Raffgier, Schutt – und Hoffnung

Katastrophe Aus dem Leid von Flutopfern will ein Vermieter in der Eifel Profit schlagen. Zugleich gibt es vor Ort viel Solidarität

Der Regen prasselt auf seine dunkelblaue Baskenmütze, die farblich perfekt auf das Sakko abgestimmt ist. Mit seinen Schuhen versinkt Bernhard von Grünberg im Schlamm, als er sich seinen Weg in eines der Häuser bahnt, die zur Wohnsiedlung „Am Teich“ gehören. Er wirft noch einen Blick auf die Balkone im Erdgeschoss, die vom angespülten Schmutz braun verschmiert sind. Dann betritt er das Gebäude, das an eine Bauruine erinnert. Ein kalter Wind zieht durch die offenen Fenster, aus denen das Glas herausgesprengt wurde, als sich das Wasser vor zehn Wochen hier durchwälzte. An den Seiten kräuselt sich die Tapete von den nassen und schimmeligen Wänden. In einer der vielen Erdgeschoss-Wohnungen, die von der Flut zerstört wurden, wartet ein Dutzend Menschen auf Grünberg, den Vorsitzenden des hiesigen Mieterbundes.

Es sind jene aus den oberen Geschossen, deren Hab und Gut verschont blieb. Trotzdem wohnen sie hier unter kaum auszuhaltenden Bedingungen. „Von Wohnen kann eigentlich gar keine Rede sein“, sagt Grünberg, noch im Treppenhaus stehend, „wir sollten eher von Aufhalten sprechen!“ Der 76-Jährige ist gekommen, um den Mietern von seinem Kampf gegen den Eigentümer des Objekts zu berichten.

Die Wohnsiedlung liegt im rheinland-pfälzischen Sinzig, einer kleinen Stadt im unteren Ahrtal. Nach der Flutkatastrophe Mitte Juli hatte die Kommune traurige Berühmtheit erlangt. In einer Einrichtung der Organisation Lebenshilfe waren zwölf behinderte Menschen in den Wassermassen ums Leben gekommen. Insgesamt starben in Deutschland über 180 Menschen. Auch „Am Teich“ wurden Opfer geborgen, vermutlich angespült aus anderen Teilen der Stadt. Zwei Ertrunkene fand man vor den Häusern der Anlage, einen weiteren vor dem Garagentor.

Ein Helfer mit Eisernem Kreuz

Die Aktion Deutschland Hilft hat 250 Millionen Euro für die Betroffenen der Katastrophe gesammelt. Aber manch einer versucht auch Profit aus deren Notsituation zu schlagen. Während ringsherum der Alltag zurückkehrt, sieht es in der Siedlung „Am Teich“ noch so aus, als hätte sich das Wasser gerade zurückgezogen. Auf dem Gelände liegt Schutt, da ist niemand, der ihn wegräumt oder die sanierungsbedürftigen Gebäude wieder in Ordnung bringt. Grünberg macht einen Schritt nach vorn über die Türschwelle, auch wenn da gar keine Tür mehr in den Angeln hängt, er steht jetzt direkt vor den aufgebrachten Mietern. Auf dem Fußboden und an den Wänden klebt getrockneter Schlamm. „Sie alle hier haben genug gelitten“, ruft er ihnen nach einer kurzen Begrüßung entgegen, „wir müssen Druck auf diesen Typen ausüben!“

Ende Juli, zwei Wochen nach dem Hochwasser, bekamen die Bewohner eine fristlose Kündigung des Vermieters. In dem Schreiben der Hausverwaltung, das dem Freitag vorliegt, heißt es, an den Häusern seien „große Zerstörungen“ durch die Fluten entstanden, weswegen diese „auf sehr lange Zeit unbewohnbar“ seien. Dadurch sei die „Geschäftsgrundlage für den Mietvertrag entfallen“ und die Leute sollten ihre Wohnungen „so schnell wie möglich“ räumen. Allerdings waren nur die untersten Etagen überflutet worden. Dass direkt jedem in den viergeschossigen Häusern „Am Teich“ gekündigt wurde, macht die Mieter wütend. Einer von ihnen, er kommt aus Albanien, reckt Grünberg seinen Zeigefinger entgegen und brüllt mit Akzent: „Wir alle hier sind Ausländer, deswegen macht der das mit uns!“

