Puppen im Wind

Italien Die Ausgangssperre hat jedes Sozialleben beendet. Notizen aus einem Land, das sich wegen Corona nicht wiedererkennt

Ich möchte Dir sagen / wir mussten anhalten. / Wir haben es gewusst. / Wir alle haben gespürt / unser rasendes Tun war am Ende / ständig mit Sachen beschäftigt / die alle außerhalb von uns sind / jede Stunde durchzurütteln / um alles aus ihr rauszuholen.

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Neunter März Zweitausendundzwanzig nannte die Lyrikerin Mariangela Gualtieri ihr Gedicht, das binnen kürzester Zeit in etlichen Zeitschriften und Portalen zu finden ist. Am 9. März 2020 wurde in Italien das Dekret erlassen, mit dem das öffentliche Leben durch eine Ausgangssperre zum Erliegen kam. Die Order ist überschrieben mit: „Io sto a casa“ (Ich bleibe zu Hause).

Beim Aufwachen am Tag danach nahm ich als Erstes die Stille wahr. Nur im ersten Moment fühlte sie sich an wie die freundliche eines Sonntagmorgens, ähnelte bald angespannter Totenstille, die bleiern über der Stadt lag. Es fühlte sich an wie nach einer Vollbremsung im ICE, ein leiser Schreck saß in den Gliedern.

Und jetzt steht man da, horcht weiter hinein in den Stillstand, alle Sinne sind geschärft. Von meinem Fenster im sechsten Stock reicht der Blick bis zur schmalen, jetzt vollständig leeren Nebenstraße jenseits des Rings, der um das Zentrum von Udine führt. Vor der Eingangstür eines kleinen Metzgerladens stehen drei Leute, vereinzelt und verloren; sie warten auf Einlass. Zum ersten Mal sehe ich hier in einer kleinen Provinzstadt im Nordosten Italiens ein Edward-Hopper-Bild.

Ich kreuze „Einkauf“ an

Raus aus dem Haus geht es nur noch mit einer schriftlichen Eigenerklärung, die von der Polizei kontrolliert und überprüft werden kann; pro Tag werden etwa 180.000 Kontrollen und 8.000 Anzeigen registriert. Vier Gründe kann man geltend machen, um draußen zu sein: Arbeit, Gesundheit, dringende Notwendigkeiten, Rückkehr zur Wohnung. Ich setze mein Kreuz bei „dringender Notwendigkeit“ und gebe „Lebensmitteleinkauf“ an. Am Eingang des Supermarktes steht ein schwarz uniformierter Mann mit Springerstiefeln, auch der Mundschutz ist schwarz. Der Supermarkt hat Personal von einer Sicherheitsfirma angeheuert, das den Einlass kontrolliert. Nur eine begrenzte Anzahl von Personen wird nacheinander und mit Sicherheitsabstand eingelassen. Keine 30 Jahre alt, murmelt der Schwarzuniformierte unablässig: „Den Zweiten Weltkrieg haben wir überstanden, dann werden wir auch diesen Krieg überstehen.“

Hatte nicht Michele Serra von der liberalen Zeitung La Repubblica noch vor wenigen Tagen gewarnt, dass autoritäre Regime den Konsens mit der Bevölkerung mittels Angstinjektionen organisieren? Darauf folge jeweils das Angebot eines Gegenmittels, welches freilich mit Freiheitsentzug bezahlt werden muss. Die Tendenz zur Panik korrespondiere mit dem Anspruch auf Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden. Laut Serra würden Tod, Krankheit und Verwundbarkeit in unserer Gesellschaft mittlerweile als geradezu unerhörter Angriff auf das als verbrieft geltende Recht zur Unsterblichkeit angesehen. Nach diesen Überlegungen wünscht er allen eine gute Genesung.

Ein Standpunkt, den man sich erst einmal leisten können muss. So berichtet Norma Rangeri im linken il manifesto am 15. März von Fabriken, die aktuell die Produktion von Büstenhaltern auf Atemschutzmasken umstellen. Überall mangelt es an Masken, auch in den Firmen, in denen trotz Virus weiterproduziert werden soll. Rangeri erzählt von Arbeitern und Pflegern, die keinerlei Wert darauf legten, als Helden gefeiert zu werden, sondern ihr Recht auf Gesundheit am Arbeitsplatz einklagen, Streiks sind angedroht. Nach einem 18-Stunden-Verhandlungsmarathon zwischen Regierung und Gewerkschaften wird schließlich ein Paket mit Sicherheitsvorkehrungen verabschiedet.

