Putin reitet durch das Land

Russland in den Liedern des Rocksängers Juri Schewtschuk Ich bin kein reuiger Untertan

Das Gewissen Russlands trägt eine Brille mit schmalem Rand, ein verwaschenes schwarzes T-Shirt, in das Zigarettenasche schon ein kleines Loch gebrannt hat, und labberige graue Hosen mit vielen Taschen. Es sieht auf den ersten Blick überhaupt nicht wie ein Gewissen aus. Bis man es singen hört. Dann verwandelt sich das Gewissen Russlands in eine Kalaschnikow, die mit Rock und Poesie in die Massen feuert - und niemanden hinterlässt, der nicht des Gefühl hat, in der Seele getroffen zu sein.

"In diesen weißen Nächten - in diesen dunklen Zeiten", trommelt düster der Refrain auf knapp tausend junge Russen ein, die sich in der Berliner Universal Hall drängen. Ganz vorn in der ersten Reihe halten zwei Mädchen die weiß-blau-rote russische Fahne hoch. Viele haben alles stehen und liegen lassen, viele mussten sich die 36 Euro für ein Ticket borgen - es ist schließlich das erste Mal, dass er zu ihnen, den russischen Emigranten und Aussiedlern, nach Deutschland kommt: Ihr Rock-Idol, Juri Schewtschuk mit seiner Gruppe DDT.

"DDT" - sagt Schewtschuk - "ist nach dem Insektenvertilgungsmittel benannt"

In St. Petersburg ist sein Name bekannter als der des Bürgermeisters. In Russland würde Schewtschuk als Präsidentschaftskandidat für Wladimir Putin ein ernst zu nehmender Rivale sein. Schewtschuk ist der bekannteste Rockmusiker im größten Land der Welt - ein russischer Grönemeyer. Und eine der ganz wenigen Stimmen, die sich "in diesen dunklen Zeiten", wie es in Schewtschuks Rock-Hymne an St. Petersburg heißt - nicht das Wort verbieten lassen.

Schewtschuks Worte sind für Millionen Fans wie die zehn Gebote - ganze Strophen lang kann er beim Konzert in Berlin das Mikrophon in die Menge halten - sie kennt seine Texte auswendig, oft komplizierte Texte, teils sehr poetisch, teils philosophisch, aber immer auf eine Alltagssprache aus, die jeder kennt.

"Schieß nicht!" - schon die ersten Takte des Liedes lassen die Massen jubeln und johlen. Es ist das Lied, mit dem Schewtschuk bei den sangesfreudigen Russen bekannt und den Machthabern unbequem wurde. Ein Junge zielt mit seiner Schleuder auf einen Vogel - "Schieß nicht!" flüstert ihm von irgendwoher eine Stimme zu. Als der Junge mit dem Gewehr in der Hand in den Krieg ziehen soll, hört er die Stimme erneut. "Schieß nicht!" Mit diesem Refrain hatte Schewtschuk schon 1984 in seiner Heimatstadt Ufa die Behörden nur mäßig erfreut, aber mit dem Lied einen Wettbewerb gewonnen. Nur verbreitete es eben - nach Ansicht des KGB - eine "allzu pazifistische Stimmung", so dass man dem Sänger nahe legte, Ufa besser zu verlassen. Erst als der damals 26-Jährige im liberaleren Leningrad wieder auftaucht, wird offen darüber gesprochen, dass sein Lied auch den Afghanistankrieg moralisch in Frage stellen will.

Heute fühlen sich von den Strophen all jene angesprochen, die den Krieg in Tschetschenien nicht aus ihrem Bewusstsein drängen. Für Schewtschuk selbst ist das, was er 1995 im Kaukasus mit eigenen Augen sah, immer wieder ein Thema - auch wenn ihm Journalisten und Musikkritiker inzwischen vorwerfen, zuviel schlechte Stimmung zu verbreiten, statt mit seiner Gruppe DDT endlich auf den Zug der neuen russischen Pop-Musik zu springen.

