„Linksradikal mit Bodenhaftung“

Interview Oliver Rast war für linksradikale Anschläge in Haft. Dort gründete er die erste Gefangenengewerkschaft
„Linksradikal mit Bodenhaftung“
Historisch kommt Oliver Rast aus der Sozialdemokratie

Foto: William Minke für der Freitag

Rudi Dutschke, so erzählt es ein Weggefährte, habe für die Revolution gekämpft, nicht als Selbstzweck, sondern damit er danach endlich Sportjournalist werden könne. Oliver Rast schreibt schon heute über Rugby und Regionalfußball. Und kämpft zugleich, ja, für die Revolution.

„Business-Kommunist“ nennt Rast sich selbst, weil er zum Broterwerb Sozialistika im „Roten Antiquariat“ in Berlin vertreibt: antiquarische Schriften, Flugblätter, Pamphlete aus der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Marxismus. Zugleich ist er eine Art linksradikales Stehaufmännchen, inhaftiert und verurteilt als Mitglied der „militanten gruppe (mg)“, weil er Bundeswehrfahrzeuge abgefackelt hatte, und die mg als Blaupause linker Militanz für die Post-RAF-Ära aufbauen wollte. Und dann resozialisiert, während und nach dem Absitzen seiner dreieinhalbjährigen Freiheitsstrafe, als Häftlingsgewerkschafter, der Mindestlohn und Rentenversicherungspflicht für die zur Arbeit gezwungenen Strafgefangenen fordert. Als Rast für seine Arbeit als Knacki-Syndikalist den Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union überreicht bekommt, sagt er in seiner Dankesrede, nur vermeintlich kokettierend: „Mein politischer Aktivismus war sicher nicht immer zielführend.“ Nicht immer zielführend, das heißt: nicht verfehlt, sondern bloß nicht imstande, Rasts Ziele umzusetzen.

Dass der Stern-Reporter Frank Brunner ein Buch über Rast geschrieben hat, dass Rast sich darauf eingelassen hat, entspringt wohl derselben Brecht’schen Schläue und leichtfüßigen Unbeugsamkeit, mit der er seine linksradikale Politik unter die Leute zu bringen sucht. Rast, 1972 geboren und aufgewachsen im Märkischen Viertel, der „Westberliner Platte“, wie er das nennt, kommt aus einem Arbeiter-Angestellten-SPD-Elternhaus, einer „typischen Stern-Leser-Familie“. Da war es zugleich sentimental und taktisches Moment, dass er Brunners Offerte aufgegriffen hat, seine eigene Polit-Biografie zu erzählen. Oder, wie Rast selbst das ausdrückt, sie zum Aufhänger zu nehmen, um „klandestine linke Militanz in ein populär aufgemachtes Buchformat zu bringen“.

Etwas in der Art ist Mit aller Härte. Wie Polizei und Staatsschutz Linksradikale jagen denn auch geworden: Eine True-Crime-Geschichte, in der tollpatschige Verfassungsschützer gegen ein Häuflein ambitionierter Linksradikaler das große Geschütz auffahren und aufgrund fehlgeleiteter Textexegese der ellenlangen und sperrigen Proklamationen der „militanten gruppe“ jahrelang die Falschen beschatten, überwachen, Peilsender in Fahrzeugen anbringen und E-Mails mitlesen. Und ein schmissiges Buch, in dem Rast darlegen kann, wie er, obwohl nun fast sozialdemokratisch anmutender Gewerkschafter für Inhaftierte, doch in der Sache fast keine Abstriche macht. Was nun in jeder Bahnhofsbuchhandlung zu finden sein wird.

der Freitag: Vom verurteilten Mitglied in einer kriminellen Vereinigung zum Fritz-Bauer-Preisträger und zur Hauptfigur eines Lübbe-Taschenbuchs: Wie respektabel sind Sie denn nun geworden, Herr Rast?

Oliver Rast: Ich bin kein Renegat, ganz im Gegenteil, ich bin Linksradikaler mit Bodenhaftung. Aber ich muss mir nach so einer persönlichen politischen Niederlage, wie es eine Festsetzung und Verurteilung nun mal ist, natürlich überlegen, wo es Spielräume gibt, die ich ausfüllen kann, ganz einfach.

Sie haben sich vor Gericht nie eindeutig zur „militanten gruppe“ geäußert, etwa die politische Verantwortung für die Anschläge und Kommuniqués der mg reklamiert.