Bei genauem Hinschauen, schreibt Rangeri, lege das verdammte Virus allerorten vor allem das offen: soziale Ungleichheit und die Schwäche eines durch fortwährende Privatisierungen und Kürzungen geschrumpften Gesundheitssystems, dazu die Abgründe eines Wirtschaftsregimes, das Gesundheit und Ökologie der Produktivität und dem Profit unterordnet. Es sei der rechte Zeitpunkt, sich daran zu erinnern, dass es einmal ein vorbildliches italienisches Gesundheitssystem gab, das jahrzehntelangen Kämpfen um eine soziale Medizin zu verdanken war. Noch einmal Mariangela Gualtieri: Wir mussten innehalten / und schafften es nicht. / Das ging nur mit allen zusammen.

Mit einem zweiten Formular ausgerüstet, bei dem ich „aus beruflichen Gründen“ auf journalistische Recherche verweise, besuche ich einen psychiatrischen Dienst. Im – offenen – Zentrum für seelische Gesundheit von Udine haben die Mitarbeiter zusammen mit den Patienten ein Plakat mit Regenbogen und Herzen gemalt: Zusammen – aber getrennt – wird alles gut werden. In diesem traditionell weiblichen Arbeitssegment pendeln vor allem die Pflegerinnen der Wohngruppen zwischen Arbeit, Familie, in der die durch geschlossene Schulen nicht betreuten Kinder warten, und den am meisten gefährdeten Eltern hin und her. Überall droht körperliche Nähe. Es ist bei einer psychiatrischen Betreuung der Zweck von Wohngruppen, auf den Kontakt zu achten und Gruppenaktivitäten zu fördern, die jetzt plötzlich zur potenziellen Gefahrenquelle werden. Dabei erscheinen die Betroffenen zuweilen gelassener als die Betreuerinnen. Sogar berufsbildende Praktika und Lehrgänge sind unterbrochen. Trotzdem lohnt es, sich zu vergegenwärtigen, wie viel schlimmer die Situation in den geschlossenen Psychiatrien anderer Regionen und Länder jetzt sein kann. Zu oft unerträglichen Folgen führt die zusätzliche Isolation in geschlossenen Räumen wie Altersheimen oder Gefängnissen. Dies zeigen die teils massiven Proteste Inhaftierter gegen die Kontaktsperren.

Auf andere Weise dramatisch stellt sich die Lage auf der Straße lebender Geflüchteter dar. Ihnen fehlt das vom Regierungsdekret beschworene Zuhause. Paolo Polidori, Vizebürgermeister von Triest und Anhänger des Lega-Chefs Matteo Salvini, schmäht öffentlich die freiwilligen Helfer des Netzwerks für die Rechte der Geflüchteten und Asylbewerber als Feinde der italienischen Bürger, weil sie sich in dieser Zeit erdreisteten, „Hilfe und Schutzmasken für die Illegalen“ zu fordern.

Es ist Passionszeit

Ich stolpere darüber, dass die durch das Virus ausgelöste kollektive Quarantäne in die vorösterliche Fasten- und Passionszeit fällt, von der sie auch ihren (italienischen) Namen hat: die 40 Tage andauernde Quaresima. Sie geht zurück auf den vorchristlichen Mythos um die vor Schmerz rasende Erdgöttin Demeter, die ihre ins Totenreich entführte Tochter Persephone sucht – 40 Tage lang, während derer alles Leben auf der Erde erstirbt. Der Anthropologe Domenico Sabino berichtet von den in Süditalien teils lebendigen Bräuchen beim Übergang vom Winter zum Frühjahr, die mit Tod, Fruchtbarkeit und (Wieder-)Geburt die großen Themen des Lebenszyklus spiegeln. Es werden lebensgroße, schwarz gekleidete Puppen im Freien aufgehängt und baumeln im Wind.

Die Erde ist mächtig. Wirklich lebendig. Ziehen wir in Betracht / dass sie es ist, die alles bewegt/ Wir haben den Himmel nicht gemacht, schreibt Mariangela Gualtieri.

Ob aus der kollektiven Quarantäne ein Raum entstehen kann, in dem die ansonsten so knapp bemessenen Zeitfenster einmal ganz weit geöffnet werden? Um Atem zu schöpfen? Nicht nur die Gesundheit, sondern Demokratie, Solidarität und Freiheit stehen momentan auf dem Spiel, können verloren, aber auch gewonnen werden.

Zu der einfachen Geste des Händereichens werden wir mit einem erweiterten Verständnis zurückkehren / wenn wir wissen, wie traurig es ist, einen Meter weit entfernt zu sein.

Kirsten Düsberg ist Soziologin. Sie lebt im italienischen Udine und forscht zur Psychiatriegeschichte

06:00 31.03.2020

Ausgabe 21/2020

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