Die Grenzen der Empathie im Krieg

Psychologie Was bedeutet unsere Anteilnahme an diesem Krieg? Fritz Breithaupt, Autor von „Die dunklen Seiten der Empathie“, warnt vor falschen Konsequenzen
Die Grenzen der Empathie im Krieg

Fotos: Daniel Leal/AFP/Getty Images, Johannes P. Christo/Getty Images

Krieg fokussiert nicht nur unsere Aufmerksamkeit, sondern schürt auch unsere Empathie und Anteilnahme wie kaum ein anderes Ereignis. Die sterbende junge Mutter bin auch ich. Oder die entschlossene junge Frau, die jetzt an die Front geht, oder der mutige Präsident, der nicht aus der Hauptstadt weicht. Die schrecklichen Taten, das Leiden, die einschneidenden Ereignisse, die schnellen Veränderungen und der Druck, etwas zu tun, sind Anstoß und Auslöser von empathischer Anteilnahme an den Schicksalen der Menschen. Doch wie genau geschieht dies? Und welche Konsequenzen hat die Anteilnahme? Meine Grundannahme ist dabei, dass es nicht die eine Konsequenz gibt, sondern sehr verschiedene, und nicht nur gute. Es kommt darauf an, wie genau wir von dem Geschehen angezogen werden und welche Perspektive wir einnehmen.

Auch um die Empathie-Abstumpfung als eine Konsequenz geht es, denn mit Verblüffen können wir registrieren, dass in manchen deutschen Medien die Kriegsberichterstattung aus der Ukraine bereits an Platz zwei oder drei gerückt ist. Innenpolitische Ereignisse, wie etwa die Kritik an der Familienministerin, stehen bisweilen an erster Stelle. Auch die erschreckende Nicht-Diskussion der Ansprache Selenskyjs im Bundestag gehört hierher, als die Abgeordneten schlicht zur Tagesordnung übergingen. Deutschland gilt international als das schwache Glied im westlichen Bündnis.

Perspektivisch

Aber zunächst muss man sich fragen, was die konkreten Auslöser von Empathie sind. Ein kräftiger Impuls zur Empathie geht vom Druck aus, sich zu positionieren. Im Fall eines Konflikts gibt es klare Fronten, die uns eine Parteinahme nahezu aufzwingen. Wir entscheiden uns hier meist schneller, als wir es selbst wahrnehmen, und erleben die Ereignisse spontan aus der Perspektive der einen oder anderen Partei mit. Im Fußball findet man sich beim Elfmeter entweder als Torwart oder als Schütze wieder. Das ist natürlich noch keine Empathie, sondern erst einmal das Einnehmen einer Perspektive. Doch aus der Perspektive wird schnell das Teilen einer Erfahrung mit den entsprechenden Emotionen, die zur Empathie führen. Ein Schriftsteller wie Peter Handke teilt die angebliche „Angst des Torwarts vor dem Elfmeter“; Menschen, die selbst Fußball spielen, leiden mit dem Schützen mit, der mehr zu verlieren hat. Ich spreche hier vom Drei-Personen-Modell von Empathie (Three-Person Model of Empathy), also einer Beobachterin und zwei Parteien im Konflikt.

Beim Krieg ist die Parteinahme als Auslöser von Empathie besonders deutlich. Wir sehen die Ereignisse aus der Sicht einer Partei, häufig aus der Sicht der Opfer. Daraus wird schnell ein emotionales Miterleben dieser Position, ein Mit-Leiden, Mit-Verzweifeln oder Mit-Hoffen. Und entsprechend verdunkelt sich dann auch die Sicht auf die angreifenden Täter, die wir als Antipoden vielleicht schlicht ignorieren oder auch verteufeln und enthumanisieren.

Mit-Leiden, Mit-Verzweifeln oder Mit-Hoffen

Wer eine mediale Darstellung des Krieges vor Augen oder in die Ohren bekommt, kann fast gar nicht anders, als mitten im Geschehen zu stehen. Wer die Fotos der zerstörten Krankenhäuser in der Ukraine sieht, etwa mit dem ikonischen Bild der sterbenden Mutter, nachdem sie bereits ihr noch ungeborenes Kind verloren hat, wird kaum kalt bleiben. Auch die Erzählungen und Bilder der ukrainischen Kämpfer, zu Fuß unterwegs gegen eine endlos scheinende Kolonne an Panzern, gehen unter die Haut, ebenso wie die Ansprachen des ukrainischen Präsidenten, die den Mythos des David und Goliath evozieren.