"DDT" - sagt Schewtschuk - "ist nach dem gleichnamigen Insektenvertilgungsmittel benannt und vielleicht die einzige Rockgruppe Russlands mit einer glasklaren Position. Unser russischer Rock ist leider 1996, als Jelzin in seinen zweiten Wahlkampf ging, zerschlagen worden. Ich kam damals gerade aus Tschetschenien zurück, hatte dort sowohl für unsere Jungs als auch die Tschetschenen Konzerte gegeben und später anderen russischen Rocksängern erzählt, was ich gesehen hatte. Und dass ich oft genug lieber blind gewesen wäre. Aber die anderen hatten sich schon in Jelzins Wahlkampf einspannen lassen. ›Sie zahlen einfach zu gut‹, raunten mir viele unserer besten Musiker zu. Und ich sagte nur: ›Wer zuviel ans Geld denkt, der vergisst das Wichtigste und fängt an, schlechte Musik zu machen‹. Dieser Wahlkampf damals, der hat uns alle auseinander gebracht."

In Schewtschuks Musik türmt sich inzwischen viel fatalistischer Humor. "Wir Russen tragen etwas in uns, das gibt es sonst nirgends auf der Welt. Die Fähigkeit - auch die Qual - Traurigkeit und Fröhlichkeit gleichzeitig spüren zu können. Das ist es nämlich, das Geheimnis der russischen Seele! Trauer und Fröhlichkeit. Wenn ich nach einer durchzechten Nacht in der Küche eines Freundes mit dem Kopf auf dem Küchentisch erwache und mich schrecklich fühle, der Kopf dröhnt - und wenn dann in diesem Moment mein Freund mir noch ein Gläschen einschenkt... bin ich glücklich ..."

Natürlich" - lacht Schewtschuk - "stirbt man früher und unerwarteter als bei Euch"

"Putin reitet durch das Land" - die Fans schreien mehr, als dass sie mitsingen - es ist eines der neuesten Lieder und klingt wie der Singsang eines höfischen Boten, der hinausgeschickt wird, um Nachrichten aus dem Palast des Zaren unters Volk zu bringen. In Russland ist das Lied erst seit einem knappen Jahr erhältlich, vornehmlich in Kiosken, an Metrostationen und auf Bahnhöfen. Die DDT-Fans in Berlin erkennen das Lied sofort bei den ersten Tönen der Trommelmelodie, mit der es beginnt. Alle singen sich in Rage, je näher die letzten, aus dem langsamen und beschaulichen Melodienreigen fallenden Verse kommen.

"Putin reitet durch das Land, reitet auf einem silbernen Pferd! Putin hilft allen Menschen, Gott gebe ihm Gesundheit! Putin erschlägt alle Banditen! Putin gießt allen Arbeitern ihr Gläschen voll! Putin ist auf seiner Reise, doch wir bleiben und sitzen in der ...." - Wer will, kann zu Ende reimen. Viele im Saal tun es: Schreien es heraus wie eine der letzten Weisheiten. Was folgt, ist eines der für Schewtschuk typischen Paradoxe: Er reißt die Arme hoch, mimt eine Umarmung der Massen: "Russen, was macht ihr hier? Wo ist Eure Heimat? Kommt zurück nach Russland!" - Wieder jubeln alle.

Nach dem Konzert wird ein verschwitzter, total erschöpfter Schewtschuk in einem weiß gekalkten Kellerraum der Universal Hall Whisky aus einem geriffelten Plastikbecher trinken, langsam zu sich kommen und stöhnen: "Ach, das hat Spaß gemacht! Ich glaube, jetzt fängt es wirklich an, dass viele zurückkommen. Natürlich nur, wenn nichts Unerwartetes passiert! In Russland zu leben ist interessant! Angefangen damit - dies dürfte die Deutschen interessieren -, dass man viel schneller reich wird als hier in Deutschland, viel schneller auf die Beine kommt. Und natürlich" - er lacht - "stirbt man früher und unerwarteter als bei Euch."

In St. Petersburg hausen Schewtschuk und seine Band in einem Studio an der Sowjetskaja-Uliza. Schwarze Wände in der unteren Etage, ein allgemeiner Abstellraum mit Küche. An den Wänden Fotos der Gruppe: Schewtschuk mit Kosmonauten, Schewtschuk mit Kämpfern einer russischen Spezialeinheit, Schewtschuk an einem Lagerfeuer mit tschetschenischen Rebellen. Und ein Gemälde: Eine Frau mit langen Haaren, Schewtschuks Ehefrau, die an Krebs gestorben ist, seitdem erzieht er seinen heute 16-jährigen Sohn allein.

