Stress für die Seele: Was hilft gegen die Angst vor der Klimakrise?

Psychologie Der Klimawandel löst bei vielen Menschen Stress und Verzweiflung aus. Warum ist das so? Und wie sähe eine Therapie aus?
Wegschauen ist nicht gesund, hinschauen auch nicht: Der Klimawandel löst Hoffnungslosigkeit und Trauer aus
Wegschauen ist nicht gesund, hinschauen auch nicht: Der Klimawandel löst Hoffnungslosigkeit und Trauer aus

Foto: Roland Geisheimer/Attenzione/Agentur Focus

So viel ist immerhin klar: In den psychotherapeutischen Praxen werden zunehmend Patienten vorstellig, weil sie unter der ökologischen Krise leiden und Angst vor dem Klimawandel haben. Typische Diagnosen lauten „Depression“ und „Zwangsstörung“, die Beeinträchtigungen reichen von Schlafstörungen bis zu Drogenmissbrauch und suizidalen Tendenzen. Angst spielt eine Schlüsselrolle, aber es geht auch um Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Trauer. Jüngere Menschen und Frauen scheinen stärker betroffen zu sein; jedenfalls nehmen sie häufiger professionelle Hilfe in Anspruch.

Psychiater und Psychologen haben das Problem lange abgetan oder als bloßes Symptom interpretiert, „Deckerzählungen“ einer zugrunde liegenden Neurose. Davon grenzen sich neuere Veröffentlichungen ab. „Wir möchten uns von der Pathologisierung des Phänomens distanzieren“, schreiben etwa Bernd Rieken und Paolo Raile, zwei Psychotherapeuten und Lehrende an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien. „Wir betrachten Eco Anxiety als Angst vor der realen existenziellen Bedrohung der globalen Erwärmung und ihrer Konsequenzen.“ Rieken und Raile unterscheiden zwischen negativen Gefühlen und Verhaltensweisen, die der Klimakrise angemessen seien, und krankhaften, behandlungsbedürftigen Emotionen und Verhaltensstrategien.

Diese Grenze zu ziehen, ist allerdings schwieriger, als es auf den ersten Blick scheint. Eine emotionale Reaktion auf die Klimakrise ist natürlich und unvermeidlich. Welcher Umgang mit ihr „der richtige“ ist – oder gar „ein gesunder“ –, lässt sich aber nur schwer beantworten.

Die Amerikanische Psychologen-Vereinigung (APA) definiert Eco Anxiety als „chronische Angst vor der Zerstörung der natürlichen Umwelt“. Der einflussreiche australische Umweltphilosoph Glenn Albrecht spricht von einer „generalisierten Auffassung, dass die ökologischen Grundlagen unserer Existenz zusammenbrechen“. Repräsentative Umfragen zeigen, dass diese Angst um sich greift. Im Herbst 2021 wurden in zehn Ländern jeweils 1.000 junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren befragt. Von ihnen bezeichneten sich insgesamt 27 Prozent als „äußerst besorgt“ wegen des Klimawandels, 32 Prozent als „sehr besorgt“. Diese Gruppe war besonders groß auf den Philippinen (84 Prozent), in Indien (68 Prozent) und in Brasilien (67 Prozent).

Die Verzweiflung nimmt sehr unterschiedliche Formen an. Da wäre zum Beispiel eine kalifornische Schülerin, 16 Jahre alt. Als im Spätsommer 2021 heftige Waldbrände den Bundesstaat heimsuchen, wird ihre Schule für einige Tage geschlossen. Die Schülerin engagiert sich in einer Naturschutzorganisation und verändert ihre Ernährung, um möglichst wenig Treibhausgase zu verursachen. „Mein Verhalten wurde zwanghaft, letztlich habe ich eine Essstörung entwickelt.“

Da wäre eine französische Mutter, 29 Jahre alt. Sie macht sich große Sorgen um die Zukunft ihres Sohnes: „Wird er genug zu essen haben?“ Sie wünscht sich ein weiteres Kind, aber wegen der Klimakrise findet sie das unverantwortlich.

