Rache ist süss

Kommentar Keine Gnade für Egon Krenz

Dass die Bitte um Begnadigung für den letzten Generalsekretär der SED vom Berliner Gnadenausschuss abgelehnt wurde, ist kaum kommentiert worden. Der Mann ist so gut wie vergessen. Vor Jahren sagte der Sohn, sein Vater sei fast schon tot, er meinte es politisch. Nun scheint es, auch die Erinnerung an einen, der unentwegt lachte, Honeckers Kronprinz genannt wurde, dann wider Erwarten und unter dem Druck der Straße den kleinen Staatsstreich wagte, irgendwie vorzeitig und aus Versehen durch Günter Schabowski die Mauer öffnen ließ, ist verblasst. Er ist der Einzige aus dem Politbüro, der noch büßt.

Sein "Genosse" aus Maueröffnungszeiten hat sich während des Prozesses und danach vor der neuen Macht verbeugt, ihr gern versichert, sie sei unangefochtener und bewundernswerter Sieger der Geschichte. Das ließ die kaum geringere Schuld bei Schabowski auf eine Haftzeit von wenigen Wochen schrumpfen und war mit einer missratenen Wahlkampfhilfe für den Berliner CDU-Kandidaten Steffel kaum zu teuer bezahlt. Der störrische Krenz, der Kniefall und bittende Ansprache verweigert, zahlt mit Jahren. Er ist schlecht beraten. Die Geschichte wird kaum vermerken, dass da einer standhaft an Idealen festhält, die auch durch ihn in Verruf gebracht wurden. Geschichtsbücher registrieren nur Tatsachen. Und Tatsache ist, dass selbst erklärte Sieger der Geschichte schnell im Abseits landen. Das gilt für SED-Funktionäre wie auch für jene, die sich nach deren Abgang stolz dazu stilisieren ließen.

Stolz sollte nur sein, wer einen anderen als den demütigen Zugang zur Zukunft weist. Das Entree hieß nicht nur im real existierenden Sozialismus Anpassung. Es heißt heute genau so - besonders für den, der vor einem Richter steht. Er darf, wenn seine Tat sozialistischer Überzeugung entsprang, nicht auf Milde hoffen, er muss mit Rache rechnen. Dafür, dass er einen anderen, als den von den neuen "Siegern" gewollten Weg beschritt. Dafür, dass er sich für den Repräsentanten eines souveränen Staates hielt, obwohl ihm dessen eingeschränkte Souveränität bewusst sein musste. Dafür, dass andere, kleine Leute darunter litten - und dafür, dass er es nicht über die Lippen bringt, dafür um Entschuldigung zu bitten. Die Menschheit lebt von Unterwerfungen: Sie haben die Entwicklung der modernen Gesellschaft zwar behindert, nicht aber blockiert. Es hat die Naturwissenschaft zwar zurückgeworfen, aber nicht aufgehalten, dass Galilei vor bornierten Kirchenfürsten der These von der Erde als Kugel abschwor. Gebe dem Fürsten, was des Fürsten ist ... und: Rache ist süß. Sprüche aus der deutschen Spruchkiste, die alle dasselbe meinen: Wer keiner Rache anheim fallen will, muss öffentlich widerrufen. Ihm bleibt die Genugtuung, dass diejenigen, die Rache wollen, sich und ihren ausgestellten Überzeugungen mehr schaden als dem Geschlagenen noch zu schaden ist.

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00:00 11.10.2002

Ausgabe 43/2021

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