Quasi über Nacht

China Es gibt ein Kontrastprogramm für Shanghai, die Stadt der Weltausstellung. Der Osten ist reich – der Westen dagegen auffallend arm und ein Zufluchtsort für Obdachlose

Vagabund Zhang Lin legt im Shanghaier Volkspark gerade seine Hand in den Abfallbehälter, als ihm jemand auf den Rücken schlägt. „Da war schon einer vor dir da”, sagt Lao Jun, der wie Zhang eine olivgrüne Armeejacke trägt. Er streift schulterlange Haarsträhnen nach hinten und grinst. Zhang zuckt mit den Schultern und zieht seinen Einkaufsroller neben sich auf die Bank. Er kramt aus seiner Hosentaschen fünf Yuan, umgerechnet 50 Cent, und drückt sie Lao Jun in die Hand. Der verbeugt sich und eilt davon. „Lao Jun weiß weder wer er ist noch woher er kommt”, sagt der 39-jährige Zhang, „er gehört wirklich zu den Armen hier.“ Zhang weiß, wovon er spricht. Er lebt sei neun Jahren auf den Straßen von Shanghai.

Östlich des Pu-Flusses

Mit der Weltausstellung 2010 will sich Chinas westlich anmutende Wirtschaftsmetropole in Szene setzen. So perfekt wie Peking die Olympischen Spiele organisiert hat, präsentiert sich Shanghai mit der Expo. Die geballte Urbanität ist Symbol des chinesischen Wirtschaftswachstums: entfesselter Kapitalismus unter der oft kaum noch sichtbaren Hand des Staates. 1990 erklärte Deng Xiaoping das Grasland östlich des Pu-Flusses zur Sonderwirtschaftszone Pudong: Danach wurde die Metropole zum Zentrum für Finanzdienste in der Volksrepublik. 2009 hat die „Perle des Ostens“ erstmals mehr Bruttoinlandsprodukt (BIP) erwirtschaftet als Hongkong. Die pro Kopf erzielte Leistung liegt bei umgerechnet 8.000 Euro, drei mal mehr als der Durchschnittswert für Chinas Megastädte.

Aber Shanghai ist eine geteilte Stadt, eine Miniatur Chinas: Der Osten ist reich, der Westen arm. Das Pro-Kopf-Einkommen östlich des Pu-Flusses ist bis zu zehn Mal höher als in den Bezirken auf der anderen Seite. Breite Alleen, die umzäunten Wohnanlagen der Reichen, Eliteschulen und ein Wald von Wolkenkratzern prägen das Quartier Pudong. Auch die meistens Pavillons der Expo stehen hier. Die Bezirke westlich des Pu-Flusses wirken dagegen mehr als ärmlich: hinter Einkaufsstraßen und herausgeputzten Häusern aus der Kolonialzeit stehen pittoreske, nicht selten baufällige Holzbauten. Hier wohnen Menschen auf engstem Raum. Die Wohnungen riechen wegen des feuchten Klimas oft muffig, sind mit Krimskrams, Kleidung und Lebensmittelvorräten zugeräumt. Draußen quellen Tonnen und Container über vor Müll.

Hart im Nehmen

Zhang Lin lebt hier mittendrin und meist unter der Xinzha-Brücke am Suzhou-Fluss. Nur wenn es im Winter regnet, sucht sich der drahtige Bauer aus der Nachbarprovinz Jiangsu ein warmes Refugium: im U-Bahnschacht, in überdachten Restaurant-Straßen oder einem Schlafsaal für umgerechnet 50 Cent pro Nacht unweit der Xinzha-Brücke. „Shanghai ist freundlich zu uns“, erzählt Zhang. Mit „uns“ meint er alle, die vom Müllsammeln leben. Zwischen fünf und neun Euro kann man damit am Tag verdienen. Es reicht für ihn zum Essen, für Zigaretten und manchmal zum Alkohol. Er hat seine Heimat vor zwölf Jahren verlassen: Ärger mit dem Chef der Fabrik, Trennung von der Frau, Zerwürfnis mit den Eltern. Zhang hat es ein paar Mal mit neuen Jobs versucht. Aber irgendetwas ging immer schief. Die „Armen der Straße“ seien hart im Nehmen, meint er. „Seit einiger Zeit gibt es bei den Müllsammlern viele, die eigentlich einen Job haben. Warum die das machen, weiß ich auch nicht.“

„Weil auch sie arm sind”, glaubt Professor Ning Yuemin, Direktor am Forschungsinstitut für urbane Modernisierung der Huadong-Pädagogik-Universität. Das Büro des 56-Jährigen liegt nicht weit von Zhangs Brücke entfernt. Ning treibt es mit seinen Studenten oft zu Feldforschungen unweit des Suzhou-Flusses. „Durch die ernormen Kosten für Sozialsysteme leben etwa zwei Millionen Menschen in Shanghai in relativer Armut, zehn Prozent der Stadtbevölkerung.”

Die Gründe für ihre Bedürftigkeit seien zahlreich: Bei manchen liege das Einkommen knapp über dem Existenzminimum von 42,50 Euro. Deshalb bekämen sie keinerlei Sozialhilfe. Andere hätten Langzeitarbeitslose, Behinderte oder Kranke zu versorgen. Manche Familie verschuldeten sich durch Ausgaben für eine Operation, Heirat oder die Schulgebühr quasi über Nacht, so Ning.

Diese Gruppe „moderner Armut“ zeigt für den Professor die Herausforderungen heutiger chinesischer Urbanität. Man brauche andere Sozialsysteme, mehr Jobs bei städtischen Dienstleistungen und subventionierte Wohnungen. Jedoch dürften diese nicht nur in einem Viertel oder in Vororten angesiedelt werden, wie das zur Zeit geschehe. Plötzlich stockt Ning in seiner bis dato flüssigen Analyse. „Eine gerechte Stadt kann nicht nur staatlich geplant werden.“ Man brauche karitative Institutionen, Suppenküchen und die Verantwortung der Bürger. Intern diskutiere man das schon länger – Stadtentwicklung nicht nur auf Basis von wirtschaftlichen Indikatoren, sondern als soziales und politisches Projekt. „Bei solchen Vorstößen war Shanghai schon oft Vorreiter!“ Ning lächelt. „Warum nicht auch dieses Mal?“

Kristin Kupfer ist freie Autorin in Peking und schreibt seit 2007 für den Freitag

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18:20 19.06.2010

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