Doch was genau tun wir dann eigentlich? Identifizieren wir uns mit den beobachteten Menschen oder sehen wir uns selbst, als wären wir selbst, so wie wir sind, mitten im Kriegsgeschehen? Haben wir Mitleid oder sind wir schockiert von den Gräueln? Beobachten wir wie gelähmt das Geschehen oder fantasieren wir, was passieren könnte? Sehen wir uns als Opfer oder als heldenhafte Helfer? Haben wir Hilfs- oder doch eher Rachefantasien? Sind wir gar Voyeure des Schicksals der anderen und rennen dem Sensationalismus nach, bis wir uns wieder gelangweilt zurückziehen? All dies ist möglich und entscheidet auch darüber, wie genau unsere Anteilnahme ihren Verlauf nimmt. Um diese Vielfalt zu entwirren, sollen hier einige der Positionen darlegt werden, auf die wir uns intuitiv einlassen können, und was draus folgen könnte.

Menschen werden traumatisiert

1. Das Opfer – Krieg hat vor allem Verlierer. Viele Menschen verlieren derzeit mit ihren Häusern und Städten die Basis ihrer bisherigen Existenz, manche haben auch ihr Leben gelassen. Blutüberströmte und fassungslose Gesichter zeugen davon. Auch was die Menschen in den behelfsmäßigen Luftschutzbunkern durchmachen, ist fast unvorstellbar. Ich zumindest werde mental in diese Keller gerissen und stelle mir vor, wie ich dort mit meinen Kindern sitze und das Schlimmste befürchte, während ich ihnen sage, dass alles gut werden wird.

Hier werden Menschen, vielleicht sogar Generationen von Menschen, traumatisiert. Doch was macht die Anteilnahme mit den Opfern mit uns? Einiges ist möglich. Die Anteilnahme kann uns ohne Ausweg schlicht unglücklich machen; viele Menschen haben derzeit ein schweres Herz. Wir können aber auch zur Tat animiert werden, und dazu gehört auch das Spenden.

Doch es gibt auch problematischere Reaktionen, und ich muss die Leser hier warnen, dass ich zwar „für“ Empathie bin, aber als Autor von Die dunklen Seiten der Empathie viele Schattenseiten sehe. Ein Problem besteht in einer Legitimationsfigur: Seit den Märchen der Brüder Grimm verwechseln wir die Vulnerabilität gerne mit Rechthaben. Natürlich sind die Ukrainer derzeit im Recht, aber zugleich bietet sich hier ein Kurzschluss an: Die Attraktion der Opfer für uns Beobachter liegt auch darin, dass sie im Recht sind. Es ist daher auch möglich, von den Opfern zu sprechen, um damit die eigene moralische Stärke zu bekunden. Empathie wird dann zum Mittel der Machtergreifung.

Imponierende Menschen

2. Reale und imaginäre Helden – Eine andere Gefahr besteht darin, zu glauben, dass wir Empathie mit Opfern hätten, uns aber insgeheim selbst glorifizieren. Auch die wehrhaften Verteidiger der Ukraine sind Opfer, doch zur Stärkung ihrer Entschlossenheit münzen sie ihren Status um. In den Medien zirkulieren Bilder und Geschichten von den Kaffeehäusern, in denen sich diese selbst ernannten „desperados“ und „desperadas“ mit Journalisten treffen. Wir sehen sie bei ihren Einsätzen zu Fuß gegen die Kanonen und Panzer Putins. Aber auch die protestierenden Menschen in Russland – wie die mutige Fernsehjournalistin Marina Ovsyannikowa, die ihr Schild beim Senden hochhielt – imponieren mit ihrem Mut.

Neben den realen Helden gibt es auch Helden, die wir uns wünschen würden und die wir vielleicht gerne wären. Mir fällt hier vieles ein. Es ist sicher kein gutes Zeichen, wie leicht ich mir vorstellen kann, ein Attentat auf Putin zu begehen. Ich fantasiere und erfinde mir Figuren, die es nicht gibt, die es aber vielleicht geben sollte. Bei fast jedem Bild und jeder Reportage weiß ich, wer da jetzt als Deus ex Machina einschreiten könnte und müsste, und erlebe die Ereignisse aus dieser Perspektive mit. Die Ereignisse sind von den Journalisten häufig aus dieser abwesenden Perspektive erzählt.

