Puppenkiste

A–Z Mit 93 Jahren ist einer der größten Kinderbuchautoren verstorben: Max Kruse. Wie kein Zweiter lieferte er Stoff für die Augsburger Puppenkiste. Unser Lexikon der Woche
der Freitag | Ausgabe 38/2015

A

Augsburg Wenn ich meine Heimatstadt nenne, dann folgt mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit der Ausruf: „Puppenkiste!“ Lieber würde ich jedoch hören: „Der älteste Eishockeyclub Deutschlands!“ Aber ich bin versöhnt, seit in Augsburgs Eisstadion vor jedem Spiel eine Einlage der Puppenkiste über den Videowürfel flimmert: Darin verunglimpfen Neandertaler und Mammut, beides bekannte ➝ Marionetten aus dem Kabarettprogramm der Puppenkiste, den Gegner des Spieltags. Gerade hat die neue Saison begonnen – für mich eine Erinnerung, schnellstens Karten für die Weihnachtsvorstellungen der Puppenkiste zu besorgen: Dann sind wir mit Kindern zum Familienbesuch in Augsburg und die Vorstellung ist stets schon im Herbst ausverkauft. Sebastian Puschner

B

Blechbüchsenarmee Es war irgendwann in den 80er Jahren, während des Wehrdienstes in der Bundeswehr. Wir waren mit einer anderen Einheit auf einem längeren Fußmarsch in voller Ausrüstung unterwegs. Der uns anführende Unteroffizier tat irgendwann das, was alle Unteroffiziere in solchen Situationen tun – er befahl mit straffer Stimme: „Ein Lied!“ Nun lernte man während des Wehrdienstes allerlei traditionelle Soldatenlieder, und ich stellte mich mit leerem Hirn auf ein weiteres Wildgänse rauschen ein. Doch die Mitmarschierenden stimmten gut gelaunt (➝ Grüner Stern) und offenkundig geübt etwas anderes an, nämlich das Lied der Blechbüchsenarmee aus der Augsburger Puppenkiste: „2, 3, 4 / maschieren wir / im schnellen Lauf / den Berg hinauf / oben dann / alle Mann / schaun mit List / wo Feind ist. / General / auf einmal / schreit hurra, / Feind ist da.“ Der vor Wut rotgesichtige Unteroffizier brüllte ab ungefähr dieser Stelle nur noch irgendwelche unhörbaren Befehle, die Truppe lachte. Max Kruse hätte es wohl sehr gefreut. Uwe Buckesfeld

G

Grüner Stern Er ist die Heimat eines der wunderlichsten Wesen der Augsburger Puppenkiste. Auf dem grünen Planeten Baldasiebenstrichdrei werden Arbeiten von kleinen Robotern erledigt, die alle gleich aussehen und alle Schlupp heißen. Während auf dem weit entfernten Gestirn längst der paradiesisch grüne Kommunismus herrscht und Maschinen im Marx’schen Sinne die Fronarbeit der Arbeiterklasse übernommen haben, wird im bayrischen Teil der blauen Erde noch mit Hand und Herz geschafft. Als der 31.000.000. Schlupp vom grünen Planeten verbannt wird, weil er eine Seele hat, landet er nicht auf dem ihm zugedachten Müllplaneten, sondern in Bayern, beim „Schraubentüftler“ Beni.

Schlupp ist gutmütig (➝ Ziehkater), ungeschickt, kann singen und Scherze machen. Doch er gerät in Gefahr, weil ihn Menschen für ihre Zwecke einspannen, und weil die „Computerköpfe“ auf Baldasiebenstrichdrei irgendwann feststellen, dass ihr anthropomorphisierter Roboter keineswegs vernichtet, sondern in bester Laune am Leben ist. Deshalb schicken sie Abgesandte auf Terra 1, um dem kleinen Kerl den Garaus zu machen. Jan Drees

K

Käthe Kruse (1883–1968) Schauspielerin und Schöpferin der so lebensecht wirkenden, nach ihr benannten Puppen. Die weichen Stoffkörper und die ihren eigenen Kindern nachempfundenen Gesichtszüge, erfreuten sich bereits nach der ersten Präsentation 1910 im Berliner Warenhaus Tietz großer Beliebtheit. Schnell baute sie eine Manufaktur und ein florierendes Unternehmen auf. Da immer mehr Konkurrenten eigene, minderwertigere Puppen auf den Markt brachten, diese aber mit ihrem Namen bewarben, ging Kruse 1928 vor Gericht und setzte so durch, dass zum ersten Mal ein Spielzeug künstlerisch urheberrechtlich geschützt wurde. Heute sind Käthe-Kruse-Puppen wertvolle Sammlerstücke und werden nach wie vor in Handarbeit unter diesem Label in Donauwörth hergestellt.

