Publikumstherapierung

Bühne Yael Ronen aus Tel Aviv ist als Regisseurin in Berlin erfolgreich. Ihr Thema Migration frisiert sie mit Comedy-Elementen
Nina Scholz | Ausgabe 10/2016 1

Die Probebühne des Maxim-Gorki-Theaters liegt in Rummelsburg, also außerhalb des Berliner S-Bahn-Rings, dort wo inoffiziell der Stadtrand beginnt. Hier gibt es Drei-Tage-wach-Technoclubs in ehemaligen Fabrikgebäuden, eine Kletterhalle, wohlhabende Jungfamilien in einem tristen Townhouse-Suburbia und eben das Trainingsquartier der Gorki-Truppe. Die Proben zu Yael Ronens neuem Stück sind noch in der Anfangsphase, als wir uns in der Hafenküche treffen, dem einzigen Lokal im näheren Umkreis. Ronen hat Mittagspause, kaut nebenher Salat, denn die Zeit der 39-jährigen Regisseurin ist knapp bemessen. Feinde – die Geschichte einer Liebe ist ihr drittes Stück innerhalb eines Jahres am Gorki, außerdem inszeniert sie am Wiener Volkstheater und ist Mutter eines sechsjährigen Sohns.

Nur so viel kann Ronen schon sagen: Feinde, das auf dem gleichnamigen Roman von Isaac Bashevis Singer basiert, wird eine werkgetreue Inszenierung werden. Im Roman versteckt das polnische Dienstmädchen Yadwiga den Juden Herman Broder drei Jahre lang vor den Nazis. Nach dem Krieg emigriert Broder nach Amerika und nimmt Yadwiga aus Dankbarkeit mit. Er heiratet sie, hat nebenbei eine Affäre mit der Jüdin Masha und findet dann noch seine erste Ehefrau wieder. Herman hatte geglaubt, Tamara und seine beiden Kinder seien im Holocaust ermordet worden. Es wird also um Flucht, das Ankommen in einem neuen Land, um Schuld und romantische Verstrickungen gehen. Motive, die man aus Ronens bisherigen Arbeiten bereits kennt.

In Deutschland ist der Roman des polnisch-amerikanischen Autors fast unbekannt, obwohl Singer 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt und die Verfilmung von Paul Mazursky 1990 für drei Oscars nominiert war. In Israel gehört das Buch zur Schullektüre: „Es war sogar Teil meiner Abschlussprüfungen. Ich kenne und liebe das Buch also schon sehr lange. Ich wäre aber nicht auf die Idee gekommen, ein Theaterstück daraus zu machen. Eine der Schauspielerinnen hat Feinde auf Deutsch gelesen und zu mir gesagt: Die Geschichte ist auch heute noch relevant.“

In der Sniper Alley

Der Umgang mit Migranten ist ein wiederkehrendes Thema in Yael Ronens Stücken, vielleicht auch, weil sie selber eine Fremde in der neuen Heimat Deutschland ist: „Ich vermisse Tel Aviv. Ich vermisse es, in meiner Muttersprache Hebräisch zu arbeiten. Mir fehlen meine Freunde, meine Familie und viele großartige Schauspieler, mit denen ich gern wieder arbeiten würde.“ Ronen stammt aus einer israelischen Theaterfamilie. Ihr Vater Ilan und ihr Bruder Michael Ronen arbeiten ebenfalls als Regisseure, ihre Mutter Rachel Hafler ist Schauspielerin. Ihre Familie lebt in Tel Aviv, Ronen mittlerweile seit drei Jahren in Berlin. Damit hat sich einiges geändert: „Früher haben wir ständig übers Theater gesprochen. Heute gibt es Wichtigeres, weil wir uns nicht mehr so oft sehen.“

So bald wird Yael Ronen nicht nach Tel Aviv zurückkehren: „Die Entwicklung der vergangenen Jahre dort macht mir Angst. Nach und nach wird aus der Demokratie ein Staat, der faschistische Züge trägt.“ Die Konflikte in Israel machen aber auch vor ihrer eigenen kleinen Familie nicht Halt. Ihr Exmann ist der Schauspieler Yousef Sweid, ein israelischer Palästinenser. Sweid ist der Vater des gemeinsamen Kinds. „Hier kann mein Sohn ohne diesen Konflikt aufwachsen. In Israel wäre es ein Thema, dass sein Vater Arabisch spricht und seine Mutter Hebräisch. Wir müssten ihm erklären, warum viele Menschen seinen Vater nicht mögen.“ Ronen findet, dass es besser ist, ein Ausländer in Berlin-Kreuzberg zu sein als der Sohn einer Israelin und eines Palästinensers in Israel: „In Kreuzberg ist er mit dieser Erfahrung nicht allein. Er wächst als Deutscher auf. Für mich ist es härter als für ihn. Er spricht im Gegensatz zu mir die Sprache. Und zwar perfekt. Er wird ein happy case of integration sein.“

Ihre Sprachbarrieren und Identitätsprobleme hat Ronen in The Situation verarbeitet, das seit September am Gorki-Theater läuft. Schauplatz ist eine Sprachklasse in Berlin-Neukölln. Die Kursteilnehmer kommen aus Syrien, Palästina und Israel. Konflikte sind programmiert. Der Syrer will sich vom wohlmeinenden, aber paternalistisch agierenden Deutschlehrer Stefan nicht integrieren lassen, die Israelin versteckt sich hinter Sarkasmus, zumindest wenn es um „die Situation“ in ihrem Heimatland geht. Und darum geht es oft. Der Deutschlehrer möchte ständig über den Nahen Osten reden, die Israelin streitet im Kurs mit ihrem palästinensischen Ehemann, tatsächlich gespielt von Ronens Exmann Sweid. Während der Proben zu The Situation trennten sich Sweid und Ronen gerade, viele ihrer Konflikte fanden den Weg auf die Bühne. Eine Trennung von Wahrheit und Dichtung existiert in ihren Inszenierungen nicht.

