Rabatte für Roboter

Anreizsysteme Die „Transformers“-Filme locken Fans weltweit ins Kino. Aber die Reihe entsteht mit massiver staatlicher Unterstützung. Eine Steuererklärung
Florian Krautkrämer | Ausgabe 25/2017

Am 22. Juni kommt der fünfte Teil des Transformers-Franchise weltweit ins Kino. Diese Filme sind der Inbegriff des kommerziellen Kinos: Sie „basieren“ auf dem gleichnamigen Spielzeug des amerikanischen Herstellers Hasbro, werden von groß angelegten Marketingkampagnen begleitet und haben ein Vielfaches ihrer Budgets von durchschnittlich 200 Millionen Dollar eingespielt, Teil drei und vier gehören zu den erfolgreichsten Filmen überhaupt. Fortsetzungen und Spin-offs sind bereits auf Jahre geplant – sie werden aber nicht allein aus der Kraft des Marktes heraus produziert. Dass auch höchst kommerzielles Kino mit massiver staatlicher Unterstützung entsteht, wird nur selten thematisiert.

Als 2014 der vierte Teil Ära des Untergangs erschien, zeichnete der Videoessayist Kevin B. Lee in seiner Desktop Documentary die Drehorte und damit verbundenen (Fan-)Diskurse nach, die im Vorfeld des Starts die Produktion begleiteten. Darin zeigt er einen kurzen Clip, den die Michigan Production Alliance 2011 online gestellt hatte. In dem ist nicht von den Transformers die Rede, und man sieht auch keine Dreharbeiten.

Vielmehr führt der Schauspieler Peter Carey eine große Gruppe von Menschen an, die wie er in der Filmbranche des US-Staates Michigan arbeiten. Sie appellieren an die Politik, die beschlossen hatte, die Steuerhilfen des Michigan Film and Digital Media Tax Incentive zu kürzen und umzubauen. Damit, so Carey, würden keine Filme mehr in Michigan gedreht und all die Menschen, die hinter ihm erwartungsvoll ins Licht der Scheinwerfer blicken, würden arbeitslos und dazu gezwungen, in Staaten umzuziehen, in denen es vernünftige Anreizsysteme gibt.

Das diskutierte Steueranreizmodell wurde 2008 aufgesetzt, es bot Filmproduktionen eine Erstattung von bis zu 42 Prozent der in Michigan getätigten Ausgaben an. So hatte der dritte Transformers-Teil, Die dunkle Seite des Mondes, 6 der 17 ausgegebenen Millionen Dollar erstattet bekommen. Das Geld bekommt die Produktion meist schon nach Unterzeichnung eines Rahmenabkommens, je nach Ausgestaltung der Richtlinien kann es auch in Raten gezahlt werden. Nach Abschluss der Produktion wird überprüft, ob die vereinbarte Summe tatsächlich im Staat ausgegeben wurde. Wie schon im ersten Teil sind Aufnahmen des Films in Detroit entstanden, wo sich der Firmensitz von General Motors befindet; die Fahrzeuge der Marke tauchen prominent in Transformers auf. Bis zu 100 Millionen Dollar wurden so jährlich an Filmproduktionen ausgegeben, Michigan avancierte zu einem der finanziell am großzügigsten vorgehenden US-Staaten.

Das Geld stammte dabei nicht aus einem neu eingerichteten Fördertopf; beim tax credit werden unter anderem Steuerzertifikate gehandelt. Da die Filmproduktion selbst meist kaum Steuern zahlt, ist es durch das entsprechende Gesetz möglich, dass der Filmproduzent Zertifikate an Investoren verkauft. Die Höhe dieser Zertifikate richtet sich nach den anrechenbaren Kosten, also einem bestimmten Prozentsatz der im Staat getätigten Ausgaben, die je nach Art (Material, Dienstleistungen etc.) variieren. Die Steuerlast der Investoren, die aus den unterschiedlichsten Branchen stammen können, reduziert sich dann um einen höheren Betrag als den, der für den Erwerb der Zertifikate aufgewendet wurde.