Zwar nahm der Eigentümer die Kündigungen Mitte August wieder zurück. Doch in einen bewohnbaren Zustand hat er die Häuser seither nicht wieder versetzt. Während sich rund um die Siedlung die Handwerker die Klinke in die Hand geben, haben sie „Am Teich“ auch über zwei Monate nach der Flut weder Strom noch fließend Wasser. Auch die Heizung funktioniert nicht. Grünberg weiß genau, welche Strategie der Eigentümer verfolgt. Bei dessen Häusern handele es sich um Sozialwohnungen, deren Preisbindung bald auslaufe. Sollten die bisherigen Mieter hier wohnen bleiben, gelte die sogenannte „Kappungsgrenze“, das heißt, die Mietsteigerung dürfte maximal 20 Prozent betragen. Wenn sie aber auszögen, könnten die Wohnungen zum Marktpreis vermietet werden. „Dann wäre die Miete doppelt so hoch“, schätzt Grünberg, „der Vermieter ist raffgierig!“ Erst habe er die durch das Hochwasser entstandenen Schäden als Argument vorgeschoben, um die bisherigen Mieter loszuwerden, jetzt verzichte er darauf, die nötigen Sanierungsarbeiten durchzuführen. Auf eine Anfrage des Freitag hat der Eigentümer nicht reagiert, die Hausverwaltung wollte sich nicht zur Sache äußern. Die Stadt Sinzig teilte mit, sie bereite ein verwaltungsrechtliches Verfahren gegen den Eigentümer vor, um die notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen zu erzwingen.

Grünberg glaubt nicht an den Erfolg dieses Unterfangens: Der Eigentümer werde sich so lange wehren, bis die Menschen frustriert auszögen. Er geht vorbei an der Traube aufgebrachter Mieter und läuft auf einen bulligen Mann in kurzer Hose zu, der auf dem Balkon eine Zigarette raucht. Glatze, Eisernes Kreuz auf die Wade tätowiert, darunter steht in altdeutscher Schrift „Made in Germany“: Maik Menke ist freiwilliger Helfer und sieht auf den ersten Blick wie jemand aus, den man so gar nicht „Am Teich“ vermutet, wo fast alle Menschen eine Migrationsgeschichte haben. Und wo Herr von Grünberg, ein Sozialdemokrat, seit einigen Wochen ein und aus geht. „Sie meinen, wegen der Tattoos?“ Die habe er noch aus seiner Zeit bei der Bundeswehr, „nichts Politisches“, versichert Menke. Eher ein Zeichen für „Mut und Tapferkeit“. Schließlich sei er in der Motocross-Szene unterwegs. In Paderborn hat der 37-Jährige eine Firma für Abwassertechnik. Die hatte den Auftrag bekommen, ein Gebäude zu entkernen, das direkt gegenüber den Objekten „Am Teich“ liegt. Als er die elenden Bedingungen dort sah, packte er ehrenamtlich mit an. „In den Häusern hier stecken schon 800 Stunden Arbeit“, sagt er, „Sie hätten mal sehen sollen, wie die vorher aussahen.“ Menke steigt über einen Berg mit Sperrmüll, der vor einer der verlassenen Wohnungen im Erdgeschoss liegt. Er deutet auf den sich breitmachenden Schimmel im Flur. „Hier sollten wir uns nicht zu lange aufhalten.“ Vor kurzem habe er eine Probe von den Wänden und den Böden ins Labor geschickt. Er zeigt den Befund auf seinem Handy: Neben Milben und Kot wurde aktiver Schimmelpilz entdeckt. „Der ist hochgiftig!“ Menke befürchtet, dass sich dieser in allen Häusern „Am Teich“ ausbreiten wird. Für ihn, der auch Experte für Gefahrengut ist, wäre es ein Klacks, den Schimmel zu beseitigen. Aber das bräuchte zwölf seiner Fachleute und zwei Wochen Zeit, „dann wäre das Ding durch“. Wie soll er das finanzieren? Der Eigentümer mache keine Anstalten, ihm – oder sonst jemandem – einen Auftrag zu erteilen. Dabei klagen viele Mieter bereits über Kopfschmerzen und Übelkeit.

