Pute in Cognac-Sauce

Shopping mit Inbrunst Von der Vorrats- zur Konsumgesellschaft

"Weißt du, wann mir klar wurde, dass ich nie mehr im Sozialismus leben könnte?", fragte mich neulich eine Freundin, "als ich 1998 in Folge der Währungskrise wieder eine Schlange vor der Apotheke sah. Die Binden waren aus und seit sechs Uhr früh standen die Frauen an, um wenigstens etwas Watte zu ergattern. Da habe ich begriffen, dass sich meine Vorstellungen davon, was man fürs Leben braucht und auf was man verzichten kann, für immer verändert haben."

Ich bin 40, und ich verstehe sehr gut, was sie meint. All das hat in meinem Alter jeder selbst erfahren. All das - heißt vollkommen leere Vitrinen, in denen schamhaft verteilt ein paar mit Kater Leopold verzierte Plastikwürfel liegen, dem Helden eines populären Zeichentrickfilms. Leopold verriet sein Lebenscredo: Kinder, lasst uns in Frieden leben!

Was soll man sagen, wir lebten in Frieden - und Bescheidenheit. Morgens konnte man es in Bussen und Straßenbahnen aus jeder zweiten Tasche melodisch klimpern hören. Unabhängig vom Alter oder dem sozialen Stand führte der Moskauer meist leere Flaschen mit sich. Wodka oder Wein wurden nämlich nicht nur auf Bezugsschein verkauft, sondern auch noch unter der Bedingung, dass der Käufer, der seine Mittagspause für das Anstellen in riesigen Schlangen opferte, für eine volle eine leere Flasche abgab. Allerdings hatte jeder Laden seine eigenen Regeln: Die einen nahmen nur Flaschen mit Schraubverschluss, die anderen nur solche ohne. In so einer Schlange hinten zu fragen, was es vorne denn gäbe - Bordeaux oder Muskat - war nicht nur unangemessen, sondern manchmal auch gefährlich.

Heute erscheint das alles wie ein Fiebertraum - angesichts der vollgestellten Regale nicht nur in den Moskauer Supermärkten, sondern auch in jedem kleinen Dorfladen. Die Kinder von heute schauen uns mit großen Augen an, wenn wir von früher erzählen. Für sie bedeutet Kaufen das Auswählen aus einer Vielzahl an Möglichkeiten; sie können kaum begreifen, dass es eine Zeit gab, in der man, sobald man eine Schlange sah, sich sofort anstellte, um überhaupt etwas zu bekommen.

Ist es ein Wunder, dass sich die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion nach diesen Erfahrungen mit Inbrunst dem Shopping hingaben, sobald in den Läden Waren auftauchten? Früher waren Gäste aus dem Ausland darüber erstaunt, dass es in den Geschäften nichts gab, während sich in den Heimen beim Gastmahl die Tische bogen. Heute gibt ein anderer Gegensatz Anlass zum Staunen: Während der größte Teil der Bevölkerung weniger als das Existenzminimum verdient, herrscht in Läden und auf Märkten reges Treiben.

Das Geheimnis der sich biegenden Tische erklärte sich damit, dass die meisten in ihrer Fabrik oder ihrem Büro mit Sonderrationen versorgt wurden - wenigstens zu den Feiertagen. Heute gibt es andere Geheimnisse. Zum einen ist das Misstrauen in den Staat so groß, dass viele ihren Verdienst deutlich geringer angeben, als er ist. Zum zweiten hat sich an der Sitte der Gastfreundschaft nur wenig verändert und deshalb tragen die Menschen manchmal ihr letztes Erspartes auf den Markt, um den Gast bewirten zu können. Und zum dritten ist gutes und üppiges Essen in Russland eine Volkstradition, die sich auch die Armen nicht ständig versagen wollen. Nicht umsonst war es die Nahrungsmittelindustrie, die als erste Branche im neuen Russland schwarze Zahlen schrieb. Anders als zum Beispiel im Elektronikbereich geben die Russen, was das Essen anbelangt, der einheimischen Produktion klar den Vorzug vor jeder Importware - sie gilt als ökologisch reiner. Was möglicherweise stimmt, da es den Herstellern an Geld für Chemie fehlt.

Kurz gesagt, gutes Essen ist nicht nur eine Kalorienquelle in Russland, sondern ein Alltagsvergnügen. Was auch folgende Szene im Supermarkt erklärt, die ich neulich erlebt habe: Eine ältere Frau fragt nach "Hirsch in Armagnac-Sauce". Sie habe es erst letzte Woche hier gekauft, warum es denn auf einmal nichts mehr davon gäbe, empörte sie sich. Den Vorschlag der Verkäuferin, statt dessen doch mit "Pute in Cognac" vorlieb zu nehmen, wehrte sie brüsk ab. Hätte ich diese Frau, der Kleidung nach alles andere als eine "neue Russin", daran erinnern sollen, dass sie vor 15 Jahren noch froh gewesen wäre, wenn sie ein paar Rindermarkknochen erstanden hätte? Doch ihr Benehmen ist nicht mit Verwöhntheit zu erklären, sondern eher mit dem Gegenteil: Der "Hirsch in Armagnac", von dem sie früher kaum zu träumen wagte, füllt heute die emotionale Armut ihres Lebens etwas aus. Entgegen den sensationsheischenden Meldungen gibt es in Russland nämlich nicht viele Menschen, die sich Manschettenknöpfe für ein paar Tausend Dollar kaufen, weil sie nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.

Auf der Skala des Käuferenthusiasmus kommen gleich nach den Nahrungsmitteln die Haushaltsgeräte. Was sich ebenfalls mit Erinnerungen an frühere Mühsal erklären lässt; ich sage nur: Windelwaschen. Um so mehr, da heute die Geräte auch bei uns auf Kredit verkauft werden - und das ohne Bankbescheinigung oder dergleichen; man muss lediglich den Ausweis, die Meldebescheinigung und ein weiteres Dokument wie den Führerschein vorlegen, um kreditwürdig zu sein. Die Händler wissen, dass das meiste Geld bar die Hände wechselt.

Menschen mittleren Alters tätigen ihre Einkäufe heute oft nach dem Prinzip: sich einen Jugendtraum erfüllen. Bei den Jungen herrscht dagegen die Haltung vor: "Warum sollte ein MP3-Player Luxus sein? Für mich ist er lebensnotwendig." Man möchte ihnen zustimmen, um so mehr, da sie heute die Aktivsten sind auf dem Arbeitsmarkt und sich darüber hinaus mit europäischer Einfachheit kleiden, soll heißen: im Durchschnitt preisgünstig.

Der sowjetischen Ideologie nach galt Einkaufslust als kleinbürgerlich, ein unwürdiges Verlangen für den neuen Menschen in der neuen Gesellschaft. Heute dagegen will sie mir als natürlicher menschlicher Trieb scheinen und außerdem als ein Garant dafür, dass die alten Dogmen nicht so schnell zurückkommen. Wenn Sie die Menschen auf der Straße fragen, ob sie die neue Konsumgesellschaft oder die alte Vorratsgesellschaft vorziehen, ist es nicht schwer zu erraten, welche Antwort Sie bekommen. Vielleicht bekommen Sie auch keine, weil Ihr Gegenüber sich schnell ins nächste Geschäft flüchtet.

Übersetzung aus dem Russischen von Barbara Schweizerhof

Tatjana Sotnikova arbeitet als Hochschuldozentin und freie Journalistin in Moskau.


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00:00 07.11.2003

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