Über Begehren

Roman Garth Greenwell schickt einen schwulen US-Dozenten zur Selbstfindung nach Sofia
Die Grenzen zwischen Autobiographie und Fiktion verwischen auch bei Garth Greenwell
Die Grenzen zwischen Autobiographie und Fiktion verwischen auch bei Garth Greenwell

Foto: Mary Mathis/NYT/Redux/laif

Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass Romane aus minoritärer Feder die Trennschärfen zwischen Autobiografie und Autofiktion zunehmend verwischen. Eduard Louis und Ocean Vuong sind die prominentesten Vertreter dieser neuen Literatursparte, deren Prosa sich durch eine unbekümmerte Mischung aus Erdachtem und Dokumentiertem, aus Beichte und Bekenntnis auszeichnet – was mal mehr, mal weniger anregende Bücher hervorbringt. Ihre auffallend wohlwollende Rezeption zeigt, dass Vorstellungen von queerer Literatur als etwas Randständigem im Schwinden begriffen sind. Wenn es um Marktplatzierung geht, weisen diese Titel nunmehr einen potenziellen Bonus auf – ein verlegerischer Umstand, der sie merklich von ihren Wegbereitern unterscheidet, die noch im späten 20. Jahrhundert publiziert wurden. Dieser Vorteil dürfte jedoch auch damit zusammenhängen, dass sich die jüngeren Erzählungen zurückhalten, was gesellschaftspolitische Provokationen angeht. Sie konzentrieren sich auf Innerliches, namentlich auf das Kondensieren von Gefühltem, das ihre Autoren gleichwohl mit gehörigem Sendungsbewusstsein intonieren. An der Prädominanz minoritärer Leidensgeschichten hat sich nichts geändert.

Dieser Tendenz fallen auch die Arbeiten des US-amerikanischen Schriftstellers Garth Greenwell zu. Seinem ersten Roman Was zu Dir gehört (der Freitag 4/2018) folgte der Band Cleanness, der nun, abermals von Daniel Schreiber übersetzt, als Reinheit vorliegt. Beide Arbeiten sind durch Ort und Zeit verbunden: Sie spielen in Bulgarien, wo der Protagonist, ein schwuler US-amerikanischer Dozent, einige Jahre unterrichtet, sich verliebt, seine emotionalen wie sexuellen Grenzen erkundet, an LGBT-Aktivismus partizipiert und den östlichen Balkan zu begreifen versucht. Im englischsprachigen Raum lösten die Romane mitunter Begeisterungsschübe aus, denen bedingt zuzustimmen ist: Tatsächlich spricht hier eine Stimme, die fast schon melodische Töne für klassische queere Erzählstränge findet – ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst, welches das Nicht-von-den-Eltern-geliebt-worden-Sein hinterlassen hat; das eigene Neuerfinden in einer fernen Stadt; die Aufregung der ersten Beziehung; das Entdecken scheinbar abwegiger Vorlieben. Greenwells Sätze sind von Schreiber dankenswerterweise so übertragen worden, dass ihre kompositorischen Stärken auch im Deutschen gewahrt bleiben. In Interviews betont ihr Urheber dieses Detail öfters mit Hinweis auf seine originäre Ausbildung: Bevor er mit der Prosa begann, hatte er sich zunächst in Musik, dann in Lyrik versucht.

Reinheit besteht aus drei Teilen mit jeweils drei Episoden, die sich unabhängig voneinander fast genauso gut lesen lassen wie in vorgegebener Reihenfolge. Es geht um Sex und die Sehnsucht nach diesem – oder, grundsätzlicher noch, nach menschlicher Nähe inmitten mehrdeutiger Unreinheit. „Sofia ist eine dreckige Stadt“, heißt es an einer Stelle beiläufig, und vor der schmutzigen Kulisse entfaltet sich das titelgebende Sujet in Form einer Selbsterprobung des Protagonisten. Weil Begierde hier auch für den Makel steht, ist damit zugleich eine befleckte Existenz gemeint.

Allerdings ist Greenwell nicht etwa dann am besten, wenn er sich auf das anbahnende Begehren zwischen zwei Menschen konzentriert, Worte für körperliches Erleben findet oder die Verstörung schildert, welche auf den Orgasmus folgt, sondern dann, wenn er die Diskrepanzen aufzeigt, die sich zwischen den Ritualen der Lust einerseits und der Umgebung andererseits auftun. Weitaus interessanter als die Beschreibungen des sexuellen Verlangens – seines Vermögens, zwei Individuen anzuziehen, sowie der Fliehkraft, mit der diese Individuen anschließend auseinanderstreben – sind die postsozialistischen Gegebenheiten, in denen sich die Episoden abspielen. Dies sind aneinandergereihte Häuserblöcke, heruntergekommene Straßen, Plätze, Orte und Räume, die sich über Generationen kaum verändert haben, während überall der Wind hindurchpfeift: „Alles, was nicht gesichert war, trug er davon, alles, was locker war, machte er noch lockererer.“ Dazwischen lugt das Begehren hervor wie der einsame Grashalm aus der Betonspalte am Straßenrand. Es wächst und will sich behaupten.

Zuweilen etwas pastoral

Genau das ist allerdings das Problem: Schwerlich findet sich in den neun Episoden ein Moment, das sich dem gräulich anmutenden Grundton des Ganzen tatsächlich widersetzt. Das verleiht Greenwells Stil bisweilen einen Touch pastoral anmutender Befindlichkeit. Seite um Seite geht es bedeutungsschwer zu, und bei aller Musikalität der Sätze haben diese auch etwas Kontrolliertes. Vieles mutet wie eine fortwährende Belastung an – so, als litte der Protagonist unter einer höheren Bürde oder als ob er sich einer diesseitigen Prüfung zu unterziehen habe. Noch nicht einmal die Weiten und die Abgründe des Internets bieten ihm die Möglichkeit, sich selbst als Einzelnen zu erfahren: „Du kannst dort alles finden, was du begehrst, wie abwegig oder ungewöhnlich es auch ist, und fast immer wird sich jemand melden; die Welt ist groß, wir sind nie so allein, einzigartig oder beispiellos, wie wir denken, was wir fühlen, ist auch von jemand anderem gefühlt worden, schon immer und immer wieder, es war noch nie anders und wird immer so bleiben.“

Die letzte Episode läuft auf einen Fleck zu, der besagte Reinheit ruinieren könnte, endet aber mit der Einsicht, dass er auch einfach weggewischt werden könnte. Dass es sich befleckt gut leben lässt, stiftet zuletzt doch noch etwas Trost. Denn „was bedeutete schon ein bisschen Schmutz“ inmitten all des übrigen Drecks? Mindestens Lust – und vielleicht auch das Leben selbst.

Info

Reinheit Garth Greenwell Daniel Schreiber (Übers.), Claassen 2022, 304 S., 23 €

Vojin Saša Vukadinović ist Historiker und Herausgeber u. a. der Anthologie Die Schwarze Botin (Wallstein 2020), der ersten Dokumentation zur radikalsten Zeitschrift der westdeutschen Frauenbewegung

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