Querstellen

A-Z Streik Vorfeldlotsen legten Flughäfen lahm, im öffentlichen Dienst wurde und wird die Arbeit niedergelegt. Es wird wieder gestreikt! Hier das Basiswissen zum Thema, von A bis Z

Arbeiterkampf

Im Arbeiterkampf um Mitbestimmung, angemessene Entlohnung und Arbeitsbedingungen hat sich der Generalstreik als wirksames Mittel gezeigt. Handel, Produktion und Verkehr werden komplett ausgesetzt. Weil sie das gesamte öffentliche Leben lahmlegt, ist die allgemeine Arbeitsniederlegung der Alptraum der Kapitalisten. Hier helfen keine einzelnen Streikbrecher (➝ Billy Elliot) und Drohgebärden. Ein landesweiter Generalstreik, wie er etwa für den 29. März in Spanien angekündigt wird, ist in Deutschland nicht möglich. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern ist der Generalstreik hier nicht vom Streikrecht gedeckt. Dieses halten die Erstunterzeichner des Wiesbadener Appells – Politiker, Gewerkschaftler und Wissenschaftler – daher für das rückständigste der Welt. Seit 1. März läuft ihre Unterschriftenaktion, die das Ziel hat, den politischen Streik rechtlich abzusichern. Tobias Prüwer

Billy Elliot

Im Norden Englands sind die Häuser klein, die Menschen sprechen einen seltsamen Dialekt und kämpfen gegen die Härten des Lebens. Hier inszenierte der Regisseur Stephen Daldry mit Billy Elliot ein modernes Mädchen – und den berührendsten Streikbruch der Filmgeschichte. Die Handlung spielt zur Zeit des Bergarbeiterstreiks 1984/85. Billys Vater und sein großer Bruder streiken seit Wochen. Billy, von seiner Ballettlehrerin zunächst gegen den Willen des Vaters gefördert, könnte für die Aufnahme an der Royal Ballet School in London vortanzen, aber die Familie hat kein Geld für die Fahrkarte. Um es zu verdienen, setzt sich der Vater in den Bus, der die Streikbrecher zur Arbeit bringt. Es ist ein Tabubruch, ein Verrat an der Gemeinschaft der Streikenden – und ein großer Liebesbeweis eines Vaters für seinen Sohn. Jan Pfaff


Der griechische Meeresgott Proteus ließ sich einiges einfallen, um nervigen Besuchern aus dem Weg zu gehen, die von ihm eine Weissagung erbitten wollten. Mal verwandelte er sich in eine Schlange, mal in einen Baum. Er hat sich damit einen Namen gemacht. Denn von „proteischem Verhalten“ ist heute die Rede, wenn dieses unberechbar ist. Pokerspieler etwa handeln hochproteisch, sie nennen es nur anders: bluffen. Auch ein Streik lebt vom proteischen Potenzial beider Parteien. Das fängt auf der Gewerkschaftsseite mit der Streikkasse an. Die ist dem Vernehmen nach immer „prall gefüllt“. Wichtig für eine starke Verhandlungsposition ist es zudem, den Gegner kalt zu erwischen – ihn also im Unklaren zu lassen, wann, wo und wie lange gestreikt wird. Aber auch die Arbeitgeber spielen ihre Spielchen: Oft ist die „absolute Schmerzgrenze“ bei Lohnsteigerungen rhetorisch schon erreicht, wenn eigentlich noch viel Luft nach oben ist. Proteus hätte seinen Spaß gehabt. Mark Stöhr

Demonstrationsstreik

Gemeinhin gilt der Ostberliner Bauarbeiterstreik vor dem 17. Juni 1953 als größte Aktion dieser Art in Nachkriegsdeutschland. Tatsächlich waren Jahre zuvor, am 12. November 1948, in der britisch-amerikanischen Bizone aber 9,5 Millionen Beschäftigte aus Industrie, Handwerk und Handel dem Aufruf regionaler Gewerkschaften gefolgt, um einen Tag der „Arbeitsruhe“ einzulegen. Sie protestierten gegen den Verzicht auf Preiskontrollen, wie ihn Ludwig Erhard als Chef der Wirtschaftsverwaltung in den drei westlichen Besatzungszonen durchgesetzt hatte. Von „Generalstreik“ zu reden, war verboten. Also traten die Arbeitnehmer der Bizone für 24 Stunden in einen „Demonstrationsstreik“, bei dem aber nicht demonstriert werden durfte. Die Besatzungsbehörden hatten das zur Störung der öffentlichen Ordnung erklärt und unter Strafe gestellt. Lutz Herden

