Pyramidale Verwirrung

Esst Obst So werben noch immer die grünen Tüten des Früchtehandels. Doch Ernährungsempfehlungen machen dick und die Verbraucher ratlos

"Unsere Pyramide sollte möglichst an allen Kühlschränken Deutschlands hängen", diesen Wunsch äußerte Verbraucherministerin Renate Künast, als sie im Frühjahr die neue deutsche Lebensmittelpyramide präsentierte. Das Modell spiegelt die nationalen Ernährungsempfehlungen wider und beschreibt, welche Lebensmittel in welchen Mengen "gesund" sind. Wer nach Herzenslust in Käse oder Wurst beißen will, wird damit prompt ermahnt, sich stattdessen an Apfel oder Möhre zu halten. Denn die Pyramide predigt, dass unsere tägliche Kost fast zur Hälfte aus Obst und Gemüse bestehen soll.

Wechselnde Prioritäten

Handfeste Belege für einen gesundheitlichen Nutzen dieser Ernährungsregel gibt es indes nicht. Im Gegenteil: Erst kürzlich kam eine große europäische Studie mit knapp 300.000 Teilnehmerinnen zu dem höchst ernüchternden Fazit, dass weder Obst noch Gemüse vor Brustkrebs schützen. Ähnlich zweifelhaft wie das wissenschaftliche Fundament der Lebensmittelpyramide ist ihre Wirkung auf die Zielgruppe. Wie die am Pyramidenbau beteiligte Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) unlängst einräumte, gibt es nämlich keine Anhaltspunkte für "eine dauerhafte positive Änderung des Ernährungsverhaltens und eine Steigerung des Obst- und Gemüseverzehrs durch Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit und der Verhaltensprävention". Nicht einmal die langjährige "5 a day"-Kampagne in den USA - also die Empfehlung, fünf Mal am Tag Obst und Gemüse zu essen - habe zu einem nennenswerten Zuwachs des Konsums dieser Lebensmittel geführt, beklagen die Ernährungsexperten.

So überflüssig Ernährungsratschläge und deren optische Darbietungen auch sein mögen: sie haben eine lange Tradition. Bereits in den dreißiger Jahren sollten phantasievolle Skizzen dem deutschen Volk eintrichtern, dass nur der reichliche Verzehr von "Lebensstoffen" aus Obst und Gemüse - heute als sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe bekannt - eine hochwertige und gesunde Nahrung darstellt. Dieses Motto, das sich bis heute hartnäckig gehalten hat, geht auf die Fortschritte der damals blühenden Vitamin- bzw. Mineralstoffforschung zurück. Der Aufruf, Lebensmittel wie Fleisch und Brot größtenteils durch Obst und Gemüse zu ersetzen, war zu jener Zeit allerdings bahnbrechend. Immerhin wurde bis dahin jahrzehntelang eine möglichst kalorienreiche Kost empfohlen. Einst hatte noch das tierische Eiweiß oberste Priorität, weil es half, das tägliche "Eiweißminimum" zu erreichen. Mit sättigenden 118 Gramm lag die Proteinempfehlung fast doppelt so hoch wie heute. Selbst der Zucker, gegenwärtig allenfalls in der heiklen Spitze von Lebensmittelpyramiden anzutreffen, bildete eine wichtige Basis der früher propagierten Kaloriennahrung.