Wir sind höchstrichterlich vom Berliner Kammergericht als mg-Mitglieder verurteilt worden, und im Zuge der Revision hat der Bundesgerichtshof das Urteil und die mg-Mitgliedschaft dann bestätigt. Wie soll ich als kleiner Bengel aus dem Märkischen Viertel gegen eine derart höchstrichterliche Entscheidung anlaufen? Das ist mir viel zu kompliziert, ich lasse das einfach so stehen, und habe damit auch gar kein Problem.

Militanz Frank Brunner ist Autor im stern-Büro Baden-Württemberg. Seine Geschichte Oliver Rasts und der „militanten gruppe“ ist als Mit aller Härte. Wie Polizei und Staatsschutz Linksradikale jagen bei Bastei Lübbe erschienen

Im Buch kann man lesen, wie Sie sich über Stefan Austs Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ radikalisiert haben, was einer gewissen Ironie nicht entbehrt.

Es war tatsächlich so, dass ich durch Aust in Kontakt mit linksradikaler Militanz gekommen bin, als kleiner Spund noch, der gerade mal ein paar Monate zuvor Juso geworden war. Juso kann man bis zum 35. Lebensjahr sein, und da meine Mutter noch keine 35 war, war ich eben mit meiner Mutter zusammen bei den Jusos. Die hatte das vermutlich über den Stern aufgeschnappt, dass Aust den Baader-Meinhof-Komplex veröffentlicht hat, 1985 war das. Sie gab mir das Buch mit den Worten: „Ey Sohn, lies mal!“ Ich hab jetzt nicht immer auf meine Mutter gehört, aber dieses Ausrufezeichen habe ich verstanden. Und hab’s gelesen. Für mich als kleinen Piepel war das eine hochgradig emotionale Angelegenheit, ich habe da drin Menschen entdeckt, die sich für mich auf eine völlig nachvollziehbare Art und Weise radikalisiert haben. Das ist für mich überhaupt nichts Negatives, weil ein Radikalisierungsprozess ja auch ein Prozess von Reflexion und vor allem von Konkretisierung politischer Handlungsschritte ist. Eine literarisch exquisite Erzählung, die mich tief berührt hat, selbst wenn sie den bewaffneten Kampf denunziert, was bei mir nicht aufgegangen ist.

Brunner erzählt Rasts Polit-Biografie von seinen Anfängen als Juso und Wahlhelfer für Walter Momper über die politische „Krabbelgruppe“ der Alternativen Jugend Westberlin bis zur Westberliner autonomen Szene und schließlich der „militanten gruppe (mg)“, jenem Projekt klandestiner Militanz, dem am Ende ein Richter bescheinigen wird, es habe „eine Vorreiterrolle im militanten Kampf gegen das demokratische System“ gespielt.

Erstmals in Erscheinung getreten ist die mg 2001, als sie scharfe Patronen an den FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff verschickte, was sie mit seiner Rolle als Regierungsbeauftragter für die Entschädigung von Zwangsarbeitern des Nationalsozialismus begründete. Es folgten Brandanschläge auf Daimler Chrysler und Lidl, auf Arbeitsämter und das Polizeipräsidium in Berlin, bis Rast und zwei andere im Jahr 2007 beim Versuch verhaftet werden, in Brandenburg an der Havel Bundeswehrtrucks in Brand zu setzen.

Was die mg auszeichnete, waren weniger ihre Anschläge, bei denen sie sicherzustellen versuchte, dass kein Menschenleben gefährdet wurde, als ihre Text- und Theorielastigkeit. Immer wieder produzierte sie seitenlange Pamphlete, gespickt mit Verweisen und Zitaten aus der Geschichte linksradikaler Praxis, gepaart mit Versuchen der Selbstreflexion. Erklärtes Ziel: eine Militanzdebatte anzustoßen, um anschlussfähige Positionen im linksradikalen Milieu herauszuarbeiten.

Die Ambition, stilbildend zu wirken, war wohl auch ein Grund dafür, dass die mg von Verfassungsschutz und BKA mit großem Einsatz verfolgt wurde. Frank Brunner zeichnet nach, wie Staatsschützer sich als Textkritiker betätigten, und aufgrund ihrer linguistischen Analysen immer wieder falschen Fährten nachgingen. Als sich schließlich zwei BKA-Beamte unter dem Pseudonym „Die Zwei aus der Muppet Show“ selbst in die von der mg angestoßene Militanzdebatte einklinkten, führte das immerhin dazu, dass der Berliner Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht 2005 auch die „bisher unbekannte Gruppe ‚Die Zwei aus der Muppet Show‘“ anführte und ihr bescheinigte, sie habe inhaltlich zu einer „Verflachung der Diskussion“ beigetragen.

