; 2008 veröffentlichte er mit Mo den „Lebensroman des Friedrich Glauser“.

„Als Flesch von mir wissen wollte, was ich schreiben wollte, sagte ich: ,Psychologische Kriminalromane wie die von Glauser, nur dass sie in der Lüneburger Heide spielen sollen, mit einem Kommissar, der bei seinen Ermittlungen komplizierte Familiengeheimnisse aufdeckt.‘ Flesch hörte sich das an, schüttelte den Kopf und sagte: ,Herr Göhre, wie Sie wissen, verlegen wir Sjöwall/Wahlöö, Jerry Oster oder Janwillem van de Wetering. Romane, die in Stockholm, New York oder Amsterdam spielen. Provinz wollen wir nicht, schminken Sie sich das mal ab. Sie wohnen doch jetzt in Hamburg, schreiben Sie darüber, dann können wir ins Geschäft kommen.‘ In Hamburg war gerade die Kiez-Größe Wilfried Schulz, der es vom Bananenschlepper zum Paten von St. Pauli gebracht hatte, mit seinen Machenschaften inklusive Polizeiskandal ein großes Thema gewesen, und ich dachte, okay, ich habe mein Sujet gefunden.“

Göhre beginnt zu recherchieren, er stellt ein Archiv zusammen, das bis auf 3.000 Seiten anwachsen sollte, und er beginnt den Kiez zu entdecken. Hans Eppendorfer, der als „der Ledermann“ in Hubert Fichtes gleichnamigem Interviewband bekannt ist, wurde eine der zentralen Figuren für Göhre. „Eppendorfer schwirrte jeden Abend auf dem Kiez rum und hat mich mitgenommen in die Clubs, Kneipen und Restaurants. Zum Essen ins Chinarestaurant Man Wah und immer wieder ins Chikago, ein Club am Hans-Albers-Platz, wo damals Zuhälter und andere Kriminelle auf Musiker trafen. Hier tauchte schon mal Lou Reed nach einem Konzert auf, Lindenberg und Westernhagen sowieso. Ich war fast jede Nacht unterwegs und habe unendlich viele Geschichten gehört. Berührungsängste kannte ich nicht, ich habe mich völlig auf die Situation eingelassen. Nichts von wegen nur zuhören und nicht ficken.“

Viel von dem, was Göhre in diesen langen Nächten sah und hörte, floss in seine Romane ein, vor allem in die sogenannte Kiez-Trilogie. Der Schrei des Schmetterlings, Der Tod des Samurai und Der Tanz des Skorpions, entstanden zwischen 1986 und 1991, dazu die Coda Zappas letzter Hit, sind bis heute Blaupause für die Werke vieler jüngerer KrimiautorInnen.

Eine von ihnen ist Simone Buchholz, die auf St. Pauli lebt, wo auch die meisten ihrer bislang neun Krimis um die Staatsanwältin Chastity Riley spielen: „Frank Göhre hat mir – neben Jakob Arjouni – gezeigt, dass es geht“, sagt Buchholz. „Dass es all diese zerbrochenen Figuren von Autoren wie Raymond Chandler und Hubert Selby auch in deutschen Städten gibt, man musste sich nur trauen, von ihnen zu erzählen.“

Fast wäre aus der Kiez-Trilogie sogar eine Filmreihe geworden, RTL war interessiert, aber es wurde dann doch nichts draus, wie das oft so ist. Wahrscheinlich ein Glücksfall, wenn man sich ansieht, wie ein anderer Privatsender Ende der Neunziger die Lebensgeschichte der Kiez-Größe Willie Bartels zu dem Sechsteiler Der König von St. Pauli verwurstete. „Die halbe Million D-Mark-Honorar war futsch, das war das Schlimmste für mich“, sagt Göhre. Fernsehen war immer das wichtigste Standbein für ihn, auch wenn seine Bibliografie enorm lang ist. Göhre schrieb für den Tatort, fürs Großstadtrevier und für Peter Strohm, auch an der Entwicklung des Quotenhits Alarm für Cobra 11 war er beteiligt.

Von seinen Arbeiten fürs Fernsehen wird möglicherweise nicht viel übrig bleiben, seine besten Romane hingegen werden wahrscheinlich auch noch in Jahrzehnten in Universitäten und Schreibschulen herangezogen werden, wenn gezeigt werden soll, was gute Kriminalromane ausmacht. Zum Beispiel ein untrügliches Gefühl für Sprache und Stil und Verknappung. Woher kommt dieser spezielle Göhre-Sound?

