Quellen im Wald

Kaliningrader Gebiet Die Familie von Sergej ist bei der Versorgung mit Wasser weder auf Leitungen noch auf Brunnen angewiesen
Quellen im Wald
Die Kartoffeln sind schmackhaft, aber klein, weil es zu wenig regnete

Foto: Sergey Maximishin/Agentur Focus

Mai 2014, wir sitzen in der Küche und trinken Tee. Sergej hat starke Kopfschmerzen und spricht kaum. Ich gehe lieber spazieren, Sohn Aljoscha kommt mit. Er fotografiert mit meinem Apparat sämtliche Autos, die uns entgegenkommen. Einen Fahrradfahrer, die Schafe der Nachbarn, die Häuser, die Postkästen und mich. Unsere Verständigung klappt inzwischen ganz gut. Er hat sich damit abgefunden, dass ich vieles, was er sagt, erst mal nicht verstehe. Inzwischen ist er sechs und sehr klein für sein Alter. Das wird zum Dauerthema zwischen seinen Eltern und mir, sie machen sich Sorgen. Aber Aljoscha ist nur äußerlich klein. Er ist energiegeladen, wie sonst kaum ein Mensch, den ich kenne, und wenn eine Sache zu schwer ist für ihn, macht er es trotzdem. Ich versuche ein Gespräch über seinen Vater und meine mit dem Wort „plocho“, schlecht, die Kopfschmerzen, die Sergej gerade hat. Aljoscha versteht aber, dass ich seinen Vater insgesamt schlecht finde. „Nein“, sagt er mit fester Stimme und ohne zu zögern, „mein Vater ist nicht schlecht“.

Juli 2017

Ich bin gut vorbereitet. Ich habe mir in einem Hotel eine Genehmigung für das Grenzgebiet beschafft und frage Sergej und Leena, ob ich in meinem Auto neben dem Grundstück übernachten darf. Das geht, und wir suchen einen guten Platz. Sergej findet zwar, dass es besser ist, von der Straße aus nicht gesehen zu werden, aber ich fühle mich auf der sicheren Seite, ich habe ja den Erlaubnisschein.

Am nächsten Morgen liege ich noch im Schlafsack, als eine Grenzbeamtin vorfährt und mich mit strenger Stimme weckt. Sie erkennt auch gleich den Fehler auf meinem Papier. Genau dieser Landkreis ist darauf nicht vermerkt. Sie fragt, was ich hier mache, ich versuche, es ihr zu erklären. Die Beamtin telefoniert mit ihrem Vorgesetzten. Die Frau ist „charascho“, in Ordnung, sagt sie ihm. Ich bin erleichtert und bekomme meine Papiere wieder, und sie braust in ihrem olivgrünen Wagen davon.

Leena hat frühmorgens schon zwei Kühe gemolken, die Milch gefiltert und in große Flaschen abgefüllt. Sie wirkt sehr zielstrebig und hat Spaß an der Arbeit. Und die Milch bringt Geld ein. Wir fahren mit Fahrrädern ins Nachbardorf, um die Milch auf die Abholrampe für das Milchauto zu stellen. Dann nehmen wir noch einen Umweg zum Dorfladen, um einzukaufen. Leider sitzt dort die Grenzbeamtin auf einer Gartenbank und schaut mich an. Sie kann Gedanken lesen, denn ihre ersten Worte sind: „Alles okay, kein Problem!“ Ich frage, ob ich noch eine Nacht bleiben darf. „Ja“, sagt sie und versucht streng zu bleiben, lächelt aber doch.

Im Laden spricht mich ein etwa 50-jähriger Mann an. Ich verstehe nichts und gehe einen Raum weiter. Er lässt nicht locker und kommt hinterher. „Deine Großmutter heißt Martha“, sagt er auf russisch. Das ist nicht schwer zu verstehen, und er redet weiter, in einfachen Worten. „Ich kenne das Haus“, sagt er, „neben der Eingangstür stand der Name deiner Großmutter und eine Adresse.“ (Sie sollte dem bis zum Zeitpunkt der Flucht vermissten Sohn anzeigen, wohin die Familie geflohen war.) Um deutlicher zu werden, geht er zur Eingangstür des Ladens und zeigt, wo am anderen Haus der Name stand. Ich bin so verblüfft, dass ich nichts fragen oder sagen kann, nur noch, ob ich seine Telefonnummer bekomme. Er gibt sie mir.