Käthe hatte mit dem Bildhauer Max Kruse sieben Kinder. Das Künstlerpaar pflegte einen durchaus komplizierten Lebensstil mit langen Phasen räumlicher Trennungen, die mit regem Briefkontakt überbrückt wurden. Er wollte Berlin nicht verlassen, sie zog es zeitweise in die Toskana, dann zur Künstler- und Aussteigerkolonie auf den Monte Verità bei Ascona, bevor sie schießlich in Bad Kösen ihre Manufaktur aufbaute, in der schon bald auch Puppen für Puppenhäuser (➝ Augsburg), diverse Accessoires, Schaufenster- und Übungspuppen zur Säuglingspflege hergestellt wurden.

Ihre Tochter Sofie baute sie zur Nachfolgerin auf. Mit ihrer Eigenständigkeit ist sie ein großes Vorbild weiblicher Emanzipation. Ihr letztgeborener Sohn, der jüngst verstorbene Kinderbuchautor Max Kruse, ist Schöpfer des Urmel aus dem Eis, einer der großen Publikumslieblinge der Augsburger Puppenkiste. Marc Ottiker

L

Lukas der Lokomotivführer Seinen kleinen Freund Jim Knopf und ihn kennt jedes Kind. Jim Knopf kam einst als Postpaket auf Lummerland an und war doch gleich willkommen. Als es aber dem Herrscher (➝ Oberbonze) auf seiner Insel zu eng wird und die „dicke Emma“, Lukas’ Lokomotive, weichen soll, fahren Jim, Lukas und Emma einfach weg. „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, das vor 55 Jahren erschienene Erstlingswerk von Michael Ende, ist Weltliteratur. Populär wurde das wunderbare Buch über Freundschaft und Zusammengehörigkeit, als die Inszenierung der Augsburger Puppenkiste in den 60er Jahren im Fernsehen lief. Helena Neumann

M

Marionetten Ein Begriff, der eine ähnliche Sinnverschiebung erlitten hat wie etwa die Drohne, bei der kaum mehr noch jemand an eine männliche Biene oder Hummel denkt. Aber als Kleist über das Marionettentheater nachdachte, hatte er tatsächlich das Spiel mit leblosen Holzpuppen vor Augen, die durch die Kunst ihrer Handhabung zum Leben erweckt werden. Da ihr Schwerpunkt in ihnen selbst liegt und sie von außen an unsichtbaren Fäden (➝ Special Effects) lediglich angehoben oder fallengelassen werden, machte Kleist nur in ihren Bewegungen echte, weil ungekünstelte Anmut aus.

Heute denken wir bei Marionettentheater an den Bundestag, das Europaparlament oder gleich an ganze fremdgesteuerte Regierungen – und das ist alles andere als anmutig. Tatsache aber ist, dass die hohe Kunst des Puppenspiels, gerade auch wie sie in der Augsburger Puppenkiste praktiziert wird, noch immer die Kraft in sich birgt, eine erzählerische Realität zu schaffen – entgegen des besseren Wissens von der Leblosigkeit ihrer Werkzeuge. Offenbar besitzt das Publikum seit jeher eine große Fertigkeit, Erzählungen, und seien sie auch noch so abstrahiert, mit einer realen, emotional bedeutenden Erfahrung zu verbinden. Marc Ottiker

O

Oberbonze Pi Pa Po ist der wichtige Beamte im kaiserlichen China, der die beiden Helden, Jim Knopf und ➝ Lukas den Lokomotivführer, als Spione hinrichten lassen will. Und zwar weil sie mutig genug wären, Prinzessin Li Si aus der Drachenstadt Kummerland zu befreien, wo sie bei Frau Mahlzahn Schulunterricht über sich ergehen lassen muss, die Arme. Pi Pa Po hätte sie gerne als Frau, er traut sich aber nicht, sie selbst zu befreien und kann deshalb nicht zulassen, dass andere das tun. Kinder lernen hier die Bürokratie zu verachten und werden so spielerisch an Maos Konzept der Kulturrevolution herangeführt. Dass die Prinzessin am Ende natürlich doch befreit wird, ist aber eine unnötige Stütze der Monarchie. Till Hahn