Frauen

„Uns reicht’s! Deutschland von Norden bis Süden in Frauenhand. Das wäre Spitze“, proklamierten die Transparente, die am 8. März 1994 am Kap Arkona auf Rügen und auf der Zugspitze gehisst wurden. Ein besonderer 8. März, dieser „FrauenStreikTag“, der bis nach England ausstrahlte (siehe auch Bild): „Fatherland’s women to strike for equality“, wie der Observer damals schrieb.

Ein richtiger Generalstreik ist es dann nicht geworden. Schon deshalb, weil viele Frauen sich zwar vorstellen konnten, den Arbeitgeber zu bestreiken, nicht aber die eigene Familie. Was die damalige Frontfrau von Silly, Tamara Danz, zu der bösen Replik veranlasste, dass, solange die Gesellschaft sich auf Muttertierinstinkte verlassen könne, ihre Erhaltung auf Kosten der Frauen gesichert sei. Alles lange her, die Streitäxte zwischen Ost- und Westfrauen sind begraben. Heute fordern ausgerechnet Promi-Frauen, die sich damals zierten, die Quote. Ulrike Baureithel

Gebärstreik

Als 1913 in der deutschen Arbeiterbewegung über einen Gebärstreik diskutiert wurde, wäre die Umsetzung sicher noch mühsamer gewesen als in den 1970er Jahren, als Feministinnen das Thema auf den Tisch brachten und die Pille bereits auf dem Markt war. Die Verweigerung der Schwangerschaft ist eine Streikform, deren Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung nicht mal so eben nach einer Woche sichtbar werden. Dementsprechend verlangt diese Form entweder ein großes Durchhaltevermögen über längere Zeit – oder sie entfaltet ihre Wirkung nur als Drohung, als negative Zukunftsversion.

Seit den 1990er Jahren wurde der Begriff auch häufig im Zusammenhang mit dem Geburtenrückgang verwendet. Mancher Politiker sprach gar vom Gebärstreik deutscher Akademikerinnen. Die potenziellen Väter wurden dabei vollkommen außer Acht gelassen. Was ist denn mit dem Zeugungsstreik? Sophia Hoffmann

Geräte

Die Technik, darauf hat der Wald- und Feldweg-Philosoph Martin Heidegger als Erster hingewiesen, ist ein merkwürdiges Wesen. Erst wenn ein Gerät streikt, merkt man, wie abhängig man von ihm ist. Heidegger hatte noch an Beispiele wie einen Hammer gedacht. Viel größere Konsequenzen hat die Abhängigkeit aber in der durchtechnisierten Gegenwart – man erinnere sich nur an die zum Jahrtausendende umgehende Angst vor dem „Millennium-Bug“. Keiner konnte prognostizieren, ob man bei der Datumsumstellung an alles gedacht hatte oder etwa die Börse zusammenkrachen würde. 2010 traten dann Spätfolgen auf. So wurden viele Kreditkarten als ungültig angesehen. Welches technische Gerät demnächst streikt? Wir werden’s merken. TP

Hochschule

Seit der Bologna-Reform haben Studierende viele Probleme: Die Lehrpläne sind straff, ab dem ersten Semester müssen sie Punkte für die Abschlussnote sammeln, das Betreuungsverhältnis ist mies, sie sind gerade erst volljährig geworden und stecken in einer komplizierten Beziehung. Wo bleibt da die Zeit zum Streiken? Die Einzigen, die die Streikkultur an der Hochschule hochhalten, sind diejenigen, die noch ihr Diplom machen wollen. Sie haben viel Zeit. Doch genau das gefällt ihnen nicht. Sie regt es auf, dass sie nicht für jene Seminare zugelassen werden, die sie noch für den Abschluss brauchen. Diese werden von 17-Jährigen blockiert. Würde man die Diplomstudenten zulassen, könnten nicht mal sie noch streiken. Dann würde den nächsten Studentengenerationen aber ein wichtiger Initiationsritus – mein erster Uni-Streik! – abhandenkommen. Matthias Köberlein

Hunger

Die wohl extremste Form des Streikens ist die Nahrungsverweigerung. Bei dieser Form des Widerstands setzt der Protestierende seine Gesundheit, oft gar sein Leben aufs Spiel. Wer in den Hungerstreik tritt, ist verzweifelt. Es ist der letzte Schritt vor dem suizidalen Protest wie der Selbstverbrennung. Oft sind es politische Häftlinge wie der RAF-Terrorist Holger Meins, der 1974 nach 57 Tagen ohne Nahrungsaufnahme verstarb, oder das IRA-Mitglied Bobby Sands, das 1981 66 Tage Hungern mit dem Leben bezahlte.

