Pseudopolis

Nachlese zum XXI. Weltkongress der Architekten Kein Mut zur Stadtreform

Der Film ist die vitale Kraftstation des Großstadtmenschen." Als Gerhart Pohl diesen Satz 1927 in seiner kulturpolitischen Zeitschrift Die neue Bücherschau schrieb, hatte gerade Fritz Langs Monumentalfilm Metropolis Premiere. Ein Film, der die Stadt im Jahr 2000 als steinernen Zivilisationsdschungel darstellt, mit einem Geäst aus Bahnstrecken und Autobahnen, belebt von Zügen, Autos und Flugobjekten, die sich darin wie technoide Lebewesen bewegen. Der Regisseur hatte für die Kulisse das Vorbild Manhattan fiktional überzeichnet. Mit der Wirklichkeit hatte dies wenig zu tun. Da liegt Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz näher. Aber beide, der Film und der Roman haben die Stadt als zivilisatorisches Kraftwerk beschrieben, in dem alles dem Diktat der Technik folgt - auch die Kunst. Hält man sich vor Augen, wie Shanghai und andere außereuropäische Städte im Zeitraffer ihr Gesicht verändern, alles, was gestern noch vertraut war, auflösen, dann ist Metropolis nicht mehr Fiktion. Denn was in Shanghai und sonstwo passiert, ist die Kopie des vorgelebten urbanen Zivilisationsentwurfs der westlichen Welt.
Ökologischer Kollaps, soziale Verdrängung, rigorose Vernichtung des historischen Gedächtnisses durch die Allmacht des Kapitals; all das, was der vorige Woche in Berlin tagende XXI. Architektur-Weltkongress als kulturellen Sprengstoff ausmachte, ist nicht neu, sondern spätestens seit Anfang der siebziger Jahre durch den Bericht des Club of Rome Grenzen des Wachstums bekannt und seither nur immer aktualisiert worden. "Ökologische Realpolitik" und "ökologische Stadterneuerung" - die Zünder liegen bei uns ebenso wie die Anleitung zum Entschärfen unter der Devise "Global denken, lokal handeln". Die ökologische Globalisierung ist zumindest schon gedacht worden, bevor die neoliberal aufgewärmte wirschaftliche Globalisierung handelnd auf den Plan trat.
Berlin hat vor diesem Hintergrund seine seit 1990 betriebene Stadtentwicklung immer wieder als Kurswechsel zu verkaufen versucht. Das Rezept ist in der Tat einmalig und heißt "Planwerk Innenstadt"; ein Konstrukt, das auf die verdichtete, sozial und ökonomisch gemischte bürgerliche Stadt des 19. Jahrhunderts zur Lösung der Probleme setzt, gegen soziale Isolation, Anonymität und Abwanderung den Bürger als Bauherrn propagiert und den ökologischen Verkehrskollaps mit Förderung des öffentlichen Nahverkehrs verhindern will. Wie eine Schablone wurde das Konzept über das Raster der Stadtlandschaft der Moderne gelegt. Eine "Revolution rückwärts", wie es Hans Stimmann, Senatsbaudirektor und zugleich Spiritus rector des Werkes, 1993 formulierte, die in den Siebzigern in Kreuzberg mit dem Protest gegen die Kahlschlagsanierung begann und sich in der Internationalen Bauausstellung 1987 als behutsame Stadterneuerung ein Denkmal setzte.
Doch von alledem ist unter dem Leitmotiv der "Kritischen Rekonstruktion", von Ausnahmen abgesehen, nicht mehr geblieben als eine billige Formalisierung von Stadtgrundriss und Gebäudeästhetik, die sich als "Normensuggestion der Vergangenheit" (Jürgen Habermas) selbst entlarvt. Verdichtet in Trugbildern wie Aldo Rossis Kulissenzauber am Block Schützenstraße oder an Orten wie Pariser Platz, Potsdamer Platz, Leipziger Platz, Friedrichstadtpassagen und vielleicht demnächst auch Alexanderplatz wird aus Stadtentwicklung eine beliebige Aneinanderreihung von Bühnendekorationen. Die DDR hatte dazu 1987 anlässlich des 750jährigen Stadtjubiläums mit dem Nikolaiviertel ihren Beitrag geleistet. Eines Quartiers, das der Schriftsteller Michael Bienert als "Simulation von Berliner Altstadt zwecks Hebung des Fremdenverkehrs" bezeichnete. Das Schloss mit einer barock dekorierten Betonhülle wäre in der Reihe fiktiver Orte nur die logische Fortsetzung solcher Geschichtsfälschung.
Vielerorten wirkt das neue Berlin wie eine vom "Schein des Seins" beherrschte Welt, die dem Eindruck Siegfried Kracauers 1926 in den Ufa-Studios in Babelsberg nicht unähnlich ist, der dort zwischen zusammenhanglosen Fragmenten eine beängstigende Leere der realen Welt ausmachte. Und die stellt sich heute als Mosaik eines Urban Entertainment dar. Die Architektur ist auf ihren dekorativen Charakter reduziert, die sachten Ansätze ökologischer Stadterneuerung auf verwinkelte und verengte Straßenzüge reduziert worden. Das Planwerk Innenstadt ist in seiner jetzigen Form gescheitert. Nicht nur an der profitorientierten Investorenarchitektur, sondern auch an der Arroganz seiner Strategen, die ihre früher basisdemokratischen Ansprüche nicht in Politik umsetzten.
Die reformerische Kraft der Frühmoderne bestand gerade darin, dass sie Architektur als Ausdruck der Gesellschaftsgestaltung sah. Damals in den zwanziger Jahren war Berlin auch deshalb noch Avantgarde.

00:00 02.08.2002

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