Quotenwessi im linken Wahlkampf

Porträt Jan Korte Der 28-jährige Politikstudent aus Hannover kämpft in Sachsen-Anhalt um ein Direktmandat für die Linkspartei

An Himmelfahrt 1999 läuft Jan Korte die Galle über. Im Fernsehen übertragen sie gerade den Kosovo-Parteitag der Grünen. Der Einsatz deutscher Soldaten im Kriegsgebiet wird diskutiert. Das bringt den Studenten in Rage. Korte ist ein friedliebender Mensch. Ein linker Grüner. Ein Pazifist. Doch darauf nehmen seine Parteifreunde keine Rücksicht. Heute werden sie seine Ideale verkaufen und verraten. "Was für ein Scheißtag", denkt der Student und spült seinen Frust mit einem Herrenhäuser-Pils, dem Hannoveraner Traditionsbier, tief in den Magen. Und jetzt hat Joschka seinen Auftritt, der frisch gebackene Außenminister. Korte dreht den Fernseher lauter. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Joschka vergleicht die Gräueltaten im Kosovo mit Auschwitz, rechtfertigt damit die Beteiligung deutscher Soldaten am Krieg. "Wie pervers ist das denn", schreit Korte den Joschka an. Doch Bildschirmjoschka antwortet nicht. Korte tritt aus der ehemaligen Pazifisten-Partei aus, um wenige Monate später in die PDS einzutreten, die im Westen zwar nichts zu sagen hat, aber immerhin Kortes Weltanschauungen in Watte packt. Die PDS als Wohlfühlpartei. Wie schön!

Sechs Jahre sind seit dieser einschneidenden Begebenheit im Leben des Jan Korte vergangen. Aus der PDS ist inzwischen die Linkspartei geworden. Und aus dem mittlerweile 28-jährigen Hannoveraner ein Direktkandidat für die Bundestagswahl. "Ich bin der Quotenwessi im linken Wahlkampf von Sachsen-Anhalt", sagt der Politikstudent, als wir uns zum Interview verabreden. Als Treffpunkt vereinbaren wir den Hauptbahnhof von Magdeburg. Hier steigt Korte um, wenn er mit dem Zug von Hannover in seinen Wahlkreis 72 nach Bernburg, Bitterfeld oder in den Saalkreis fährt. Zum vereinbarten Zeitpunkt nieselt es auf dem Bahnhofsvorplatz. Bundeswehrsoldaten schleppen ihre Rücksäcke, junge Frauen ziehen ihre Rolltrollys zu den Zügen. Alle schauen ernst, niemand lacht. Ob es so etwas wie eine kollektive Depression in Magdeburg gibt? Komischer Gedanke.

Schon zehn nach zehn und kein Direktkandidat in Sicht. Zum Glück gibt es Handys. Meins klingelt. Korte erzählt etwas von Verspätung der Bahn, aber er komme "auf jeden Fall" noch nach Magdeburg. "Auf jeden Fall" ist dann um 13 Uhr. Korte zieht einen Rolltrolly auf den Bahnhofsvorplatz. Er trägt ein schwarzes Jackett, ein weinrotes Poloshirt, eine Armbanduhr vom Neuen Deutschland am Armgelenk und er sieht verdammt müde aus. "Ich sag lieber gleich die Wahrheit", sagt er zur Begrüßung. "Ich hab´ verschlafen!" Wir ziehen uns ins Intercity-Hotel zurück, schlürfen tiefschwarzen Kaffee und plaudern. Korte erzählt, dass er gestern nach einer Wahlkampfveranstaltung mit "örtlichen Linken" aus Hannover, die "grottendurchgedrehtes Zeug" erzählt haben, versumpft sei. "Bis um drei Uhr morgens haben wir gestritten. War aber ganz lustig."