Heute drehen sich die Ernährungsempfehlungen weniger um Quantität als um Qualität, weniger um Grundbedürfnisse als um einen möglichst großen Gesundheitsnutzen. Und so schießen, vom modernen Zeitgeist geprägt, bereits seit zwei Jahrzehnten jede Menge Lebensmittelpyramiden aus dem Nährboden des globalen Ernährungswissens. Inzwischen basteln nicht nur Nationen an immer neuen Gebilden, auch abtrünnige Ernährungsexperten fühlen sich dazu berufen - als gehe es darum, sich im weltweiten Wettrennen um das populärste Modell eine möglichst gute Ausgangsbasis zu sichern. Natürlich unterscheiden sich die Werke in der Bewertung der jeweils berücksichtigten Lebensmittel und den empfohlenen Portionsmengen. Das Resultat: Brot, Kartoffeln und Fleisch wandern je nach Urheber genauso munter durch die Pyramidenetagen wie Pflanzenöl, Speiseeis oder Avocados. Mal ist das Fett ungesund, mal sind es die Kohlenhydrate. Mal bilden Getränke die Ernährungsgrundlage, mal werden sie vernachlässigt. In den USA entwickelte sich ein regelrechtes Sammelsurium an Alternativen zur nationalen Pyramide. Inzwischen existieren im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Modelle, die sich speziell an Vegetarier, Diabetiker, Kinder und Senioren richten, sowie Pyramiden für lateinamerikanische, mediterrane und asiatische Ernährung.

Biblische Lebensmittelpyramide

Neuerdings versehen die Pyramidenkünstler ihre Werke sogar mit Ratschlägen zur sportlichen Betätigung. Damit mausern sich Lebensmittelpyramiden langsam aber sicher zu Lebenspyramiden, das heißt zu vermeintlich wissenschaftlichen Anleitungen für alle Bereiche unseres Lebens. Vermutlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die fleißigen Konstrukteure auch soziales, ökologisches und moralisches Gedankengut in ihre Modelle zwängen. Als Vorreiter könnte sich der christliche Ökobauer Rudolf Kring erweisen, der schon heute eine biblische Lebensmittelpyramide parat hält. Wie er mit Zitaten aus dem Buch Mose belegt, machen vor allem Brot und Getreide eine gottesfürchtige Ernährung aus, wohingegen Genussmittel wie Wein am wenigsten ratsam sind. Nach dieser Logik hätte Jesus die Jünger zu einem höchst sündigen Abendmahl verführt und gesundes Wasser in teuflisches Gesöff verwandelt.

Am Verbraucher geht die Vielfalt an Empfehlungen, die sich noch dazu immer wieder wandeln, nicht spurlos vorüber. Mittlerweile dämmert es selbst Experten, dass jede weitere Lebensmittelpyramide beim Bürger nur noch Irritation und Ratlosigkeit hervorruft. In ihrer Presseerklärung zum "neuen grafischen Modell zur Umsetzung von Ernährungsrichtlinien" gesteht die DGE offen ein: "Die Veröffentlichung immer neuer Modelle mit unterschiedlichen Aussagen führt statt zur Aufklärung zur Verunsicherung des Verbrauchers." Angesichts dieser bemerkenswerten Einsicht drängt sich die Frage auf, warum die Ernährungsexperten nicht einfach auf ihr aktuelles Werk verzichtet haben. Lag es etwa daran, dass die DGE vom Verbraucherministerium finanziert wird, das sich nun mit der Pyramide politisch profiliert?

Wie dem auch sei: Dem Anspruch, für eine gesunde Ernährung zu sorgen, werden Lebensmittelpyramiden schon aufgrund ihrer Beliebigkeit nicht gerecht. Weil sie alle Individuen über einen Kamm scheren und jede Menge rigide Beschränkungen auferlegen, stellen sie vielmehr selbst ein Gesundheitsrisiko dar. Ihre Nebenwirkungen dürften denen von Diäten ähneln. Diese führen zumindest langfristig ohne Ausnahme zu Essstörungen und Übergewicht.

Wenn Ernährungsexperten die Menschheit mit immer neuen Ernährungsmodellen beglücken, dann geht es ihnen wohl auch weniger um die Volksgesundheit als vielmehr darum, sich ein Denkmal zu setzen. Weil Lebensmittelpyramiden aber eine extrem kurze Lebensdauer haben, können sie sich kaum mit den realen Pyramiden der Pharaonen messen. Angesichts dieser Umstände tut der Verbraucher gut daran, seinen Kühlschrank nach eigenem Ermessen zu füllen - genau so, wie er es schon immer getan hat.

www.dge.de

www.verbraucherministerium.de


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00:00 24.06.2005

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