Psychologie heute

Arbeitsstil Ein Hoch auf den Schlafanzug als Arbeitskleidung! Auch wenn so mancher Motivationsexperte damit kaum einverstanden sein dürfte
Susanne Berkenheger | Ausgabe 43/2014 2
Psychologie heute
Der Musiker Chilly Gonzales: ein Vorreiter in Sachen moderner Arbeitskleidung

Foto: Pierre Verdy / AFP / Getty Images

Im Schlafanzug schreibe ich diese Worte. Das ist natürlich verheerend. Vor allem, weil ich genau weiß, was Psychologen dazu sagen würden. „Niemals im Pyjama arbeiten“, würden sie sagen. Nicht im Büro. Aber schon gar nicht zu Hause. Niemals! Nicht mal Casual Style erlauben sie. „Tragen Sie keine Jogginghose“, warnt die Motivationsexpertin Bettina Rohe.

Immerhin aber schreibe ich diese Worte an einem echten Tisch. Wobei, den ersten Satz habe ich mir noch im Bett überlegt. Unfassbar! Psychologisch echt unterste Schublade. Wenn schon aus Platzmangel mein Wohn- und Arbeitsbereich nicht strikt getrennt werden können, wie es der Motivationscoach Christian Weilmeier dringend rät, hätte ich zumindest ins Bad springen, mich duschen und das Businesskostüm anziehen, die Tasche schultern und dann eine schnelle Runde im Flur drehen müssen, bevor ich zurück ins Zimmer komme und rufe: „Verdammt, schon wieder zu spät, die S-Bahn bringt mich noch um!“ Dadurch hätte sich bei mir dieses wichtige Gefühl des Zur-Arbeit-Gehens eingestellt, und ich hätte ganz andere erste Worte getippt, nämlich: „Der zugemüllte Schreibtisch meines Kollegen erinnert mich entfernt an mein ungemachtes Bett zu Hause.“ Was für Einstiege wären das gewesen!

Solche Einstiege gelingen aber nur im Businesskostüm. Denn: „Wer sich so anzieht, wie er es auch für den Gang ins Büro seines Arbeitgebers tun würde, gibt seiner Tätigkeit die nötige Seriosität und Ernsthaftigkeit.“ Okay! Aber meine Arbeitgeber wollen gar nicht, dass ich mir einen Gang zu ihnen auch nur vorstelle. Denn die arbeiten vermutlich nur in Bettlaken eingewickelt. Würde mich bei denen nicht wundern.

Panisch fällt mir die altbekannte Arbeitspsychologenregel ein: Seien sie niemals besser gekleidet als der Chef! Herrje, ich bin overdressed mit meinem Schlafanzug. Halt, ganz ruhig! Ich bin Freiberufler. Ich habe keinen Chef, ich habe Kunden. Über Kunden weiß ich vom Verkaufsgenie Martin Limbeck: „Ein guter Verkäufer ist immer einen Tick besser gekleidet als seine Kunden. Nur einen Tick, nicht eine, zwei oder drei Klassen besser“, sagt Limbeck. Eben! So passt es. Nur im Schlafanzug, mit dem ich eben jenen entscheidenden Tick besser als mein Kunde gekleidet war, konnte ich diesen Text überhaupt an diese Zeitung verkaufen. Vielen Dank, liebe Psychologen.

Susanne Berkenheger ist Autorin des Buchs: Ist bestimmt was Psychologisches. Wie ich auf Therapien, Tricks & Tipps pfiff und unfassbar glücklich wurde (Goldmann)

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