Querulanten

Alltag Von Nervensägen, Erfindern und der Poesie des Leserbriefs

Während der Wende warb die DDR-Wochenzeitung Sonntag, der Vorläufer des Freitag, mit dem Spruch "Das Blatt für Querulanten". Was ist ein Querulant? Mag man den Querulanten? In Deutschland wurden die "Prozessierer" lange Zeit mit Gefängnis bestraft. In Goethes Weimar wurde schon das Verfassen von bäuerlichen Fron-Beschwerden mit Zuchthaus geahndet, während der Nazizeit drohte Deportation ins KZ. Wobei man beim Nachweis des Querulantentums gern tautologisch argumentiert: "Er ist ein Querulant, weil er gegen alles ist, was die Behörden und Gerichte anordnen - z.B. auch gegen die Beiordnung eines Pflegers; das bestätigt, dass er ein Querulant ist, was wiederum besagt, dass er einen Pfleger braucht und entmündigt werden muss".

Der Querulant gilt als Sonderling, als starrsinnig und verrückt. Doch wer sich selbst als Querulant bezeichnet, will sich als kreativer Querdenker verstanden wissen. Bürgerinitiativen nennen ihre Informationsschriften selbstbewusst "Der Querulant". "Offene Kanäle", Mitmach- und Vorort-Sendungen und Nachmittags-Talkshows sind zu Foren, geradezu zu Auftrittsschulungen für Querulanten geworden. Man könnte meinen, der Querulant käme zu neuen Ehren.

Doch man sollte nicht allzu optimistisch sein. Während es in den USA noch nicht einmal ein Wort für Querulanten gibt - und niemand etwas dabei findet, wenn ein einzelner, der besonders hartnäckig seine Interessen vertritt, monatelang mit einem Protestplakat vor einer Bank oder einem öffentlichen Gebäude demonstriert, wenn man in England einen solchen Menschen als Exzentriker schätzen würde, ist und bleibt so jemand hierzulande ein querulatorischer Mackenkopf, dem man lieber aus dem Wege geht.

Dabei sind Querulanten nützlich. 80 Prozent aller höchstrichterlichen Entscheidungen werden von Querulanten erwirkt. Und 50 Prozent aller weltweit in die Praxis umgesetzten Erfindungen stammen aus England - vermutlich von den dortigen Exzentrikern. Zudem sind Querulanten unterhaltsam.

Meine erste Querulanten-Erfahrung sammelte ich, als ich einen Herrn Ritter aus Spandau kennen lernte - einen Krankenpfleger, der einen Maßschuh erfand, welcher sich maschinell herstellen lässt, mittels einer mathematischen Formel und mehreren "Berechnungspunkten". Er versuchte, diesen bei allen erdenklichen Innungen, Verbänden, Firmen, Erfinder- und Innovationsmessen an den Mann zu bringen. Zugleich war er derart misstrauisch, ein anderer könne ihm seine Idee abjagen, dass er die selbe niemals patentieren ließ, und nirgendwo "zur Parade" kam, wie er sich ausdrückte. Selbst die Medienvertreter, die er für seine Sache fernmündlich interessieren konnte - wobei sein rhetorischer Werbespruch lautete: "Und jetzt kommt das Entscheidende" -, stieß er reihenweise vor den Kopf. Ich muss gestehen, dass auch ich mich nach einigen Jahren am Telefon verleugnen ließ. Er verlor schließlich seinen Krankenpflegerjob und kam in eine Irrenanstalt. Während ich - als Journalist - mittlerweile pro Woche mindestens drei Querulantenbriefe im Briefkasten finde.

Der Umgang mit derlei Post in Zeitungsredaktionen bezeugt einmal mehr , wie wenig die Zeugnisse querulantischen Engagements gewürdigt werden. Meist gibt es für sie keine Zuständigkeit, mitunter gibt es Ablagefächer für "Leserbriefe", "sonstige Post", "Fremdrecherchen". Dort würden sie nach einigen Wochen weggeworfen. Ich hingegen sammle diese Briefe und habe ihrer Vielfalt wegen ein Ordnungssystem angelegt.