Da wäre David Buckel, Rechtsanwalt in New York, passionierter Umweltschützer. Er verbrannte sich im Frühjahr 2018, im Alter von 60 Jahren. „Unser Planet wird durch Verschmutzung zerstört“, schrieb er in einem Abschiedsbrief. „Ein Leben hinzugeben wird hoffentlich etwas Bewusstsein dafür wecken, dass mehr Gegenmaßnahmen notwendig sind.“ Und da wäre schließlich ein schwedisches Mädchen mit Schlaf- und Essproblemen. Ärzte diagnostizieren Asperger-Syndrom und eine Zwangsstörung. Das Mädchen stellt sich vor das Stockholmer Parlament. Es trägt ein Schild, auf dem steht: „Schulstreik fürs Klima“.

Verdrängen, wie die Politik

Der Zusammenhang zwischen ökologischer und psychischer Krise ist allerdings selten so konkret und offensichtlich. Bei den meisten Menschen äußert sich Angst vor allem als Abwehr. „Damit will ich mich lieber nicht auseinandersetzen, das wird mir zu viel“, heißt es dann oft.

Von dieser „situativen Dosierung“ wird in der psychoanalytischen Literatur die Verleugnung unterschieden. Ihre Ausprägungen reichen vom kruden Abstreiten bis zur Relativierung. Im letzteren Fall wird die Tatsache der ökologischen Krise formell akzeptiert, „als Wahrheit anerkannt“. Dieses Wissen wird aber nicht auf die eigene Person bezogen, vor allem nicht emotional erlebt: „Das wird wohl kommen, aber anderswo und für die anderen …“ Diese Spaltung wird beispielsweise sichtbar, wenn die Zukunft der eigenen Kinder in einer um zwei oder drei Grad erhitzten Welt vorgestellt wird, ohne dass Folgen der Erderwärmung überhaupt auftauchen.

Diese sozusagen weiche, nachgiebigere Form der Verleugnung entspricht der staatlich-politischen Bearbeitung, die ja ebenfalls formelles Anerkennen mit praktischer Ignoranz verbindet. Sie ist mit Abstand die häufigste Reaktion. Diese Mehrheit bekommt die Forschung aber aus einsichtigen Gründen nicht in den Blick. Wer bei einer Befragung oder vor einem psychologischen Test angibt, er selbst habe keine Probleme mit dem Klimawandel, den betrifft Eco Anxiety scheinbar nicht.

Die Psychologie begreift Angst als Erregung, die vor allem Unlust bereitet. Angst ist niemals rational, aber manchmal eben angemessen und dient der Alarmierung. Angststörungen dagegen richten sich, der gängigen Definition zufolge, auf nicht vorhandene Gefahren oder sind unangemessen stark. Als behandlungsbedürftig gelten sie, wenn sie die Betroffenen daran hindern, einen familiären und beruflichen Alltag zu bewältigen.

Der Psychologe Albert Bandura und der Soziologe Aaron Antonovsky haben schon in den 1970er Jahren gezeigt, dass unsere seelische und geistige Gesundheit wesentlich darauf beruht, dass wir davon ausgehen, Gefahren und kommende Belastungen überstehen zu können: „Schlimme Dinge werden geschehen, aber ich werde damit schon fertig!“ Bandura spricht in diesem Zusammenhang von „Selbstwirksamkeitserwartung“. Wenn diese fehlt, macht anhaltende Angst unweigerlich krank. Bezogen auf den Klimawandel stehen wir damit vor einer kaum leistbaren Aufgabe. Pauschal auf die eigene Stärke zu vertrauen, hilft wenig in einer Krise, die die ganze Menschheit betrifft und die unabsehbare Formen annehmen wird. Die Ausmaße dieser Gefahr machen uns ohnmächtig.

