Pyramide im Abtropfgitter

Ein Riese duscht im Hinterhof - so klingt es zumindest, als der erste richtige Herbstregen da unten auf Abdeckplanen und Asphalt pladdert. Die ...

Ein Riese duscht im Hinterhof - so klingt es zumindest, als der erste richtige Herbstregen da unten auf Abdeckplanen und Asphalt pladdert. Die meisten anderen Bewohner haben aus Angst vor dem Riesen das Licht ausgemacht oder sind schon vor langer Zeit weggezogen. Nur das Treppenhaus im Seitenflügel bleibt manchmal ganze Nächte lang erleuchtet. Hinter einem hellen Fenster im Vorderhaus macht ein Mann den Abwasch. Mit bedächtigen Bewegungen, umständlich, als wolle er sich möglichst lange beschäftigen.

Seinen Pullover hat er um die Schultern gelegt, die Ärmel baumeln ihm vor der Brust. Wenn er sich vorbeugt, drohen sie nass zu werden, und er klemmt sie sich unter die Achseln. An manchen Tassen und Tellern reibt er so lange herum, dass jeden Augenblick ein Flaschen- oder Tassengeist mit ein bis drei freien Wünschen auftauchen müsste. Was würde der Mann dann sagen? Ich will, dass jemand neben mir steht und abtrocknet. Oder: Ich will, dass die Person, die früher aus dieser Tasse getrunken hat, zurückkommt. Vielleicht würde er sich auch nur eine kleine Single-Spülmaschine wünschen.

Jedes Teil dreht und wendet er einzeln unter dem fließenden Wasser und baut daraus eine Pyramide im Abtropfgitter. Die nächsten drei, vier Tage wird er damit auskommen, bevor er das Abspül-Ritual wiederholen muss. Er nimmt ein Bier aus dem Kühlschrank, tritt ans Fenster, um einen kurzen Blick auf den duschenden Riesen zu werfen. Als er aus der Küche geht, lässt er das Licht brennen. Rechts schimmern bräunlich-gelb die Treppenhaus-Fenster. Ich knipse meine Leselampe wieder an und mache mich auf den Weg.


00:00 14.11.2003

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