Räder, neu erfunden

Innovationsoffensive Geld soll zu Wissen und Wissen zu Geld gemacht werden - dabei wünschen sich Brechts "erfinderische Zwerge" eine sozial und ökologisch verträgliche Technik

Anlässlich einer großen Physiker-Tagung an der TU Berlin 1990 fragte eine Journalistin "ganz naiv" nach Sinn und Nutzen aufwändiger Riesenmaschinen zur Erforschung kleinster Teilchen: Ob nicht angesichts der Vielzahl von ungelösten Problemen in der Welt diese Ressourcen an Geld und Verstand nicht besser anders eingesetzt wären? Die anwesenden Physiker reagierten empört: "Gnädige Frau, verstehen Sie doch - wir entdecken in diesem Nano-Bereich eine ganz neue Welt".

Vier Planeten als Abfallhalde

15 Jahre später thematisiert eine ebenfalls an der TU Berlin veranstaltete Philosophen-Tagung immerhin das "Spannungsverhältnis zwischen Lebenswelten und Technologien" - doch auch hier findet sich in der Ankündigung der Satz: "Wir leben in technisch-wissenschaftlichen Welten". Ist da der Wunsch danach oder der Horror davor Vater des Gedankens? Denn: Leben wir nicht, wie uns die Natur jeden Tag lehrt, trotz aller einschlägiger "Visionen" und Träume der Naturwissenschaftler und Techniker, in einer sehr fleischlich-realen Welt? Wächst mittlerweile nicht die Spannung zwischen dem, was sich Menschen für ihr Leben, ihre Nachkommen, ihre Umwelt wünschen, und den "Visionen" der "Innovatoren" in Politik, Wirtschaft und Technik?

Es wird uns nicht nur durch Klimawandel, Müllproblem und Gesundheitsschädigungen aller Art, sondern auch durch wachsende soziale und kulturelle Defizite langsam bewusst, dass rund 250 Jahre "industrielle Revolution" nicht das gebracht haben, was sich Naturwissenschaftler und Ingenieure als Resultat ihres Wirkens vorgestellt haben: Deckung der Grundbedürfnisse für alle Menschen, sinnvolle Arbeit, mehr Zeit zum Leben und Genießen und eine friedlichere Welt. Vielmehr würde die Ausbreitung unserer Produktions- und Lebensweise von bisher einem Fünftel der Erdbevölkerung auf die gesamte Menschheit, ingenieurmäßig gerechnet, etwa vier Planeten als Ressourcenquelle und Müllhalde beanspruchen. Nicht zu vergessen die "technischen Kriege" mit einem vervielfachten "Wirkungsgrad" und Vernichtungspotenzial, atomare, biologische, chemische Waffen. Rund 50 Prozent aller Naturwissenschaftler und Ingenieure arbeiten für die Rüstung.

Dennoch werden unverdrossen die technisch-naturwissenschaftliche Innovation und das daraus sprießende "Wachstum" als Heilsbringer beschworen - im "Einstein-Jahr" besonders nachdrücklich. Nachdem sich das "Atomzeitalter" durch Tschernobyl blamiert hat, wird jetzt auf die Bio- und Gentechnologie gesetzt, neuerdings auf die Nano-Technologie - und die Suche nach dem perpetuum mobile der unbegrenzt verfügbaren Energie über Kernfusion oder Wasserstofftechnologie geht weiter. Neoliberal unterfüttert, geht der früher noch existierende Zusammenhang von technischer Innovation, Gebrauchswert und Verbesserung der Lebensverhältnisse gänzlich verloren. "Arbeit" kursiert im herrschenden Diskurs nicht zufällig als "Beschäftigung".

Nach dem Motto "Innovationen für Wachstum und Beschäftigung" firmiert auch eine Broschüre der Friedrich-Ebert Stiftung anlässlich einer Tagung im Herbst 2004. Das hochkarätig besetzte Podium kam zum Ergebnis, es gebe "kein einfaches Erfolgsrezept, das sich auf die Umwandlung von Geld in Wissen durch Forschung und von Wissen in Geld durch Innovation beschränken" könne. Vielmehr gehe es um "mentale Dispositionen, die Innovationsprozessen zu- oder abträglich" seien. Da "Profitabilität" alleine nicht genüge, um der "Technikskepsis" zu begegnen, müssten "Aspekte von Humanität, Arbeit und Umwelt in den Vordergrund" gestellt werden. Kapital soll also in Wissen gesteckt werden, um Rendite aus Wissen zu holen, und dafür muss die öffentliche Akzeptanz verbessert werden.

