Quatschkaspar a. D.

Klaus Rainer Röhl Der 81-jährige frühere Verleger steht unter Verdacht, seine Tochter missbraucht zu haben. Er war einst, vor allem mit "Konkret", ein Meinungsmacher der anderen Art

Auch wenn sich das keiner vorstellen kann: Es gab selbst in den wirt­schaftswundersüchtigen, aber sonst eher bleiernen fünfziger Jahren eine lebendige Bohème. Sie war, wie Hans Albers, in Hamburg zuhaus, tobte sich in Jazzkellern und einer vorsichtig mit Proletarierfrauen probierten freien Liebe aus und ist heute durch die Generation von 1967ff., die sich weit besser zu vermarkten verstand, vollständig verdrängt worden. Der prominenteste unter diesen ­Bohèmiens war Klaus Rainer Röhl, gegen den jetzt im hohen Alter von 81 Jahren der Vorwurf erhoben wird, er habe seine Tochter Anja missbraucht, als die erst fünf war.

Röhl, 1928 in eine klassische Nazi-Mitläufer-Familie in Danzig geboren, hielt sich schon immer für ein Genie, oder wenigstens für eine Mischung aus Tucholsky und Wedekind. Zusammen mit dem Lyriker Peter Rühmkorf gründete er 1952 das Kabarett „Die Pestbeule“ mit dem schönen Untertitel „Vereinigung der KZ-Anwärter des 4. Reiches“, das beim großen Werner Finck auftreten durfte, aber den Saal jeden Abend bis auf den letzten Platz leer spielte. Im Adenauer-Staat, der nach dem verlorenen Krieg sogleich wieder aufzurüsten begann, konnten sie nichts gewinnen. Heimat war anderswo, war bei den Arbeitern im Hafen, bei den wiedergekehrten Exilanten, den Kommunisten, die das KZ tatsächlich erlebt hatten. Über sie ergab sich bald der Kontakt in den Ulbricht-Staat, den es nach westlicher Meinung gar nicht geben durfte. Mit Geld aus dieser Ostzone gründete Röhl 1955 den Studentenkurier, aus dem bald Konkret und die erfolgreichste Zeitschrift unter den noch nicht sehr zahlreichen Studenten wurde. Konkret brachte die frühen Erzählungen des esoterischen Arno Schmidt im Erstdruck, gestaltete die Seiten mit Holzschnitten, die Frans Masereel zur Verfügung stellte und brachte „Neue Vorschläge für Atomwaffen-Gegner“ von Hans Magnus Enzensberger.

Lieber von der CIA

1956 wurde die KPD in Westdeutschland verboten, und Röhl trat aus Trotz in die Partei ein, die nur mehr im gefährlichen Untergrund existierte. Regelmäßig fuhr er nach Ost-Berlin, um sich Instruktionen und vor allem das Geld zum Weitermachen zu besorgen. Als im „Kampf dem Atomtod“, der zehn Jahre vor 1968 Hunderttausende auf die Straßen getrieben hatte, schließlich auch die SPD einknickte, fand die einzige Opposition der Bundesrepublik in Konkret statt.

Röhl trennte sich von seiner ersten Frau und heiratete 1961 Ulrike Meinhof, ihrerseits KPD-Mitglied und durch ihre Ziehmutter Renate Riemeck in der ersten deutschen Friedensbewegung aktiv. Ulrike Meinhof wurde durch ihre Kolumnen in Konkret zum Star, und Röhl wusste sich mit dieser intelligenten Frau zu schmücken, die ihm 1962 Zwillinge schenkte und noch in der Klinik wieder zu schreiben begann. Nicht zuletzt wegen der strengen, da noch verfassungspatriotischen Ulrike Meinhof erweiterte sich die Bohème Anfang der Sechziger. Inzwischen gehörten auch Hamburger Literaten und Intellektuelle dazu, die sich statt von der SED lieber vom „Kongress für kulturelle Freiheit“, also von der CIA, subventionieren ließen. Auf Sylt wurde Redaktionspolitik gemacht. Mit wohligem Schauder hörte man sich die Berichte an, die Frau Röhl von ihren Reportagereisen zu Frauen am Fließband oder Mädchen in Erziehungsheimen mitbrachte.

Wegen ideologischer Differenzen kündigte die DDR im Mai 1964 die heimliche, aber dem Verfassungsschutz wohlbekannte Subvention, und Konkret wäre beinah eingegangen. Da gab ihm Röhls treuer Freund Peter Rühmkorf die Idee ein, Sex als Verkaufsargument einzusetzen, und so wurde Konkret der erste Nutznießer der beginnenden Sex-Welle und das Vertriebenenkind Röhl plötzlich wohlhabend. Politisch blieb das Blatt links und propagierte 1968, im Jahr, als auf Rudi Dutschke geschossen wurde, durch Peter Schneider und Enzensberger zum ersten Mal Gegengewalt. Vom Leben der Bohème mochte Röhl auch in seiner zweiten Ehe nicht lassen, was Ulrike Meinhof wohl duldete, bis er sich in Danae Coulmas verliebte, die Frau eines NDR-Intendanten. Die eigene Frau zog Anfang 1968 aus dem Häuschen in Blankenese aus, nahm ihre beiden Kinder mit und stürzte sich in Berlin in den APO-Kampf.

Promotion bei Nolte

Die weitere Geschichte ist bekannt: 1970 Baader-Befreiung, Gründung der RAF, 1976 Selbstmord in der Zelle in Stammheim. Wie manch andrer aus der 58er-Generation neidete Röhl der nächsten Generation den ungeheuren medialen Erfolg, und wie die früheren Gegner von ganz rechts begann er die 68er für Terrorismus, Drogen und Libertinage verantwortlich zu machen. Außerdem hatten sie ihm die Frau genommen, und 1973 konnten sie ihm auch noch sein weit mehr geliebtes Konkret entwinden. Röhl rechnete in dem Buch Fünf Finger sind keine Faust (1974) mit alten und neuen Gegnern ab und bewegte sich immer noch weiter nach rechts. Wenn er früher die Party-Gäste mit Nazi-Liedern verstört hatte, die er mit erstaunlicher Inbrunst vorzutragen wusste, fand er jetzt eine neue Heimat in den Springer-Zeitungen und bei Ernst Nolte. Wieder aus Trotz, und weil er ihn als Opfer des Historikerstreits sah, promovierte Röhl mit 64 Jahren bei Nolte. Der Titel der Arbeit ist schon das Beste an ihr: Nähe zum Gegner. Der ehemalige Quatschkasper und notorische Bohèmien ist bitterernst geworden.

Willi Winkler arbeitet für die Süddeutsche Zeitung und hat unter anderem ein Buch über die RAF geschrieben (Rowohlt Berlin 2007)

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