Der Bauernhof von Großmutter Martha Vorwald, undatiert

Foto: privat

Erst Wochen später merke ich, was in dem Moment passiert ist. Ein Russe hat eine Verbindung geschaffen zwischen mir und diesem Ort und mir damit einen Teil meiner Identität zurückgegeben. Dass ich mich hier so wohl fühle, hat einen Grund, eine Berechtigung. Ich kann aufhören zu suchen. Als Sergej von dieser Sache hört, wird er wütend und rennt raus. Ich kann nur vermuten, was los ist. Erstens, ihm geht das alles auf die Nerven, und zweitens, er war vielleicht beteiligt an der Zerstörung des Hauses.

Nachmittags gehe ich auf die Wiese, die bis nach Litauen führt. Vieles hat sich hier seit dem Krieg in der Ostukraine verändert. Litauen baut einen Metallzaun an der Grenze zum Kaliningrader Gebiet. Die Russen verstärken ebenfalls ihre Grenzanlagen und haben ungefähr da, wo einmal der Birnbaum stand, eine Kamera installiert, die viele Kilometer weit sehen kann. An einigen Stellen sind die Bäume höher als das Kameraauge, und hier kann ich unbeobachtet längere Zeit im Gras liegen.

Oktober 2018

Zum ersten Mal bekomme ich persönlich die völkerverbindende Wirkung des Fußballs zu spüren. Kaliningrad war ein Austragungsort für die WM 2018. Die zahlreichen Berichte über die Spiele, die ausländischen Besucher und ihre Feierlaune haben Spuren hinterlassen. Aljoscha spielt auf dem Hof Fußball, in der Küche sehen wir uns Landkarten an, und ich bekomme von Sergej einige Kleinigkeiten geschenkt. Lauter Dinge, die noch aus deutscher Zeit stammen und überall im Kaliningrader Gebiet zu finden sind, sobald man die Erde umgräbt, zum Beispiel den Klickverschluss für eine Bierflasche. Das ist eindeutig ein Friedensangebot. Ich nehme es an, natürlich.

Zweite Heimat

Russland Jahrelang hat Astrid Thomsen immer wieder eine Familie im Kaliningrader Gebiet besucht, deren Dorf an der Grenze zu Litauen liegt. Im ersten Teil ihrer Langzeitreportage, die in der vorangegangen Ausgabe (Freitag 15/2021) veröffentlicht wurde, hat sie Treffen zwischen 1996 und 2014 beschrieben. Dass sie diese Gegend stets von Neuem bereiste, hatte nicht zuletzt biografische Gründe. Sie kehrte damit auch an den Geburtsort ihrer Mutter zurück, die Ende 1944 vom Bauernhof der Familie nach Schleswig-Holstein geflohen war und danach nie wieder sehen wollte, was sie verlassen musste. Für die Autorin dagegen wurde die „alte“ mit den Jahren immer mehr zu einer zweiten Heimat, zu der sie sich umso mehr hingezogen fühlte, je besser sie das Leben von Sergej, seiner Frau Leena, den Söhnen Serjoscha und Aljoscha kennenlernte und sich eingeladen fand, daran teilzuhaben.

Wir spielen Karten und Schach und essen Pelmeni. Leena erzählt, dass ihr großer Sohn mit starken Kopfschmerzen in Kaliningrad im Krankenhaus liegt und ihre Mutter einen Schlaganfall hatte. Sie liegt ebenfalls in einer Klinik, aber im Süden, in Gusev. Ich biete an, mit ihr am nächsten Tag dorthin zu fahren. Sie sagt sofort zu.

Die Mutter, die noch mit über 80 voller Energie ihren Garten bestellt hat, sitzt in ihrem Bett im Vierer-Zimmer und ist nur noch ein Schatten. Die ersten Worte an ihre Tochter sind: „Hast du Geld mitgebracht?“ Das hat sie, und noch einiges mehr. Eine Strickjacke und etwas zu essen. Die alte Frau friert, die Decken sind dünn, alle Türen stehen offen. Diese Frauenstation ist überfüllt. Die Pflegerinnen und Ärztinnen laufen im Eiltempo von einer Kranken zur anderen. Bis auf den Gang stehen die Betten. Einige Frauen sind kaum noch ansprechbar, einige klagen laut und jammern. An den übrigen Besuchern und dem Verhalten der Krankenschwestern ist zu sehen: Das ist hier Alltag, nichts, worüber man sich aufregen müsste. Das schaffe ich nicht und sage nach einer Weile zu Leena, dass ich zum Einkaufen gehe und sie später wieder abhole. Ich sehe noch, wie die Hand der Mutter die Hand der Tochter sucht, aber das ist vergeblich.