Fichte, Glauser

„Neben Glauser habe ich viel meiner Lektüre von Hubert Fichte zu verdanken: den Sound, den Rhythmus, die kurzen Sätze. Ich habe beim Schreiben immer schon viel collagiert, seit meinem ersten Roman Gekündigt, den ich 1973 geschrieben habe. Ich gehe beim Schreiben oft von dokumentarischem Material aus, das dann auch in den Roman einfließt. Ich will nicht alles auserzählen, will die reine Prosaform durch Realitätspartikel unterbrechen. Ich schreibe auch nicht nach einem Konzept, mache kein Exposé. Ich habe eine Idee für einen Anfang und eine vage Ahnung vom Ende und schreibe los. Was dazwischenliegt, erfinde ich jeden Tag neu. Das ist unglaublich befreiend, wenn man wie ich so viele Drehbücher geschrieben hat, wo es diese Freiheit nicht gibt. Bei Amsterdam hatte ich nicht einmal einen Verlag, der auf das Buch gewartet hat, fast niemand wusste, dass ich überhaupt einen neuen Roman schreibe.“

Lange Jahre sah es so aus, als würde Göhre nie wieder einen Roman veröffentlichen, im vergangenen Jahrzehnt kamen lediglich zwei Sachbücher über Elmore Leonard und Ed McBain, die er gemeinsam mit Alf Mayer geschrieben hat, auf den Markt. Und das hat viel mit der Hamburger Elbphilharmonie zu tun.„Die große Katastrophe, wegen der ich so lange keinen Roman mehr geschrieben habe, war mein gescheiterter Versuch, einen Kriminalroman über den Bau der Elbphilharmonie zu schreiben. Ich hatte unglaublich viel Material gesammelt, aber nach 60 Seiten kam ich einfach nicht weiter, auch weil ich zu wenig darüber weiß, was hinter den Kulissen der Baubranche passiert. Für mich war klar: Ich würde keine dickleibigen Bücher mit ,großen‘ Themen mehr schreiben.“

Verdammte Liebe Amsterdam reißt viele Themen an, erzählt wenig aus, das macht den Reiz des Romans aus. Loverboys, die Mädchen in die Prostitution zwingen, sogenannte Deprogrammierer, die Menschen von Sekten wegholen, globalisierte kriminelle Strukturen – all das klingt an in diesem großen, kleinen Roman, wird aber jederzeit der Erzählökonomie untergeordnet. „Ich war nicht vom Ehrgeiz gepackt, hatte nicht den Drang, jetzt das ganz besonders tolle Buch zu schreiben. Es sollte ein typischer Noir werden, schnell und zügig, ohne strahlende Helden und mit einem düsteren Ende. Mit dem Kiez, der hier nur am Rande vorkommt, habe ich abgeschlossen, ich finde, dass die vier St.-Pauli-Romane etwas sind, mit dem ich sehr zufrieden sein kann, und ich habe keine Lust, mich zu wiederholen. Mit den Pinzner-Morden endete in den Achtzigern eine Ära, und was danach kommt, hat mich nie wirklich interessiert.“

Und was wurde aus Günter „Bonny“ Bonnet? „Bonny ging es wie vielen aus dem Milieu, er kam nach dem Ende seiner Kiez-Karriere nur schwer wieder auf die Beine. Wurde in Niebüll ansässig, auf dem Bauernhof einer Bekannten, die er dann später auch geheiratet hat. Danach ist unser Kontakt abgebrochen, aber ich will ihn neu beleben, vor allem auch, weil er mir jetzt wieder so stark in Erinnerung ist.“

Info

Verdammte Liebe Amsterdam Frank Göhre CulturBooks Verlag 2020, 168 S., 15 €

Ende, Anfang

Die Bilder unserer Krimibeilage stammen vom Fotografen Yorgos Yatromanolakis, dem Zeit seines Lebens Naturwanderungen halfen, Inspiration und seinen Frieden zu finden. Die Serie The Splitting of the Chrysalis and the Slow Unfolding of the Wings entstand während eines Heimataufenthaltes des griechischen Künstlers, der hier immer wieder das Thema der Metamorphose behandelt, so ist auch der Titel der Reihe an den Lebenszyklus des Schmetterlings angelehnt. Mehr über Yorgos Yatromanolakis und sein Projekt erfahren Sie auf seiner Internetseite www.yatrom.net

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06:00 12.05.2020

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