Verschwendete Ressourcen

Es ist vielleicht ganz nützlich, die großen Technik-Räder einmal in umgekehrter Fahrtrichtung zu betrachten: Das Automobil, so konnte man erst jüngst anlässlich der Krise bei Opel immer wieder hören, bringe ungefähr einem Siebtel der arbeitenden Bevölkerung Beschäftigung und Brot. Man könnte jedoch auch sagen, dass damit rund 15 Prozent der Arbeit, der innovativen Kraft von Menschen (vom Energie- und Rohstoffverbrauch ganz abgesehen) in ein ziemlich uneffektives (meist wird eine Person mit rund 75 kg Gewicht in ein bis 2,5 Tonnen mitgeschleppter Technik transportiert) und gefährliches Gerät gesteckt wird. In der Handy- und Computerindustrie werden, unter Einsatz enormer geistiger Ressourcen der großen Ingenieur-Abteilungen, in immer kürzer werdenden Zyklen neue Geräte auf den Markt geworfen, die mit reinen Spiel-Funktionen versehen werden. Dafür muss inzwischen beispielsweise in Taiwan die Wasserversorgung der Reisfelder eingeschränkt werden, weil der Wasserbedarf der dort ansässigen IT-Fabriken rapide wächst. Für die Beseitigung der entstehenden Müllberge werden ganze Regionen in China vergiftet.

Inzwischen geht diese Orientierung am shareholder value in den Betrieben so weit, dass vor lauter Kosten- und Zeitdruck und aufgrund der Personalausdünnung professionelle Ingenieurarbeit immer schwieriger wird - Rückrufaktionen in der Autoindustrie, Fehlfunktionen bei Handys, die Toll-Collect-Blamage zeigen es deutlich. So könnte also die Entwicklung und Produktion technologisch anspruchsvoller Erzeugnisse und Artefakte, die "wertschöpfender" Träger dieses Wirtschaftssystems sind, selbst vom Zwang zur Rendite gefressen werden.

Wir waren schon einmal weiter

Schon im 19. Jahrhundert wurde in Abgrenzung zu kapitalistischen und staatsfixierten sozialistischen Konzepten nach menschen- und naturfreundlichen Produktions- und Lebensweisen gesucht. Bei den wirtschaftsdemokratisch orientierten Experimenten im 20. Jahrhundert, beispielsweise in den anarcho-syndikalistisch geprägten Regionen der spanischen Republik oder im Konzept der "social usefully economy" des Greater London Council 1981 bis 1986, ging es auch um eine "demokratische" und direkt am Nutzen orientierte Technik-Entwicklung.

Ein Blick um nur 20 Jahre zurück zeigt: Wir waren schon mal weiter. Rund die Hälfte der Chemiker, Elektroingenieure und Autobauer bekundeten in den achtziger Jahren in mehreren Studien ihr Unbehagen an den von ihnen entwickelten Produkten: Teils wegen der Schein-Innovationen bei elektronischen Geräten, die den Verkaufs-, aber nicht den Gebrauchswert erhöhten, teils wegen der gesundheitlichen und ökologischen Schäden, die sie verursachten. Aber auch in der Öffentlichkeit sank das Ansehen technischer Innovation: Hielten 1966 noch 72 Prozent der Bevölkerung Technik für einen "Segen", waren es 1981 nur noch 30 Prozent, bei Jugendlichen sogar weniger als ein Viertel. Durch den Tschernobyl-Unfall wurde der Technik-Optimismus weiter geschwächt. Auch im EU-Weißbuch 1993 war das zehnte Kapitel einem "neuen Entwicklungsmodell" gewidmet, das menschliche Arbeit besser nutzt und die Umwelt schont; und große EU-Projekte beschäftigten sich mit nachhaltiger Technologieentwicklung und bedarfsorientierter Technologieplanung. Mit der "Wende" und dem Börsen-Hype in den neunziger Jahren trat der abgedankte Mythos in neoliberalem Gewand wieder auf die Bühne, und die alternativen Diskussionen brachen ab.

