Queen Elisabeth II: Die Schatten der Monarchie

Meinung Elisabeth II. duldete koloniale Gewalt. Die Debatte um Rassismus und Kolonialismus, die nach ihrem Tod aufbrandete, sollte jetzt bewusst fortgeführt werden
10. März 1953: Mitglieder des Stammes der Kikuyu werden in einem Gefangenenlager in Kenia festgehalten. Die britischen Behörden verdächtigten die Mitglieder des Stammes pauschal, an der terroristischen Mau-Mau-Rebellion beteiligt zu sein
10. März 1953: Mitglieder des Stammes der Kikuyu werden in einem Gefangenenlager in Kenia festgehalten. Die britischen Behörden verdächtigten die Mitglieder des Stammes pauschal, an der terroristischen Mau-Mau-Rebellion beteiligt zu sein

Foto: Evening Standard/Getty Images

„Die Queen repräsentiert den Kolonialismus gar nicht!“, erzählt mir ein weißer deutscher Sozialist in der Kneipe, ein Typ, den ich sehr schätze. Eigentlich.

„Nein?“, sage ich.

„Nein!“, bellt er. Dann seufzt er und erklärt: „Also vielleicht repräsentiert sie den Kolonialismus, aber das ist reiner Zufall. Die ist nicht verantwortlich für den Kolonialismus. Das ist ein Zufall, dass sie zufälligerweise die Königin gewesen ist, von einem Land, das viel brutale Gewalt ausgeübt hatte. Totaler Zufall.“

„Totaler Zufall?“, frage ich.

Ich denke gerade an einen Euphemismus, womit wir im Königreich erklären, dass diese Familie, die Windsors, immer auf dem Thron sitzen sollen: an accident of birth. Ein Zufall. Ein Versehen. Die Queen ist zufälligerweise durch ihre Geburt die mächtigste Frau des Landes geworden.

„Und ich finde, es ist eigentlich kein Zufall“, sagt er, „dass während ihrer Amtszeit so viele Kolonien ihre Unabhängigkeit zurückgewonnen haben!“
Ich runzele die Stirn.

„Das soll kein Zufall sein?“, frage ich. Ich bin verwirrt.

„Ich muss sagen, ich bewundere diese Frau so ein bisschen“, erklärt er. „So eine starke Frau. Die immer ihrem Land gedient hat. Das muss man doch bewundern, oder?“

Ich nicke und schweige. Ich habe kaum rechtskonservative Freund*innen in Deutschland, und vielleicht ist das gut so, denn wenn die deutsche Linke so schwärmt, was sagen die CDUler und FDPler? Es schaudert mich, daran zu denken! Das wäre nicht gut für meinen Blutdruck, wenn ich sowas hören musste.

Die britische Monarchie ist ein System, das voraussetzt, dass eine Familie viel Macht und Reichtum genießen soll. Uns wird ständig erzählt, dass diese Macht rein symbolisch ist. Die Queen und ihre Macht: symbolisch, theoretisch, eine Fiktion. In der Schule haben wir gelernt, dass die Königin 1952 in einem Baumhaus in Kenia war, als ihr Vater starb. Sie ging, sagten sie uns, hoch in das Baumhaus als Prinzessin, herunter kam sie als Queen. Sie erzählten uns nicht, dass im selben Jahr die Mau Mau Rebellion durch die Kolonialmacht Großbritannien brutal unterdrückt worden ist. Zehntausende Menschen wurden in Lager gestopft, dort gefoltert, vergewaltigt, kastriert und am Ende getötet. Ich lernte nichts über Kolonialismus in meiner multikulturellen staatlichen Schule, nicht ein Wort. Ich glaube, in den Privatschulen, wie die, die Boris Johnson besucht haben muss, lernen sie auch nur, wie glorreich das Empire war.

Als Königin ist Elisabeth II. die Chefin unserer Armee gewesen. Aber das war natürlich nur ein Zufall, dass ihre Armee 1972 in Derry, Nordirland 14 unbewaffnete Menschen erschossen hat. Und es muss auch Zufall gewesen sein, dass diese Königin eine Krone besaß, mit geklauten Juwelen aus Indien, die 400 Millionen Dollar wert sind. Dafür ist die Queen nicht verantwortlich, nein. Die Presse in United Kingdom war sich einig, ob Boulevard oder Qualitätspresse, dass das, was Meghan getan hat, als sie über Rassismus gesprochen hat, viel schlimmer war als Prince Andrews Freundschaft mit einem Menschenhändler und Vergewaltiger – oder der Tatsache, dass er eine Betroffene 12 Millionen Pfund Schweigegeld gezahlt hat. Die Queen ist sicherlich nicht dafür verantwortlich, dass die Presse so rassistisch ist, oder? Aber die Zahlung für Andrew hat sie schweigend übernommen.

Dürfen wir die Queen für ihr Schweigen, die brutale Gewalt, die Verbrechen, die in ihrem Namen passiert sind, nicht kritisieren? Zu ihren Lebzeiten haben wir über den Horror des Kolonialismus nie gesprochen. Jetzt, wo sie tot ist, ist es respektlos zu erwähnen, dass es diesen gab. Und dass die Queen, wie wir, nie darüber gesprochen hat. Und nie etwas dagegen tat.

Das Leben der Queen: ein reiner Zufall. Jetzt, wo sie tot ist, sollte eine neue Zeit kommen. Weiße Europäer*innen, auch die, die sich für links halten und über ihren Tod trauern, sollten sich bewusst entscheiden. War diese Gewalt okay? Was wusste die Queen? Warum schwieg sie? Und wann wird die neue Queen, die Queen Consort Camilla, die geklauten Juwelen zurückgeben?

Jacinta Nandi ist indisch-britisch-deutsche Autorin. Ihr neuestes Buch „50 Ways to leave your Ehemann“ ist frisch im Nautilus Verlag erschienen

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