S

Special Effects Eine Kunst, die ihre Kunst verbirgt: Darum geht es bei der Puppenkiste nicht. Man sieht oft genug die lebenspendenden Fäden, an denen alles hängt, man sieht das Gerucke der Hände, das leichte Gezappel der Körper (➝ Wirsch, Kalle), man genießt das füßewerfende Gehen im Topfpflanzenwald. Erhaben jedoch, größer noch als die Natur, ist das Meer. Transparent silberblau hebt und senkt es sich, aus Folie gemacht, die wie Folie aussieht, die sich wie Folie verhält, Folie, in die man nicht taucht, weil sie plastische Oberfläche und nichts anderes ist. Fadenlos ist das Meer, Wellenwind bläst von unten, aber auf dem Foliengrund setzen wir Segel und fahren davon in ein Jenseits, von dem den Kistenbewohnern nicht träumt. Ekkehard Knörer

T

Transgender „Na, ich bin ein Sams“, sagt das Sams. So erfuhr ich Ende der 70er durch die Augsburger Puppenkiste, dass sich nicht jedes Wesen in männlich und weiblich einteilen lässt. Herr Taschenbier entschied damals einfach, das Sams sei ein Junge, so wurde das Sams mein Lieblingsheld statt -heldin: unangepasst, frech, mutig und mit den überaus reizvollen Wunschpunkten am Körper. Für Eltern kann sich das Sams mit seiner quakenden Stimme besonders auf langen Autofahrten zu einer echten Nervensäge entwickeln. Eines seiner Lieder (➝ Blechbüchsenarmee) brannte sich mir ein: „Willst du was ganz stark und fest, geht’s auch ohne Wunschmaschine, selbst ein Schwein lernt Violine, wenn es nur nicht locker lässt.“ Damit nerve ich nun wieder meine eigenen Kinder. Oda Hassepaß

W

Wirsch, Kalle Ein Erdmännchenkönig muss mutig und unerschrocken sein. So will es das Erdmännchen-Buch der Wahrheit. König Kalle Wirsch ist all das – leidet aber an einem chronischen Schnupfen. Der entlockt ihm mal ein verzücktes, mal ein empörtes „Hatschi!“ und wird stets von einem „Zum Wohl“ oder „Gesundheit“ beantwortet. Auch Erdmännchen haben schließlich Manieren.

Der Schnupfen wird in Tilde Michels Kleiner König Kalle Wirsch zum Running Gag, und auch sonst hat die Verfilmung von 1970 reichlich skurrile Charaktere: Fledermaus Tutulla hat einen „komischen Akzent“, weil sie „auf Urlaub in der Schweiz“ war, die Verschwörer Quarro und Querro verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit Klimmzügen und die Spinne ist so gut gelaunt, dass mal ein Erdmännchen von der Drogenfahndung vorbeischauen sollte. Bei solchen Mitbewohnern fällt es Kalle Wirsch schwer zu verstehen, wieso gerade die Menschen (➝ Käthe Kruse) stets Angst haben: „Sie zweifeln stets an jedem Ding und wollen immer kneifen / das alles doch so einfach ist, wollen sie nicht begreifen.“ Simon Schaffhöfer

Z

Ziehkater Hätte meine Oma doch auch einen Kater gehabt, dem ich das Sprechen hätte beibringen können! Leider hatte sie nur einen Fernseher, aber der brachte in den 60er Jahren Kater Mikesch, der nicht nur selbst sprechen lernte, sondern es auch noch anderen Tieren beibrachte. Außerdem hatte er ein großes Ehrgefühl – um Geld für einen zerbrochenen Topf zu verdienen, lief er von zu Hause weg, landete beim Zirkus und konnte der Oma ihren Verlust ersetzen. Wie abenteuerlich! Gut, dass im Fernsehzimmer ein Bücherschrank stand, hinter dem man sich verstecken konnte, wenn es beim Mikesch zu aufregend wurde. Für mich war Kater Mikesch der Beginn einer tiefen Zuneigung (➝ Transgender) zum Fernsehen. Aber auch zum Theater: Jahre später, im Studium, habe ich selbst Stücke für Puppentheater geschrieben. Jutta Zeise

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06:00 17.09.2015
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