Quarkroom

Urknall Am Fuße der Showtreppe dräut der Abgrund: Filmemacher Rosa von Praunheim lässt sein Leben am Deutschen Theater Revue passieren

Schon Anfang 1978 schreibt Rosa von Praunheim 35-jährig in sein Tagebuch: „Vier Stunden am Meer gelaufen, Notizen zu einem biografischen Theaterstück von der Geburt bis zum Tod gemacht.“ Mit 40 Jahren Verspätung also bekommt man am Deutschen Theater genau das nun zu sehen: das Leben des vielleicht weltweit produktivsten schwulen Filmemachers von Anfang bis Ende, verpackt als eine hysterisch-komische, musikalische Nummernrevue.

Doch bevor es richtig lustig werden kann, bevor das applauswütige Premierenpublikum mit dröhnendem Gelächter die Schauspieler übertönen wird, legt der Abend in einer Art filmischen Ouvertüre einen anderen Grundton. Eingeblendet werden Szenen aus einer Fernsehshow aus den 1990ern, in der Praunheim aufgefordert wird, sich vor einer Holzwand seitlich zu bücken. Dann wird er zur Unterhaltung der Zuschauer von einem Messerwerfer mit Messern beworfen, die Moderatorin sähe sie gerne „in der Nähe vom Genick“. Schnitt. Rosa von Praunheim liest aus einem an ihn adressierten Brief vor, in dem es heißt: „Die Öfen in Ravensbrück stehen immer noch da und wir werden sie wieder in Schwung bringen.“ Und das will einem dann nicht mehr aus dem Kopf, dass man Homosexuelle im deutschen Fernsehen vor nicht allzu langer Zeit gerne mal im Spaß hingerichtet hat und dass sich die heteronormative Wärme auch aus den Öfen der Konzentrationslager speist.

Outing unter Tränenwasser

Dann – und von der Spannung solcher Sprünge lebt die Inszenierung – wird es dunkel und Praunheims Stimme fragt aus dem Off, ob er nicht vielleicht ein Sexualmörder sei, die Zahl seiner Opfer gebe er erst nach seinem Tod bekannt. Alles ist möglich, das Leben ein Traum.

Auf der Drehbühne steht eine halbrunde Showtreppe, die, sehr klug, im Abgrund endet und deren Stufen wunderbar aufleuchten, es gibt zwei Klaviere und jede Menge Kostüme und Verkleidungen für Božidar Kocevski, der Rosa von Praunheim spielt, und Heiner Bomhard, der ihn musikalisch mit Klavier, Akkordeon und Ukulele begleitet und alle anderen Rollen übernimmt.

„Sex war mein Leben und Liebe und Kunst und die Filme!“, ruft Kocevski als Rosa und entlang dieser Thematiken tanzt, singt, erzählt und überschlägt sich der leichtfüßige Abend von Station zu Station. Zunächst sind ein paar Dinge zu klären: Der Schauspieler Božidar Kocevski outet sich als hetero und lamentiert, während er sein Gesicht mit Tränenwasser besprenkelt, von der Schwierigkeit, einen Schwulen spielen zu müssen. Dann muss er sich als Rosa auch noch einen Dildo in den Mund stecken und von den vielen Schwänzen erzählen, die er schon gelutscht hat, die er schon gar nicht mehr zählen kann, doch da man ihn – so mit Dildo im Mund – nicht versteht, übersetzt Heiner Bomhard für ihn: „Er sagt, einmal ist er sogar mit einem Schwanz im Mund eingeschlafen und als er morgens wieder aufwachte, war der Schwanz noch da, nur der Typ war weg.“ Das Publikum brüllt vor Lachen, einer schreit hinten rechts im Zehn-Minuten-Takt „Bravo“.

Rosa von Praunheims Leben, dieses Gewebe aus fantastischen, unglaubwürdigen Begebenheiten, wird auf sehr charmante Art hier auch als eine Art Schwulenfolklore persifliert. Da ist der Mörder im Darkroom in New York, der den Männern die Schwänze mit einer Rasierklinge abschneidet, da ist der Typ, mit dem Rosa wilden Sex hat, bis dieser sagt „Ich habe eine Leiche unter meinem Bett“, da ist der hässliche, fette Sachse, der plötzlich vor Rosas Tür steht und behauptet, er sei sein Sohn

Praunheims Stimme kommt jeweils kapiteleröffnend aus dem Off, zu den Texten werden Fotos projiziert, von seiner leiblichen Mutter, die nach seiner Geburt von Russen vergewaltigt und später ermordet wurde, von seinen Adoptiveltern, die ihn sehr geliebt und „nicht verstanden haben“, dann natürlich die Bilder seiner großen Lieben, im Leben wie im Film – Peter, Mike, Lotti Huber und seine Tante Luzi, sowie von Praunheim selbst, Bilder seiner Jugend, seiner unverschämten Attraktivität.

Die beiden Schauspieler drehen die Themen in den insgesamt 17 Songs, die von Praunheim geschrieben und von Heiner Bomhard vertont wurden, spielerisch weiter. Zu Rosas erster Liebe Peter hört man dann „Peterchen, Peterchen, dein kleines Bett, dein großer Schwanz, die Ohren standen ab und hatten Läuse“. Das überwältigend Komische des Abends liegt genau in diesem herrlich sinnfreien Drehen der Fantasie, in dem Gestus des unmittelbar Hingeworfenen. Doch das ganze bebilderte Revuetheater mit den schrägen Texten wäre gar nichts ohne die beiden Schauspieler in ihrer virtuosen Tolldreistigkeit. Sie sind das schillernde Männerpaar in diesem Theatererlebnis, das natürlich auch von der Deutungsfrage handelt, was Sexualität bedeutet und wie frei sie in den Machtverhältnissen der Gesellschaft von jedem selbst bestimmt werden kann. Und in den aktuellen „neuen“ Verschiebungen der Genderdebatten scheint Rosa von Praunheims Leben und Kunst dann wie eine Botschaft auf, deren Inhalt wir immer noch nicht lesen können.

Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht Regie: Rosa von Praunheim Deutsches Theater

06:00 11.02.2018

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