Auf dem Rückweg machen wir eine Pause und picknicken. Ich lege meine Supermarkteinkäufe auf ein Tablett, suche Teller und Gabeln heraus und koche Tee mit meinem Campingkocher. Endlich kann ich mal die Gastgeberin sein und für etwas Wohlfühlstimmung sorgen. Am nächsten Morgen fahren Sergej und Leena los und holen die Mutter zu sich nach Hause.

September 2019

Ich habe für Aljoscha einen Computer besorgt und bringe den jetzt hin. Es ist zu sehen, dass er ungefähr jede Minute gewartet hat, nachdem ich ihm das im vergangenen Jahr versprochen hatte. Die nächsten Stunden verbringen wir damit, den Laptop auszuprobieren, was hier fehlt, ist Internet. Ich habe die Hoffnung, dass Aljoschas großer Bruder Serjoscha das später erledigt.

Grenze zwischen Litauen und Deutschland, undatiert, von vorne: Martha Vorwald, ihr Bruder Gustav und ihr Mann Adolf

Foto: privat

Ich bin gerade recht gekommen, um bei der Kartoffelernte zu helfen. Das Feld ist groß und alle haben schon Rückenschmerzen von der tagelangen Arbeit, nur ich noch nicht. Leena wirkt müde und angeschlagen, ihre Mutter ist vor Kurzem gestorben. „Astrid“, sagt sie, „jetzt bin ich die Älteste in der Familie.“ Und sie sieht aus, als wenn dies schön und bedrückend zugleich wäre.

Wir arbeiten mit guter Laune und häufigen Pausen. Es wird viel gescherzt und gelacht. Serjoscha hat sein Smartphone dabei und spielt Musik ab. Ich gehe mit einem innerlichen „Das müssen wir jetzt schaffen“ an die Sache heran, und als ich die erste Bemerkung mache, dass wir ja wieder leere Eimer brauchen, wird gelacht. Darauf haben sie schon gewartet, dass die Deutsche Verbesserungsvorschläge macht.

Wäre Serjoscha nicht da, würden wir noch Wochen brauchen. Er ist total stark und prescht mit dem einachsigen Kartoffelroder durch die Reihen, dass die Kartoffeln nur so zur Seite fliegen. Aljoscha kommt aus der Schule und legt gleich los wie ein Großer. Und er ist auch groß geworden. Der kleine Kerl, der sich hauptsächlich von Süßigkeiten ernährte, ist Vergangenheit.

Diese Kartoffeln müssen für drei Personen und mehrere Tiere bis zur nächsten Ernte reichen. Sie schmecken sehr gut, sind aber leider etwas zu klein geraten, weil es an Regen fehlte.

Als Dankeschön für meine Hilfe gibt es nach der Ernte einen Ausflug. Wir fahren endlos durch einen riesigen Wald und abgelegene Sandpisten und besuchen einen Ort, der sehr einsam liegt. Hier leben Verwandte von Sergej, und in der Nähe ist ein Friedhof aus deutscher Zeit, den wir uns ansehen. Auf dem Rückweg holen wir noch mehrere große Kannen mit Wasser aus einer versteckt liegenden Quelle im Wald. An den Fußspuren ist zu sehen, dass das auch noch andere Menschen tun. Der Wasserstand des Brunnens zu Hause ist stark gesunken, wie schon oft im Herbst. Dieses Brunnenwasser ist für die Kühe da, die Menschen trinken das Wasser aus dem Wald, es ist sauber und gesund und, wie Sergej versichert, von einem Labor geprüft.

Info

Die Autorin wurde durch ein Arbeitsstipendium des Programms „Kultur ans Netz“ aus Sachsen-Anhalt unterstützt

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06:00 05.05.2021

Ausgabe 18/2021

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