Wer sich vorstellt, Helfer zu sein, fühlt sich in seiner Fantasie wohl

Wer die Ereignisse aus der Rolle des Helden miterlebt, ist natürlich auf der guten Seite. Man kann die Ereignisse imaginär zu einem guten Ende führen. Das wiederum hat gute und schlechte Effekte. Auf der guten Seite steht, dass wir uns überhaupt auf die Ereignisse einlassen, denn wer die Helden-Rolle wählt, hat weniger Widerstand im Miterleben. Manch einer und eine wird auch zur Tat veranlasst: Der Sog auf viele freiwillige Söldner aus dem Ausland ist stark. Ich spüre diesen Sog auch deutlich an mir – doch was könnte ich da machen? Mit Bücherwerfen komme ich jedenfalls nicht weit.

Aber es gibt auch direkt negative Effekte. Wer sich vorstellt, Helfer zu sein, fühlt sich in seiner Fantasie wohl. Am Ende der Fantasie ist man dann fertig und kann seinen täglichen Dingen nachgehen, ohne weiter an den Krieg zu denken. Gut für den Empathiker, aber sicher nicht hilfreich für den Empathie-Empfänger. Und es gibt auch einen Effekt, dass diejenigen, die sich mit Helden identifizieren, das Lob einfordern, das den Helden zusteht. Bleibt es aus, gibt es Ressentiments. Dazu kam es bei der Flüchtlingskrise, als viele sich erst als Helden-Helfer nach Vorbild Angela Merkels sahen, dann aber am Ende über die undankbaren Flüchtlinge murrten.

3. Täter – Natürlich sind die Russen im Konflikt die Angreifer und anscheinend begehen sie zahlreiche Kriegsverbrechen. Doch zugleich finden sich in ihren Reihen auch viele verführte Menschen, denen falsche Vorstellungen ihres Einsatzes zur Befreiung der Ukraine vorgespielt wurden. Sie dachten, sie seien Teil einer Befreiungsmission statt eines mörderischen Vernichtungskrieges. Auch sie sind Menschen im Krieg. Hier kann ein empathischer Beobachter nun die Position dieser Soldaten einnehmen – und mithin auch ihr Verhalten verstehen und entschuldigen. Der junge Soldat ist im Panzer, versteht die Welt nicht und wird beschossen, sein Kamerad stirbt. Verzweifelt schießt er zurück und rächt sich dann womöglich an Zivilisten, die er für Nazis hält.

Das große Grau

Doch was ist die Konsequenz einer solchen empathischen Annäherung? Wie der Psychologe Michael Gill von der Lehigh University gezeigt hat, kann man viele Täter rechtfertigen und ihre Beweggründe erklären. Doch sollte man sich dabei selbst beobachten: Warum tue ich das? Einfach gesagt, wer sich unreflektiert auf die Perspektive der Untäter einlässt, beginnt eine Relativierung, in der am Ende alles nur noch grau ist und verliert schließlich „den Glauben an die Menscheit“ (Gill). Wer so fühlt, will vom Krieg nichts mehr wissen.

4. Der Redner – Die große Identifikationsfigur der Ukrainer ebenso wie der Beobachter im Ausland ist natürlich der todesmutige Präsident Selenskyj. Im Militärhemd erinnert er die westlichen Mächte entschlossen an ihre eigene Leidensgeschichte. Sein Ziel ist deutlich: die Differenzen zwischen unserem historischen Leiden und der Ukraine verschmelzen. Kurz ist das gut, auf lange Sicht schwierig, weil es dann doch viele Differenzen gibt. Selenskyj wurde für die Beobachter zur Stimme des Gewissens. Sich mit dieser Stimme zu identifizieren, ist verführerisch: Wir können imaginär weitersprechen und fühlen uns im Recht. Doch in diesem Fall sollten wir uns nicht empathisch identifizieren. Wir sind hier die Zuhörer. Verlangt ist fortwährende Aufmerksamkeit.

Fritz Breithaupt lehrt Germanistik und Kognitionswissenschaften an der Indiana University Bloomington. Die dunkle Seite der Empathie erschien 2017 bei Suhrkamp

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