Rache wird kalt gegessen

Im Kino Der koreanische "Old Boy" versetzt das Genre des Rächer-Films in eine kafkaeske Atmosphäre mit Comicstrip-Elementen

Mit einem Chopstick ein Loch in eine Backsteinwand zu schaben kann ein ähnlich vergebliches Unterfangen darstellen wie einen Ausweg aus einer Geschichte zu finden, die sich hoffnungslos in ihre eine Idee verrannt hat. Chan-Wook Parks Old Boy belegt diesen zugegebenermaßen etwas seltsamen Vergleich recht eindrucksvoll. Als Parks Hauptfigur Oh Daesu nach fast zehnjähriger Bohrarbeit endlich den letzten Stein aus seiner Gefängniswand gelöst hat, muss er feststellen, dass er sich im 20. Stock eines alten Bürogebäudes befindet. Das Rächerdrama Old Boy, bei den Filmfestspielen in Cannes in diesem Jahr mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet, hätte kein besseres Bild für die Vergeblichkeit finden können, mit der Park überkommene Genre-Konventionen wiederzubeleben versucht. Die motivischen Beschränkungen des revenge movie dienen dem koreanischen Regisseur als narratives Skelett für einen atmosphärisch dichten, fast klaustrophobischen Großstadt-Thriller, dessen erzählerischer Kern sich furios um die eigene Achse dreht, bis der gesellschaftliche Kontext im Taumel der kinematographischen Beschleunigung zu bloßer Staffage verschwimmt.

15 Jahre hat Oh Daesu in Gefangenschaft gelebt, eingesperrt in einen hotelzimmer-ähnlichen Raum, der als einziges Fenster zur Außenwelt - im Gegensatz zu dem aufgemalten an der Wand - einen Fernseher besaß (Hier sehen wir auch im Schnelldurchlauf, was Korea zwischen den Jahren 1989 und 2004 so alles beschäftigt hat: Neben der Übergabe Hongkongs an China und natürlich den Anschlägen auf das World Trade Center auch der Tod von Prinzessin Diana und der Einzug des südkoreanischen Fußballteams in das Halbfinale der WM 2002). Den Grund seiner Einzelhaft hat er nie erfahren. Im Fernsehen sieht er nur, dass kurz nach seinem Verschwinden seine Frau ermordet wurde, und er als Täter verdächtigt wird. Eines Tages wacht Daesu auf dem Dach eines Hochhauses auf, wo er sich in Sachen soziale Kompetenz sofort als totale Niete entpuppt: Den Selbstmörder, in dessen Gesellschaft er zu sich kommt, lässt er - allein fixiert auf seine persönliche Rache - springen.

Das Genrekino blüht in Korea in den letzten Jahren wie in kaum einem anderen Filmland auf. Besonders erfolgreich sind - neben Komödien - Filme, die verschiedene Genres zu mitunter bizarren Chimären verschmelzen. Chan-Wook Park ist einer der angesehensten jungen Filmemacher Südkoreas, doch seine Karriere verlief im Vergleich zu der seiner Kollegen eher ungewöhnlich. Sein erster großer Film Joint Security Area orientierte sich noch stark an der psychologischen Erzählweise des westlichen Kinos, und brach 2000 alle Einspielrekorde an den koreanischen Kinokassen. Dieser Erfolg verschaffte Park eine Carte Blanche für seinen nächsten Film. Sympathy for Mr. Vengeance (2001), mit dem er das Rache-Motiv erstmals aufgriff, war einer jener dreckigen, gewalttätigen Genre-Hybride, die in den letzten Jahren in westlichen Mitternachtskinos immer größeren Zuspruch erfahren. Mit seinem dritten Film geht Park das Revenge-Thema nun weitaus konventioneller an. Für einen Genrefilm besitzt Old Boy eine ausgesprochen butterige Ästhetik; es ist der ambitionierte Versuch, einem alten B-Movie-Sujet einen flashigen Arthouse-Look zu verschaffen.

Quentin Tarantino muss viel von seinen Kill Bill-Filmen in Old Boy wiederentdeckt haben, als unter seinem Vorsitz in diesem Jahr die Cannes-Jury Parks Film den Spezialpreis verlieh. Wie Tarantino spielt Park mit popkulturellen Motiven und abrupten, grotesk hochgepitchten Gewaltmomenten. Wenn Daesu sich nach seiner Rückkehr an den Ort seiner Gefangenschaft wieder aus dem Gebäude herauszukämpfen versucht, filmt Park diesen Kampf wie ein zweidimensionales Computerspiel. Manchmal skizzieren auch einkopierte Vektorgrafiken einen bevorstehenden Kampfverlauf. Solch abseitiger Humor bricht immer wieder den Stoizismus von Parks Inszenierung auf. Doch er kann nicht den beschränkten Horizont des Rächer-Sujets öffnen, wie Park es mit Sympathy for Mr. Vengeance noch geschafft hat. Dessen Stärke bestand darin, die Konventionen des Genres durch das hilflose Trudeln seiner depravierten Helden im scharfen Klima einer jungfräulich-kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft geschickt zu pointieren.

Old Boy zeichnet jedoch eine merkwürdig kafkaeske Atmosphäre aus, die sich gut mit Parks Hang zu absurden Details verträgt. Daesus Jagd auf seine Peiniger verfügt über ein verstörendes Element, weil der Grund für die Gefangenschaft lange im Dunkeln bleibt. Und je näher er der Wahrheit kommt, desto mehr versagen die subjektiven Kategorien von Schuld und Unschuld. "Ich dachte", schreibt Daesu in seinen Gefängnisjournal, "ich habe ein durchschnittliches Leben geführt. Doch ich habe zu oft gesündigt." Die Frage der Moralität hätte Park ruhig noch etwas weiter ausreizen können. Der Weg ist in Old Boy eindeutig interessanter als das Ziel. Aber eines muss man dem Film lassen: Seine Comic-Philosophie tendiert mit einer Selbstverständlichkeit zum Gravitätischen, wie man es im westlichen Kino viel zu selten zu sehen kriegt.


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00:00 03.09.2004

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