Wir kommen auf seine Karriere in der Linkspartei zu sprechen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, lief es so: Nach seinem Eintritt in die PDS kommt der Politikstudent zunächst mit den Genossen im Kreisverband Hannover nicht klar. Er gründet eine PDS-Hochschulgruppe und bringt "übrig gebliebene linke Wissenschaftler" mit seiner Partei zusammen. Korte versteht sich als Strippenzieher, der neue Mitglieder wirbt und der vor allem eines will: das Bildungsbürgertum und Teile der radikalen Linken für seine Partei gewinnen. "Wenn du im Westen auf Dauer mit oder ohne WASG einen Fuß auf den Boden kriegen willst, musst du in diese Kreise rein", sagt er, und es klingt überzeugend.

Kortes Einsichten, Gedanken und rührige Aktivitäten kommen an bei den Genossen in Hannover. Im März 2004 wählen sie ihn zu ihrem Kreisvorsitzenden. Im November holt ihn die Berliner Parteizentrale in den Bundesvorstand der Linkspartei. Als Lothar Bisky ihn fragt, ob er sich vorstellen könne für die Linkspartei in Sachsen-Anhalt in den Bundestagswahlkampf zu ziehen, fühlt sich Korte geschmeichelt und sagt spontan ja. 40 Wahlkampftermine hat er in Bernburg, Bitterfeld und dem Saalkreis abzuarbeiten. Er mag die Mentalität der Menschen in seinem Wahlkreis. Sie seien herzlich und interessiert. Wenn er von ihnen gewählt wird, will er nicht "mit der Attitüde kommen", dass er alles weiß. Er will vielmehr von den Menschen im Osten lernen. Aber natürlich will er sich auch für sie einsetzen. Nach einem Wahlkampfauftritt überreichen ihm die örtlichen Linken in seinem Wahlkreis jedes Mal einen Blumenstrauß. Das verblüfft ihn immer wieder aufs Neue, aber er findet es "total geil". Im Westen sei es undenkbar, dass Linke einem Linken Blumen schenken.

Korte greift zur Zigarette. Er raucht viel und gern. Prince Denmark. "Außerdem bin ich ein großer Italienfan, weil man da so rattengeil essen kann - frischen Fisch, Pasta, Pesto..." Er ist ein Genussmensch - und macht kein Hehl daraus: "Es gibt ja so eine bestimmte Lustfeindlichkeit innerhalb der Linken..." Er grinst jetzt ein breites Grinsen und sagt: "Es gibt Leute innerhalb der Partei, die finden mich total bescheuert, weil ich feiern gehe und mir die Haare gele." Er kann das ab. Er ist selbstbewusst. Und er ist eitel.

Karl Marx und Rosa Luxemburg hingen übrigens eingerahmt im Flur seines Elternhauses. Vater und Mutter sind bekennende Sozialdemokraten. Und dann gab es da noch einen Deutschlehrer, der mit Korte und fünf Mitschülern heimlich einen marxistischen Lesekreis gründete. Im konservativen Osnabrücker Land, wo er damals wohnte, hat er mit anderen auf dem Schulhof Flugblätter verteilt. "Das hat Eltern und Lehrer auf die Palme gebracht. Aber wir hatten jede Menge Spaß!" Korte drückt seine Prince aus und schaut zur Uhr. In zehn Minuten geht sein Zug.

Gerade noch genügend Zeit für eine letzte Frage: Was würde Jan Korte tun, wenn die Linkspartei bei der Bundestagswahl 50 Prozent der Stimmen bekäme? "Ähhmmm - ich würde zunächst die Spionage von Ämtern in Wohnungen verbieten und ich würde den Arbeitswahn brechen. Wenn die Leute mehr Zeit hätten zum Debattieren und Streiten, dann wäre das sicher gut für die demokratische Entwicklung. Deshalb meine ich, eine radikale Arbeitszeitverkürzung muss her!"

Die Zeit meint, Jan Korte und ich müssen uns jetzt trennen. Ein kräftiger Händedruck, dann entschwindet der Direktkandidat der Linkspartei in Richtung Zug. Ihm hinterher rollt sein Rolltrolly. Ich bin froh, dass es kein Bundeswehrrucksack ist.


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