Nicht nur das, beinahe jede alltägliche Handlung führt zur Freisetzung von Treibhausgasen, die die Erderwärmung antreiben. Die Infrastruktur, auf der unsere Lebensweise beruht, wird mit fossiler Energie aufrechterhalten. Auch die Straße, auf der wir eine Runde mit dem Fahrrad drehen, und das Internet, über das wir die neuesten Schreckensmeldungen über Hitzewellen in der Arktis abrufen. Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, nicht zur Erderwärmung beizutragen.

Die „Öko-Angst“ ist daher oft mit „Öko-Schuld“ verbunden. In der bereits erwähnten internationalen Umfrage gaben 51 Prozent der jungen Menschen an, Schuld und Scham zu empfinden – obwohl doch gerade sie zum Klimawandel noch fast gar nichts beigetragen haben!

Im Marketing und in der politischen Rhetorik werden Klimawandel und ökologische Zerstörung häufig zu einer Frage der individuellen Verantwortung erklärt, die Verbraucher und Wähler für den Planeten übernehmen sollen. Die Kehrseite von Verantwortung ist Schuld. Das fördert neurotische Haltungen auf beiden Seiten der Klimadebatte. Denn Schuldgefühle empfinden auch diejenigen, die das Problem abwehren und bagatellisieren. „Zunehmende Ausbeutung unserer Ressourcen bei gleichzeitiger Verleugnung der Konsequenzen verstärkt das unbewusste Schuldgefühl sowie die Angst vor Vergeltung, was umso rigider verleugnet werden muss, sodass die unbewusste Angst immer größer wird“, schreibt die Psychoanalytikern Delaram Habibi-Kohlen.

Verleugnung ist keine individuelle Fehlleistung, sondern ein angepasstes, erwünschtes Verhalten. Das angestrengte Schweigen im Familien- und Freundeskreis über den Klimawandel beruht darauf, dass andere Verhaltensweisen tabuisiert und stigmatisiert werden. Menschen mit übergroßer Klimaangst leiden deshalb insbesondere unter ihrer Isolation. Während die anderen so tun, als sei da gar nichts, übernehmen sie mehr Verantwortung, als sie ertragen können.

Hoffnung würde helfen

In einem Punkt sind sich Psychoanalytiker, Psychotherapeuten und Psychiater einig: Um Angst und Verzweiflung zu bewältigen, braucht es „realistische Handlungsoptionen“. Aber wie können wir uns selbst als wirksam erleben – das Einkaufsverhalten ändern, auf Flugreisen verzichten? Weniger umweltschädliche Parteien wählen? An Protestkundgebungen teilnehmen?

Aus therapeutischer Sicht spricht wenig dagegen. Solche Verhaltensänderungen können hilfreich sein, wenn sie von Schuldgefühlen entlasten. Durch Gespräche und Aktionen mit Gleichgesinnten kann die Isolation überwunden werden. Solange aber eine kollektive Anerkennung der Lage und entsprechende Gegenmaßnahmen ausbleiben, handelt es sich um „Simulationen von Selbstwirksamkeit“ (wie die Aktivisten Gregor Hagedorn und Felix Peter formulieren). Sie werden die Erderwärmung nicht aufhalten. Eco Anxiety entsteht aus der kaum zu überbrückenden Kluft zwischen dem eigenen Erleben und der gesellschaftlichen Reaktion.

Psychologische Behandlungen können dieses Dilemma nicht auflösen, höchstens bewusst machen. Sie müssen Raum lassen für Verzweiflung und Abschied. Oft werden Therapeuten und Therapierte nur ihren Schmerz teilen können. „Hoffnung ist ein essenzieller Faktor, um Ängsten vor dem Klimawandel erfolgreich begegnen zu können“, betonen die beiden Psychotherapeuten Rieken und Raile. Aber Hoffnung lässt sich nicht erzwingen und nicht antrainieren.

Matthias Becker arbeitet als freier Print- und Radiojournalist in Berlin

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