Erst das Fressen, dann die Moral

Energiepreisproteste Wenn das progressive Lager etwas bewirken will, darf es nicht erwarten, dass jede*r schon jetzt auf der richtigen Seite steht. Deshalb: Die Angst vor Widersprüchen muss abgelegt werden – Plädoyer für einen heißen Herbst ohne Scheuklappen
Erst das Fressen, dann die Moral

Illustration: Der Freitag

Bert Brecht schien in der Sache entschieden: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Doch so sehr seine Dreigroschenoper zum Kanon gehörte, so wenig Berührung hatten Westeuropas Progressive lange mit dem, was hier gemeint ist. Ihr Urknall hieß „68“; trotz aller Klassen-Rhetorik war das kein Sozialprotest. Sondern eine Kulturrevolte gegen das genormte Leben auf dem Höhepunkt des bürokratischen Nachkriegskapitalismus. Weg mit altbackenen Werten und Lebenslügen! Es ging stets um Moral, und danach kam lange nichts.

Nun aber kehrt sie wohl zurück, die Frage nach dem Fressen, Heizen, ja Duschen. Ganz will man das in den linken Milieus noch nicht glauben. Und so besieht man sich die Frage nach dem Fressen: Ist sie nicht furchtbar hässlich? Fressen, wie das schon klingt! Appelliert diese Frage nicht an niedere Instinkte, an Angst, Egoismus, Neid und Missgunst? Das ist ja so schrecklich – elementar.

So wird gezögert: Wollen wir sie wirklich stellen, diese hässliche Frage? Schämen wir uns ihrer nicht ein wenig? Viele blieben wohl lieber standhaft – auf dem Felde der Moral. Im Stillen ist da vielleicht gar die verquere Hoffnung, des Dilemmas enthoben zu werden. Nämlich durch Leute, die jene Frage nach dem Fressen so falsch stellen, so „putinistisch“, „populistisch“, so verschwörungsgläubig oder „rechtsoffen“, dass man sich mit gutem Gewissen von ihr abwenden kann.

Und solche Leute werden sich finden, schließlich macht der Kampf um das Fressen nicht automatisch edel und gut. Gerade das aber scheint das progressive Lager mit wachsender Unduldsamkeit zu erwarten: dass eine Sache oder eine Gruppe, für die und mit der man kämpft, möglichst a priori und widerspruchslos aufseiten des Guten stehe. Jedes Thema, das auch die Bösen ansprechen, anzusprechen, gilt dann selbst als böse, jeder Satz ist tabu, den jemand böse meinen könnte, wenn man ihn nur konsequent „weiterdenkt“: Achtung: Querfront, hört man dann. Klingt Sahra Wagenknecht nicht schon wie Alice Weidel? Doch was als politische Wachsamkeit daherkommt, kann schnell in eine weltfremde Reinheitsidee abrutschen. Wer in einer Lage wie der, die zu kommen scheint, zuerst auf die Abgrenzung gegenüber „falschem“ Protest schaut, hat kapituliert.

Noch einmal: Gut möglich, dass demnächst erhebliche Teile eher unpolitischer Milieus vom Zorn auf die Regierung gepackt werden, die die Folgen des Wirtschaftskriegs unterschätzt hat. Diese Wut wird in Formen auftreten, die zunächst schwer nach „rechts“und „links“ zu sortieren sind. Gewiss lauert auch die AfD schon auf politischen Profit. Doch hat auch sie hier nicht per se ein Heimspiel: Preisproteste, deren Ursache sich nicht „Migranten“ zuschieben lässt, sind für die Weidels nicht unproblematisch. Zudem wird sich die Regierung durch eine Art patriotische Mobilisierung verteidigen – aus der auszuscheren nun wirklich nicht der rechten DNA entspricht. So grenzt die linke Abgrenzeritis an Defätismus: Hat man denn so wenig Vertrauen ins eigene Argument – zu dem auch der Verweis auf Grenzen des Kriegsbeitrags zählen kann?

Eine merkwürdige Angst vor dem Widersprüchlichen bremst dergestalt den Widerspruch. Die Linke von heute fürchtet das Handgemenge, in das die Frage nach dem Fressen oft mündet. Der tief sitzende Grund heißt – Neoliberalismus: Zwar weist man den als politische Agenda zurück. Seinen Modus Operandi hat man hingegen übernommen: Den Imperativ permanenter Selbstoptimierung konterkariert die heutige Linke nicht. Sie verschiebt ihn bloß auf das Feld politischer Moral.

Es ist nicht leicht, dermaßen eingeschliffene Reflexe zu kontrollieren – schon gar nicht in einer Situation politischer Beschleunigung, wie sie der Herbst womöglich bringt. Vielleicht hilft die Besinnung auf Brechts Bonmot: Es fordert ja nicht auf, sich zwischen Fressen und Moral zu entscheiden, sondern die Dialektik dazwischen wirksam zu machen. Was das positiv bedeutet, kann nur die Praxis zeigen – die Alternative aber heißt Untergang.

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