Am häufigsten schreiben emeritierte Professoren oder Ingenieure, die ihre Tinte nicht halten können und ständig irgendwelchen Mächtigen oder Prominenten schreiben, was diese falsch gemacht haben. Sie arbeiten als Hobby-Politikberater - und da die Beratenen ihnen nie antworten, schicken sie stets eine Kopie ihrer oft zehnseitigen Ratschläge an die "Medien". Ihre Briefe sind oft entsetzlich fade!

Interessanter sind die Querulanten aus dem Volk, die ihre Briefe samt den Umschlägen nicht nur gerne mehrfarbig per Hand gestalten, sondern auch mit Graphiken, Fotos und anderen Gestaltungselementen versehen. Manchmal schreiben sie 30 Seiten - und nichts davon darf ohne ihre Genehmigung gekürzt werden; hinzu kommen im Anhang oft noch Kopien ihres Passes, ihres Führerscheins oder Mietvertrages. Inhaltlich geht es ihnen meist um paranoische Konstruktionen und Denunziationen, z.B. "Alwin Meyer, Hoya, Kirchweg 12, ist ein übler Kinderschänder und muss mitsamt seiner ganzen Sippe ausgerottet werden!" oder: "Der Spediteur Dietrichsen, Hameln, Am Markt 3, bescheißt seit Jahren systematisch das Finanzamt!" Zunehmend gewinne ich auch an den Briefen von Alt- und Neonazis Gefallen: Erstere nehmen meist einen öffentlichen Akt zum Anlass, um noch einmal ausführlich über alle Kriegsverbrecher (Engländer, Amerikaner und Franzosen) herzuziehen, wobei auch der "Hauptfeind", der Kommunismus nicht verschont bleibt. Gerne und immer wieder versuchen sie sich an historisch völlig unhaltbaren, aber dafür umso liebevoller gestalteten Ehrenrettungen von echtdeutschen Massenmördern. Mit schönen Slogans wie: "Opa war in Ordnung!" Mir gefällt das naive Engagement, das sich erfrischend abhebt von den politisch-korrekten Büchern unserer Jungprofessoren, die mit ihren angepassten Langweilertexten primär Karriere machen wollen.

Die längsten Briefe erhalte ich von den "Prozessierern". Ihre Briefe umfassen viele eng beschriebene Seiten, und meist geht es um "Hintergrundinformationen" zu ihrer Klage - z.B. gegen "das Landgericht Münster", "den Bürgermeister von Fulda", "den Landrat von Oldenburg" oder gleich gegen die NATO, die UNO oder - alle Regierungen. Weniger engagiert, merkwürdig und eher deprimierend ist die Post von vereinsamten Fernsehguckern, die ich öfter im Briefkasten finde. Sie brauchen, wie sie schreiben, "einfach einen Ansprechpartner" - ohne dass sie jedoch etwas zu sagen hätten. Ihre Briefe sind oft verwirrend.

Sehr klar geschrieben sind hingegen die Briefe einer letzten Gruppe von Verfassern, wobei hier die Autoren selbst eher verwirrt erscheinen: Es handelt sich um Leute, die einen Empfänger im Kopf haben - und also permanent Stimmen hören. Wobei sie dies nicht als ihr Problem begreifen, ihr Problem ist ein äußerer Feind, der sie mit einem starken Sender bedroht. Sie möchten, dass dieser geortet - und sodann zerstört wird. Das Postaufkommen der "Stimmenhörer" hat in letzter Zeit zugenommen, was sicherlich mit der Globalisierung und den elektronischen Medien zusammenhängt. Eine Untersuchung des Phänomens steht aus, da sie meinen Zeitrahmen übersteigt.

Die Post der Querulanten zu betreuen, sich mit ihren Problemen, Erfindungen und Gesellschaftsentwürfen zu befassen, erfordert Zeit. Weshalb noch immer viele Früchte querulantischer Umtriebe verloren gehen. Das ist nicht immer schade - mitunter aber doch. Weil der Umgang mit Querulanten den meisten verständlicherweise zu anstrengend ist, sind diese darauf angewiesen, sich in querulatorischer Beharrlichkeit selbst helfen. Das Gute ist: Man kann auf sie zählen.

00:00 05.10.2007

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