Leben im Wohnwagen

Seit er nach der Flut hierherkam, lebt Menke in einem Wohnwagen. In solchen übernachten auch andere Helfer. Fünf Autominuten von der Siedlung „Am Teich“ entfernt, auf einem kleinen Hügel, liegt ein provisorisch errichteter Campingplatz. Eine kurvige Straße führt hinauf zu diesem Ort, es ist stockfinsterer Abend, die Glocken der St.-Sebastianus-Kirche tönen aus der Stadt herauf. Der gegenüberliegende Reisberg, ein beliebtes Naherholungsgebiet, ist nur noch schemenhaft erkennbar. Parken kann man vor einem Banner, auf dem das Wort „SolidAHRitätscamp“ prangt: Hier bleibt, wer im Ahrtal mit anpacken will und einen Schlafplatz sucht.

Aus dem Dunkel taucht Julia Ringen zwischen den Wohnmobilen auf. Im normalen Leben ist die 36-Jährige Arzthelferin. Nach dem Hochwasser hatte sie mit ihrem Mann die „Aktion Versorgungsliste“ gestartet: Wer betroffen war, konnte einen Zettel in eine Box werfen, auf dem Wünsche für Sachspenden notiert waren. Alles analog, es gab weder ein funktionierendes Handynetz noch Internet. In der zentralen Versorgungsstelle, die in der hiesigen Grundschule untergebracht war, wurden die Spenden in Kisten gepackt und an die Flutopfer ausgeliefert. „Viele haben sich geschämt, die Spenden persönlich abzuholen“, erzählt Ringen, „die waren auch schon genug mit Schlammschippen beschäftigt.“ Irgendwann kamen sie und ihr Mann auf die Idee, ihren „86er“ auf dem Schulhof zu parken, so nennt die Familie den jahrzehntealten Wohnwagen. Auf Facebook und dem Hilfsportal AhrHelp boten sie ihn als Übernachtungsmöglichkeit für Helfer an. Schnell kamen weitere Caravans dazu. Zwischenzeitlich bestand das Camp aus zehn Wohnwagen, zurzeit sind es noch sieben. Als im August die Schule wieder losging, zogen sie hier auf den Hügel, der Schützenverein nebenan stellt die Waschräume zur Verfügung. Julia Ringen schließt einen der Wohnwagen auf. Eine Packung Weingummi liegt auf dem Kopfkissen, die sei für den Neuankömmling, der sich für 23 Uhr angemeldet habe. Besonders an den Wochenenden werde es voll, da schliefen bis zu 20 Leute hier im Camp.

Mit ihrer Taschenlampe tastet sich Ringen hinüber zum Gemeinschaftszelt, wo fünf Helferinnen und Helfer um einen langen Tisch versammelt sitzen und Bier trinken. Sie kommen aus allen Ecken Deutschlands, aus dem Schwarzwald, Berlin, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen. Tagsüber lassen sie sich vom privat organisierten „Helfer-Shuttle“ auf die Einsatzgebiete verteilen. Julia Ringen erzählt von zwei Männern, die sie immer „meine Kettensägen-Jungs“ genannt habe. Die hätten ehrenamtlich in den Ahrauen den Unrat weggeschafft. „Eines Tages hat einer nur knapp an einem toten Mädchen vorbeigesägt, das zwischen den Ästen lag“, erzählt sie. Sie bleibt dann oft bis spätnachts mit den Helfern im Zelt sitzen, fast wie eine Supervision, und hört sich deren Geschichten an. Auch wenn morgens ihr Wecker wieder um halb sieben klingelt.

Info

Der „Helfer-Shuttle“ bittet weiter um Unterstützung. Wer Kapazitäten hat, kann sich per Telefon unter 0151 431 316 62 melden oder im Internet helfer-shuttle.de aufrufen

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