Der Hungernde setzt seinen Gegner moralisch ins Unrecht, weil er seine Schwäche zu einer Waffe macht. Immer wieder greifen Autoritäten daher auf die Zwangsernährung mittels einer Magensonde zurück, um den Hungerstreik zu beenden. Zuletzt erregten Fälle im Gefangenenlager Guantanamo die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Obwohl sich der Weltärztebund mehrfach gegen die Methode ausgesprochen hat, wird auch in Deutschland immer wieder über die Zwangsernährung hungerstreikender Asylbewerber diskutiert. SH

Kultur

Die Stadt lag lahm. Hafen, Müllabfuhr, Bus, Bahn, Schulkantinen – alle streikten in Marseille, als 2010 das Rentenalter angehoben werden sollte. Revolte kann bei den Franzosen zum Fest werden: Eltern, Freunde, Großeltern versammeln sich dann und singen: Motiver, motiver – il faut rester motiver! Der Zebda-Song ist eine moderne Marseillaise. „Tous ensemble“ wird aus dem Lied auch schnell in die Realität übersetzt: Alle Schaffner solidarisieren sich mit einem niedergestochenen Kollegen. Oder Kinozuschauer verlangen geschlossen ihr Geld zurück, wenn der Film etwas zu spät anfängt. Und im Mai ’68 besetzten erst Studenten die Hörsäle, danach legten zehn Millionen Arbeiter (!) das Land lahm. Maxi Leinkauf

Rheinhausen

Als der Duisburger OB Adolf Sauerland kürzlich durch einen Bürgerentscheid aus dem Amt gehoben wurde, war ein alter Bekannter wieder mittendrin: Theo Steegmann. Er hatte mit einer Bürgerinitiative das Abwahlverfahren in Gang gebracht. Steegmanns Ruhm im Ruhrgebiet gründet auf seiner Rolle im Streik gegen die Schließung des Krupp-Hüttenwerks in Duisburg-Rheinhausen 1987/1988. Damals führte der gelernte Stahlkocher 6.000 Arbeiter durch 160 Tage Ausstand. Die Autobahn wurde blockiert und die Rheinbrücke. Das Werk wurde 1993 trotzdem geschlossen. MS

Sex

Schon der antike Dichter Aristophanes ließ im Schauspiel Lysistrata griechische Frauen ihren Männern den Beischlaf verwehren, um ein Ende des Peloponnesischen Kriegs zu erwirken. Dem literarischen Sex-Boykott sollten viele Orgasmusstörungen folgen. So rief eine Parlamentsabgeordnete 2010 in Belgien die Frauen zur Abstinenz auf, um endlich das Zustandekommen einer funktionierenden Regierung zu erstreiten. Im Herbst 2011 verweigerten 300 Frauen in der westkolumbianischen Stadt Barbacoas den Beischlaf. Sie forderten die Renovierung einer wichtigen Verbindungsstraße – und zwangen so die Männer in die Knie. TP


Nur Gewerkschaftsmitglieder kriegen bekanntlich Streikgeld. Nicht-Gewerkschafter müssen dagegen im Falle eines Streiks genau rechnen. Wie also kommt in Zukunft noch ein Ausstand zustande? Der Organisationsgrad unter den Beschäftigten nimmt stetig ab. Nicht mehr so schnell wie früher, doch der Trend ist negativ. Gerade bei Verdi. Die Dienstleistungsgewerkschaft umwirbt daher „Solo-Selbstständige“, Freiberufler ohne Mitarbeiter. Von ihnen gibt es inzwischen mehr als Beamte. Doch ist es wahrscheinlich, dass freie Journalisten, IT-Spezialisten und Führungskräfte-Coachs gemeinsam mit dem öffentlichen Dienst die Arbeit niederlegen? Eher nicht. MS

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11:25 19.03.2012

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