Pudding an der Wand

Ein nebulöser Begriff In Würzburg tagte man zur brisanten Frage der "Qualität im Journalismus"

IQ jetzt auch für Journalisten! Nein, selbstverständlich steht bei dieser Profession das Kürzel nicht für "Intelligenzquotient". Sondern für die "Initiative Qualität". Diese ist aus einer Arbeitsgruppe des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) hervorgegangen, hat auch die ver.di-Kolleginnen und -Kollegen der DJU (Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union) erreicht, die zusammen schließlich eine "globale Qualitätskampagne inszeniert" haben, wie sich Ex-DJV-Vorsitzender und Kommunikations-Professor Siegfried Weischenberg auszudrücken beliebte. Weiter Weischenberg: "Qualität ist und bleibt ein schwieriges Thema: Der Begriff ist unklar, die Diskussion ist oft nebulös."

Diese Einsicht äußerte der Hamburger Hochschullehrer schon im vergangenen Oktober auf einer Tagung in Bonn, weshalb sein Verband die Diskussion konsequenterweise am vergangenen Wochenende auf einem Kongress in Würzburg fortsetzte. Weischenberg selbst wartete für dieses Mal mit "divergierenden Einschätzungen zur Situation und Zukunft der Zeitung" auf; Hans Leyendecker, zum unerbittlichen Rechercheur der Süddeutschen Zeitung stilisiert, durfte sich beklagen, in der Zeit nach dem 11. September 2001 nicht in Deutschland gewesen zu sein und somit einen Startnachteil im "Rattenrennen" um exklusive Informationen gehabt zu haben, und - cetero censeo - leide in Deutschland die Qualität des Journalismus selbstverständlich unter zu wenig Recherche; und Walter Hömberg schließlich, Inhaber des Lehrstuhls Journalistik I einer katholischen Universität im Oberbayerischen, hatte dort scharfsinnig die "Megatrends" in Gesellschaft und Medien erkannt und durfte sie in Würzburg diskutieren lassen.

Ansonsten hatte man es heuer nicht nur mit "nebulösen Diskussionen", sondern vor allem mit Vereinsgründungen. Für dieses Mal war das nicht deutscher Vereinsmeierei geschuldet, sondern Vorbildern aus der Schweiz und Österreich. Hier wie dort existieren Vereine "zur Förderung der Qualität im Journalismus" mit Statut, Charta, Generalversammlung und allem anderen, was einen richtigen Verein ausmacht. Und solches, so die grundstürzende Idee zur Durchsetzung journalistischer Qualität auch in Deutschland, könne man doch auch hier einrichten. Wenn auch die deutsche Verlegerschaft nicht mitmachen will - deren Präsident durfte aber im Fränkischen erneut engagiert vortragen, selbstverständlich seien auch die Zeitungsverleger für Qualität -, so werde allein die Gründung des Vereins zusammen mit den ver.di-Kollegen die Verleger in den Verein und zur Qualität zwingen.

Mit dem Problem der Qualität journalistischer Arbeit beschäftigt sich schon lange der Kommunikationswissenschaftler Stephan Ruß-Mohl. Bei Forschungsaufenthalten während der neunziger Jahre in den USA untersuchte er Methoden der Qualitätssicherung bei US-Zeitungen, und immer noch - trotz Verschlechterungen in jüngster Zeit - sieht Ruß-Mohl dort einiges, was auch in Europa vorbildlich sein könnte. Er hat es auf den Begriff "I-Faktor" gebracht - den Infrastrukturfaktor. Darunter versteht er Einrichtungen der Aus- und Fortbildung, Ombudsleute, kritische Leserinitiativen, Medienforschung und -journalismus, die für Kritik, Selbstkritik und Transparenz sorgen und somit Qualität befördern.

Die Quintessenz seiner Untersuchungen trug Ruß-Mohl auch nochmals in Würzburg vor. Allein - trotz jahrelanger Beschäftigung (oder deswegen?) sieht sich der Wissenschaftler außerstande, journalistische Qualität zu definieren. Wiederholt war im Würzburger Kongresssaal seine dazu einschlägige Aussage zu hören, wenn auch nicht vom Urheber selbst. Ruß-Mohl hatte festgestellt, so sein Diktum, die Qualität im Journalismus fest umreißen zu wollen gleiche dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln. Da liegt es doch nahe, sollte die Gründung eines Qualitätsvereins auch in Deutschland noch glücken - allen Warnungen zum Trotz, zur Sicherung journalistischer Qualität auf jeden Fall Verquickungen mit Sponsoren zu vermeiden - die Sitzungen des Vereins von Dr. Oetker fördern zu lassen. Die Warnungen des Würzburger Kongress konnten übrigens nur ans Ohr der Öffentlichkeit dringen, weil Eon Bayern und der Fränkische Weinbauverband ein erquicklich Scherflein zur Bestreitung der Veranstaltungskosten beigetragen hatten.

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00:00 26.04.2002

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