Dadurch entsteht ein Anreiz, diese zu kaufen, um so indirekt Geld in die Filmproduktion zu investieren. Letztendlich ist das aber auch ein Modell staatlicher Subventionierung: Der Staat verzichtet auf einen Teil seiner Steuereinnahmen, da er sich von der Filmproduktion einen Anschub der Wirtschaft vor Ort verspricht. Anders als bei einer direkten finanziellen Beteiligung an der Filmproduktion haben die Investoren kein Mitspracherecht am Film und bekommen keine finanzielle Beteiligung am Gewinn. Häufig findet der Zertifikatehandel auch nicht direkt statt, sondern wird über Banken abgewickelt. Für die Filmindustrie ist der Vorteil eines solchen Modells im Vergleich zu fondsbasierten Förderinstrumenten, bei denen eine bestimmte Summe vom Haushalt zur Filmförderung bereitgestellt wird, dass das Geld nicht aufgrund zu starker Nachfrage vor Ablauf des Jahres aufgebraucht sein könnte. Da jeder so ausgegebene Dollar aber zugleich einer ist, der bei den Steuereinnahmen fehlt, ist für den Staat damit ein weniger gut kalkulierbares Risiko verbunden.

Angst vor Jobverlust

2011 sollte das Programm in Michigan zu einem Cash-Rebate-Modell umgebaut werden. Wie beim Deutschen Filmförderfonds (DFFF) bekommen Filmproduktionen einen festen Prozentsatz ihrer im Staat getätigten Ausgaben erstattet, allerdings gibt es eine fixe Budgetobergrenze für die Produktionen und den Fonds insgesamt – in Michigan sollte die bei 25 Millionen Dollar liegen. Da das gut 75 Prozent weniger Mittel pro Jahr bedeutete, war die Produzentenallianz alarmiert.

Grund für den Umbau lieferten verschiedene Wirtschaftsstudien, die zu dem Ergebnis gelangt waren, dass von den 100 Millionen Dollar, die 2010 erstattet worden waren, nur gut 60 Millionen tatsächlich wieder in Michigan investiert wurden und ein Job, der durch diese Mittel entstand, den Staat knapp 200.000 Dollar kostete. Die Rechnung der Produzentenallianz sieht natürlich anders aus: Hier zieht jeder erstattete Dollar sechs investierte nach sich – eine Rechnung, die auch der DFFF für seine Investitionen aufstellt.

Die Initiative hatte jedoch keinen Erfolg, und Gouverneur Rick Snyder beschloss das Ende von Michigans film tax credit. Filme produzierte man dennoch weiterhin. Auch Teil vier und fünf der Transformers-Reihe wurden in Detroit gedreht. Sie bekamen zwar nur knapp 25 Prozent erstattet, erhöhten die Ausgaben interessanterweise aber deutlich. So betrug der Zuschuss zu jedem der beiden letzten Teile 20 Millionen Dollar. 2015 wurde auch das Cash-Rebate-Programm beendet, seitdem gibt es keine direkte staatliche finanzielle Hilfe für Filmproduktionen in Michigan mehr. Dem Deal zum fünften Transformers-Teil wurde allerdings kurz vor Beendigung des Programms zugestimmt, so dass The Last Knight einer der letzten in Michigan geförderten Filme sein dürfte und Paramount mit zwei Produktionen in vier Jahren fast die Hälfte der staatlichen Förderung in dem Bundesstaat abgeschöpft hat.

Dem Vorwurf, dass diese staatliche Filmförderung letztlich nur Hollywood nütze, wird damit begegnet, dass dadurch gleichzeitig Jobs entstünden. Beides trifft sicherlich zu. Da die Programme in den USA regelmäßig auf dem Prüfstand stehen, lassen sich auf Youtube eine Reihe vergleichbarer Kampagnenvideos finden, in denen Filmschaffende von ihrer Angst berichten, die Kürzung staatlicher Subventionen führe zum Ausfall der Filmproduktion. Die Industrie betont mitunter recht schamlos, dass der einzige Grund für Drehortentscheidungen die Anreizsysteme seien. Das führt in den Videos der Initiativen nicht zu einer Kritik gegenüber dieser Praxis, Adressat ist der Staat, der sich um geeignete Rahmenbedingungen zu kümmern habe.

Das kompetitive System staatlicher Anreizsysteme in den USA ist dabei eine Reaktion auf die Maßnahmen, die seit der Jahrtausendwende in Kanada und Europa entstanden sind und mit denen Produktionen aus Hollywood weggelockt werden sollen. Gut möglich also, dass mit Erhöhung und Ausbau des DFFF der sechste Teil der Transformers-Reihe auch in Deutschland gedreht werden wird.

Florian Krautkrämer ist Medienwissenschaftler an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig

06:00 30.06.2017

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