Wie es sich für einen russischen Künstler gehört, gibt es auch bei Schewtschuk Zeiten, in denen er am Leben verzweifelt, zuviel Wodka in sich hineinkippt, Camel raucht, bis die Finger gelb sind. Immer wieder hat die Politik versucht, ihn einzurahmen. So wünschenswert erschien sein Auftritt den Veranstaltern für Konzerte vor dem Kreml, mit denen Wladimir Putin vor den Wahlen unterstützt werden sollte, dass sie Schewtschuk einluden, den eigentlichen Zweck seines Auftritts aber verschwiegen. Prompt sagte die DDT-Band in letzter Minute ab.

"Ich habe nicht das Gefühl", meint er, "dass alles in den vergangenen Jahren umsonst gewesen ist. In Russland gibt es nur leider so viele Bürokraten, die tragen das Sklaventum in sich. Schon hängt wieder in jeder Amtsstube ein Putin-Porträt. Das ist das eigentlich besorgniserregende, denn nicht Putin hat das angeordnet. Die Leute hängen die Bilder selbst auf. Dieses ›Ich bin an allem schuld, ich bin ein reuiger Untertan‹ - das konnte ihnen keiner austreiben. Das kommt alles wieder hoch."

Eine Prognose? Die habe er nicht. Russland laufe Gefahr, in seine Regionen zu zerfallen. Putin versuche, die Föderation zusammenzuhalten. "Aber der ferne Osten mit Abramowitsch, dem schwerreichen Gouverneur von Tschukotka, oder Sibirien - überall sind Gebietsfürsten, die unabhängig sein wollen. Mit seiner vertikalen Macht will sich Putin dagegen durchsetzen. Sie niederhalten, das ist der einzige Weg. Nur was fehlt, ist die nationale Idee. Es gibt einfach keine, es gibt nur den Kampf: den Kampf mit der Armut, den Kampf in Tschetschenien, den Kampf gegen Terror, gegen die Mafia. Und das einfache Volk sieht nur: die Reichen werden dabei reicher, die Armen noch ärmer."

"Werden wir - singt Schewtschuk - bis morgen leben, uns über die Nacht retten?"

Dieser Realität werden im neuen Russland Konsum und Popkultur entgegengestellt. Schwermütige Rockmusiker wie Schewtschuk würden heute von der Jugend als zu larmoyant und depressiv empfunden, heißt es in Moskauer Hochglanz-Zeitschriften. Schewtschuk hält dagegen: "Was tut man mit den Jungen? Man lenkt sie ab, um sie zu zerstören, mit Reklame, Drogen, Alkohol, mit albernen Preisen in Fernsehshows - ›200 Doppelbetten zu gewinnen!‹ " Und er kämpft weiter für seine "authentische Musik". "Rock ist Sinn, Pop ist sinnlos" - so einfach ist das für ihn. Eher spöttisch blickt er auf Kollegen, die inzwischen neben der Musik Restaurants betreiben, um sich die ersehnte wirtschaftliche Freiheit zu verschaffen. "Gott hat mir eine Stimme, ein Herz gegeben. Und ich fühle, dass ich nur das machen soll. Singen. Zum Business bin ich nicht berufen."

Wie zum Beweis bringt er den Berliner Saal zum Brodeln, Feuerzeuge und Streichhölzer leuchten, russische Fahnen wölben sich über den Köpfen. Als Schewtschuk wie ein Geschenk sein Lied mit den vielen Fragezeichen anstimmt: "Werden wir bis morgen leben? Uns über die Nacht retten? Was wird aus der Heimat? Was wird aus uns?", muss er sich mit drei Zugaben verausgaben und verlässt unter minutenlangem Beifall die Bühne.

Dahinter warten Journalisten, vor allem russische, die sich das Ereignis nicht entgehen lassen wollten. Für die Russen in Deutschland sind die Konzerte mit Schewtschuk anziehender als jüngst das Wahlergebnis in der Heimat: Das Idol hat die Verbindung wieder hergestellt mit dem Land, aus dem sie einst kamen und das ihnen inzwischen - auch politisch - fremd geworden ist. Urteilt man nach dem Ergebnis der Präsidentenwahl vom 14. März - über 71 Prozent für Putin - dann ist mehr als jeder zweite Russe überzeugt, man brauche eine starke Hand. Schewtschuk aber kehrt zurück nach St. Petersburg und wird nicht aufhören zu singen - gegen Versklavung, gegen Liebedienerei, gegen den Krieg im Kaukasus, gegen eine allzu starke Hand.


00:00 02.04.2004

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