In seinem Grußwort zur oben erwähntenTagung Lebenswelten und Technologien erneuerte der polnische Botschafter Andrzei Byrt das alte Theorem, nach dem sich die Lebenswelt der Technologiewelt anzupassen habe. Da erstere aber notorisch hinterherhinke, werde der Anpassungsprozess dramatisch ausfallen. Demgegenüber forderte der Italiener Renato Cristin immerhin, der Einspannung des Menschen in eine "teleologisch gleichgültige" Technologie sei der umfassende Humanismusbegriff Leonardo da Vincis entgegenzusetzen und das solchermaßen rekonstruierte menschliche Subjekt und die Bloch´sche "Allianz mit der Natur" zum Maß der Technologieentwicklung zu machen. Selbst wenn die Forderung einer "echten" gegenüber einer nur instrumentellen Vernunft einen romantischen "Mythos" pflegt, wie der polnische Philosoph Marek Siemek polemisierte, zwingt schon die einfache Empirie der "Nebenwirkungen" des technisch-naturwissenschaftlichen Machbarkeitswahns zu neuen Lösungen.

Sorgen, Vorsorgen, Kooperieren

Auch ganz unromantische Ingenieure konzipieren inzwischen den Umstieg von der Arbeits- auf Ressourcen-Produktivität, forschen am "Remanufacturing" von PCs, Handys oder Waschmaschinen, um die Lebensdauer dieser Produkte auf das Doppelte oder Dreifache zu verlängern. Projekte wie das Netzwerk "Re-Use-Computer" setzen erfolgreich auf Kooperation statt Konkurrenz, auf Langlebigkeit statt Wegwerfmentalität, auf regionale statt globalisierte Kreisläufe und auf Orientierung am wirklichen Gebrauchswert. Junge Energie- und Verfahrenstechniker entwickeln dezentrale erneuerbare Energieversorgungssysteme für Menschen in Entwicklungsländern, die heute noch Kerosin verbrennen oder Bleibatterien nutzen. Sie werden finanziert über Mikro-Kredite, die unabhängig vom großen Finanzkapital vergeben werden. All diesen Projekten ist gemeinsam, dass sie mit der Technik gleichzeitig eine Ökonomie aufbauen, die eingebettet ist in die soziale Lebenswelt und die natürliche Mitwelt. Handlungsprinzipien sind Sorgen und Vorsorgen, Kooperieren, Orientierung am Lebensnotwendigen beziehungsweise am guten Leben und Langfristigkeit. Sie stehen in bewusstem Gegensatz zur herrschenden Ökonomie mit den Handlungsprinzipien Eigennutz, Konkurrenz, Wachstum und Kurzfristigkeit.

Unter dem Druck sozialer Zukunftsängste fällt es den Technikern heute schwerer als in den achtziger Jahren, die herrschende Technologie zu hinterfragen. Trotzdem: Gerade die jungen Ingenieur-StudentInnen sehen mit scharfem Blick die Sinnlosigkeit und Gefahren des Innovationswahns und wünschen sich, in ihrem späteren Beruf sozial und ökologisch verträgliche Technik entwickeln zu können. Orientierung am Gebrauchswert, Sparsamkeit beim Einsatz von Ressourcen gehört zur Tradition dieser Berufsgruppe, und wenn sie auch im 20. Jahrhundert eher Brechts "erfinderischen Zwergen" glich, "die man für alles mieten kann", hat die Suche nach einer anderen, naturverträglichen, fehlerfreundlichen, "demokratischen" Technik begonnen.

Dr. Wolfgang Neef leitet die "Zentraleinrichtung Kooperation" an der TU Berlin, die sich mit Weiterbildung und Projekten nachhaltiger Technikentwicklung befasst, und lehrt im Bereich "Verantwortung im Ingenieurberuf".


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00:00 11.02.2005

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