Distanz schaffen Comedy-Elemente, die wenig mit dem zu tun haben, was man sonst auf deutschen Bühnen sieht. Eher erinnern sie an Fernsehserien wie Curb Your Enthusiasm von Seinfeld-Macher Larry David oder Louis von Louis C.K. Beide Comedians erzählen aus ihrem Leben, vermischen Biografisches mit Fiktivem. Genau wie Ronen: „Wir machen ja keinen Dokumentarfilm. Die Humorelemente verschleiern vieles.“ Wie viel im Saal gelacht wird, überrascht sie trotzdem: „Die Berliner verstehen meinen Humor sogar!“ Mehr als von anderen Theatermachern, sagt sie, fühle sie sich von Fernsehserien inspiriert. Für Theaterbesuche fehlt ihr neben der Arbeit und dem Kind die Zeit, für ihre geliebten TV-Shows nicht. Und wie diese sind auch Ronens Stücke nicht flach, wenn sie lustig sind, nicht simpel, nur weil sie unterhalten, und nicht vereinfachend, nur weil sie emotional sind.

Und emotional geht es bei ihr oft zu. So auch in Common Ground, ihrem bisher größten Erfolg. Das Stück wurde 2015 zum Theatertreffen eingeladen und gewann den Publikumspreis der Mülheimer Theatertage. Genau wie in The Situation geht es auch hier um Menschen, die nach Berlin geflüchtet sind. Der Krieg, aus dem sie kommen, liegt aber schon etwas zurück. Sie alle sind in den 90ern aus Ex-Jugoslawien geflohen. Manche als kleine Kinder, andere schon als Erwachsene. Für Common Ground gingen Ronen und ihr Team noch ein Stück weiter als sonst. Gemeinsam fuhren sie nach Sarajevo, quartierten sich im Holiday Inn ein, von dem aus während des Kriegs die Heckenschützen die Stadt belagerten, die der Straße, Sniper Alley, ihren Namen gaben.

Sie fuhren in einen Ort an der bosnisch-kroatische Grenze, in dem der Vater einer Schauspielerin bis heute eine mächtige Position in der Stadtverwaltung innehat und der Vater einer anderen während des Kriegs umkam und in einem der anonymen Massengräber bestattet wurde. Was sie dort erlebten, brachten sie auf die Bühne und übertrugen, was sie gefühlt und gedacht hatten, auf das Publikum, das mit den Schauspielern lachte, schwitzte – und weinte. Alles Erlebnisse und Gefühle, die man sonst eher aus dem Kinosaal kennt. „Für mich ist das wie Therapie“, erklärt Yael Ronen ihren Ansatz. „Natürlich bin ich keine ausgebildete Therapeutin, aber die Schauspieler öffnen sich, wir verarbeiten erst gemeinsam und dann noch mal mit dem Publikum. Das hat auch was von Heilung.“

Weiße Deutsche aufmischen

Inszenierungen wie die von Yael Ronen hat es vorher auf keiner deutschen Bühne gegeben. Sie verbindet Pathos mit Comedy, Politisches mit Privatem, das Große mit dem Kleinen. Sie inszeniert drängende politische Fragen mit einer eindeutigen Haltung, aber ohne eindeutige Antworten, die Theaterstücke sonst oft eng, klein und vorhersehbar machen. Die Biografien und Konflikte, die sie inszeniert, sind im deutschen Theater, Kino und Fernsehen noch immer unterrepräsentiert. Am Maxim-Gorki-Theater ist sie damit nicht allein. Mit Shermin Langhoff und Jens Hillje als Intendanten hat sich das Haus seit 2013 grundlegend verändert. Die sonst eher weiße, deutsche Theaterkultur wird hier aufgemischt.

Hillje, damals noch Chefdramaturg der Schaubühne, sah 2005 Ronens Stück Plonter in Tel Aviv. Plonter bedeutet Verworrenheit, Wirrwarr, Verstrickung. Im Stück weigert sich ein Wehrpflichtiger der israelischen Armee, seinen Dienst anzutreten. Hillje brachte das Stück nach Berlin, an die Schaubühne. Der Kontakt zwischen Ronen und ihm riss nie ab, als er die Intendanz am Gorki übernimmt, holt er sie nach Berlin.

Wenn Yael Ronen über das Gorki spricht, klingt ihre Begeisterung echt, nicht wie eine PR-Nummer, die sie runterspulen muss. Wie in ihren Stücken sind am Gorki die Übergänge zwischen politischem Aktivismus und Kunst, Privatem und Beruflichem fließend. „Viele der Schauspieler und Regisseure sind politisch aktiv. Das gilt nicht nur für die Stücke, man sieht das auch an Diskussionen, die zum Beispiel auf Facebook geführt werden. Ein politisch denkender Künstler muss sich hier nicht verstellen oder verstecken.“

Info

Feinde – die Geschichte einer Liebe Regie: Yael Ronen Maxim-Gorki-Theater, Berlin

06:00 11.03.2016

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