Herr Rast, Frank Brunner zitiert Sie mit dem Satz „Ich will nicht ausschließen, dass ein bestimmtes Modell klandestin militanter Politik ein Auslaufmodell ist“, wofür „möglicherweise die ‚militante gruppe‘ unfreiwillig das beste Beispiel“ gewesen sei.

Mein Ansatz, oder, um das ein bisschen spitzfindig zu formulieren, mein Linksradikalismus mit Bodenhaftung besteht ja auch darin, damit einen Umgang zu finden, dass es seit 2011 keinen linksradikalen Gruppenzusammenhang mehr gegeben hat, der militant klandestin agiert hat, kontinuierlich unter eigenem Namen aufgetreten ist, eine Militanzdebatte initiiert hat, und versucht hat, mit anderen klandestinen Gruppen ein Netzwerk zu bilden. Offenbar hat sich auch innerhalb des linksradikalen Milieus etwas verändert. Wenn so ein ambitioniertes Projekt wie die mg mehr oder weniger durch einen Staatsschutzangriff zerschlagen wird, ist das nicht unbedingt ein Hinweis für andere, euphorisch nachzusetzen. Ich würde auch sagen, die linksradikale Szene ist in vielen Punkten nicht stärker, sondern schwächer geworden, ganz im Gegensatz zur medialen Inszenierung im Kontext der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg.

Sie operieren nach wie vor mit der Vokabel „linksradikal“. Wie würden Sie das heute definieren?

Hier in diesen Breitengraden ist das ganz simpel herleitbar: Historisch kommt alles aus der deutschen Sozialdemokratie, von daher war ja mein Beginn bei den Jusos erst mal gar nicht falsch. Der Linksradikalismus, so wie er sich vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg herausgebildet hat, hatte zwei zentrale Ansatzpunkte: Einen klassenkämpferischen, sozialrevolutionären, und einen internationalistischen, antimilitaristischen. So begreife ich mich, auch wenn das jetzt erst mal Schlagworte sind, die ich mal so oder mal so konkret zu füllen versuche.

Wie verhält sich das dazu, dass Sie in der JVA Tegel die Gefangenengewerkschaft gegründet haben?

Ich wurde ja wegen eines bis heute noch laufenden Folgeverfahrens vom offenen Vollzug in den geschlossenen verlegt. Die Lage hinter Gittern empfand ich erst mal als ziemlich desolat. Ich war desillusioniert, dass von meinen Abziehbildchen im Kopf, von den Gefangenenkämpfen in den 1970er und 80er Jahren, wo die Knastrevolte vor und hinter der Zellentür brodelte, keinerlei Spur wahrzunehmen war. Da es das alles nicht mehr gab, ist man als bewegungsfreudiger Linksradikaler natürlich bestrebt, Momente auszumachen, auch unter widrigen Haftbedingungen, um Gesprächs- und Zündstoff auszuloten. Und ein verbindendes Moment, um die Fragmentierung und Hierarchisierung der Gefangenen zumindest punktuell und temporär aufzuheben, das ist das Stellen der sozialen Frage hinter Gittern, also: Mindestlohn für die arbeitenden Gefangenen, Sozialversicherung, Rentenversicherung. Das haben wir in der JVA Tegel so formuliert, dass es eine hohe Anschlussfähigkeit hat, gerade in dieser hochgradig fragmentierten Population von inhaftierten Menschen. Aber klar: Im Grunde ist die Gefangenengewerkschaft die Fortsetzung meiner politischen Aktivität als Linksradikaler mit anderen Mitteln.

Wir müssen uns den Linksradikalen nicht als glücklichen Menschen vorstellen. Aber wir können Oliver Rast dabei beobachten, wie er das "Provisorische Kampfprogramm für den Kampf um die politischen Rechte der gefangenen Arbeiter" von 1974, das vermutlich aus der Feder Ulrike Meinhofs stammt, als sozialdemokratische Gewerkschaftsarbeit massenkompatibel macht, und sich freut, dass er damit durchkommt.

(In diesem Artikel wurden das Geburtsjahr von Oliver Rast, der Umstand, dass die GG-BO nicht Deutschlands erste Gefangenengewerkschaft war, sowie der letzte Absatz nachträglich korrigiert.)

06:00 07.11.2017

Kommentare 3