Raffgieriges Herz

In der Kindheit ist das Leben tief, nicht breit Erinnerungen anlässlich einer Spielzeug-Ausstellung

"Rotkäppchen war meine erste Liebe", schreibt Charles Dickens. "Ich wusste, hätte ich Rotkäppchen heiraten können, so wäre mir vollkommene Glückseligkeit zuteil geworden."

"Diese Klötzchen hatte ich auch. Aber aus Plaste." Der Mann geht in die Hocke, um sich die Sache genauer anzusehen. Schade, dass man hier nichts anfassen darf, sonst könnten auch seine Hände an der Erinnerung teilhaben. Seine Freundin macht ein Foto von ihm. Wie alt mag er sein? Ende 30, Anfang 40? "Guck mal." Er zeigt auf einen Karton mit Spielbriefmarken, Stempeln und Stempelkissen, Grundausrüstung für den werdenden Schalterbeamten. "Kinderpost. Die hatten wir im Hort."

Spielzeug in der DDR heißt die Ausstellung. In drei Räumen gibt es Puppen, Autos, Kräne und Puzzles zu besichtigen. In einer Leseecke liegen Bücher aus. Man kann lernen, wie die Stalinallee nachgebastelt wurde.

Kinder brauchen Märchen. Kinder brauchen Spielzeug. Das meiste Spielzeug braucht das Kind im Mann. Es sind also alle gut bedient hier, groß und klein, und es ist schwer zu sagen, wer mehr Vergnügen hat. Auf jeden Fall haben die Erwachsenen die Nostalgie auf ihrer Seite. Allen fallen ihre geliebten Freunde von früher ein. Ich sehe das Leipziger Messemännchen mit seinem Musterkoffer wieder, das über die Jahre in meinem Regal verstaubte. Hatte mein Kran echt diesen lächerlichen Greifer? Der sah doch viel größer aus! Frau Elster als Handpuppe. Sven, mit dem ich die Ausstellung durchstreife, erinnert sich: "Die hatten meine Eltern gekauft, damit ich sie am nächsten Tag meiner Schulfreundin zum Geburtstag schenke. Den Abend davor durfte ich im Bett mit ihr spielen. Ich selbst besaß schon Pittiplatsch, Herrn Fuchs und Schnatterinchen. Also beschloss ich: Frau Elster gebe ich nicht her. Ich riss ihr eins von den Glasaugen heraus. Nun war sie zwar halb blind, aber wir blieben für immer zusammen."

Geschichten aus dem Märchenwald. Borstel ist immer lieb. Mautz schleckt süße Milch. Hoppel knabbert gern Mohrrüben. Sie sind fröhlich und guter Dinge, denn Milch und Möhren sind gesund, und im Gegensatz zu Ananas und Nutella gibt es sie sogar zu kaufen, was auch von Vorteil ist. Frau Puppendoktor setzt ihre kluge Brille auf, der Sandmann streut uns Sand in die Augen. - Wurde in der DDR anders gespielt als anderswo?

Eins zwei drei ins faule Ei. Häschen in der Grube. Es gab vielleicht weniger Spielzeug als im Westen, aber natürlich hatte jedes Kind welches. Manches war weniger bunt. Genug Devisen für LEGO hatte man nicht, für "Barbie" wollte man sie nicht ausgeben. DDR-Spielzeug war Spielzeug aus der DDR. Es gab Dumper und Kipper, Puppenbaby "Julchen", die Forstwirtschaftsserie "Mufflon" - Laster und Schlepper, auf denen man prima Holzstöcke transportieren konnte, als seien es schwere Baumstämme - und selbst für behinderte Kinder, man höre und staune, gab es "Ente" und "Nashorn". Also alles, was das Kinderherz begehrt?

Nein. Nie. Das Kinderherz ist, wie wir wissen, ein raffgieriges Etwas. Ich erinnere mich, wie ich, blass vor Neid, das Regal meines Schulfreunds Maik bestaunte, in dem die West-Matchboxautos penibel aufgereiht standen. Andere tauschten Schokoladenbilder mit den Spielern von Bayern München.


Später einmal hatte ich mir für einen Tag eine AC/DC-Platte geliehen, die sah toll aus: hellgrün und durchscheinend, und der Krach da drauf war auch Klasse. Ich musste hoch und heilig versprechen, der Platte nichts Böses zu tun. Dennoch kam der Typ - nein, nicht der Typ: der Kunde; weil der Junge in Ordnung war, war er ein "Kunde" - sicherheitshalber am Nachmittag vorbei. Es war ihm einfach zu heikel, und wir hörten die Platte schließlich gemeinsam bei mir, wie sonst bei ihm. Ob so die Legende entstand, dass man sich im Osten einfach öfter besuchte?

"Und deshalb ist unser Leben in der Kindheit so unendlich bedeutend", sagt Heine, "wir hören alles, wir sehen alles, statt dass wir späterhin absichtlicher werden, uns mit dem Einzelnen ausschließlicher beschäftigen, das klare Gold der Anschauung für das Papiergeld der Bücherdefinition mühsam einwechseln und an Lebensbreite gewinnen, was wir an Lebenstiefe verlieren." ... und den Osten als ungeil erkennen, möchte man in unserem Fall hinzufügen. Aber das kam erst in der Pubertät, und ich meine das durchaus wörtlich: Ich hatte dem AC/DC-Freund, es muss um die Jugendweihe-Zeit gewesen sein, mühsam eine verwaschene Levi´s 501 abgeschwatzt, auch wieder nur für einen Tag. Es war ein Geziehe und Gezerre, die über den Hintern zu kriegen. Aber Mann, war das geil. Noch nie hatte mein Po so sexy ausgesehen, doch wie gesagt, das war später.

Die lustige Grille liegt verschlossen in einer Vitrine. Ich kenne das Buch auswenig: Die Grille ist ein Geiger, sie fidelt das ganze Jahr, während die Ameisen emsig Nahrung sammeln. Dann kommt der Winter, die Grille hungert und friert und stirbt fast. Aber die Ameisen retten sie. Sie schleppen sie in ihren Hügel, in dem es warm und heimelig ist wie in einer Dorfkneipe. Dort spielt sie dann für ihre kleinen Freunde, die inzwischen erkannt haben, dass die Grille kein fauler Sack sondern ein Künstler ist. Ein gutes Bilderbuch.

Der eigentliche Witz aber ist, dass in den Pappseiten Ausschnitte sind: Was auf dieser Seite noch die stolz gereckten Fühler der Grille sind, entpuppt sich beim Umblättern als Schilf. Wenn die Ameisen durch Fenster und Tür ihres Hauses erschrocken nach draußen sehen, wo die Grille am Boden liegt, tanzen sie auf der nächsten Seite munter nach der Geige ihres Gasts. Die Bilder hat der Tscheche Vojtech Kubasta gezeichnet, dem die Ausstellung einen ganzen Raum widmet.

Er hat auch die berühmten Pop-up-Bücher gestaltet. Wenn man sie öffnet, entsteht ein dreidimensionales Bild. Eins der Bücher darf man auch in der Ausstellung aufschlagen, und plötzlich steht, die Papiersegel stolz im Wind, die "Santa Maria" vor uns, Columbus´ Entdeckerschiff. Papierwellen umspülen den Bug, ein weißer Faden hält das Schiffchen aufrecht. Wunderschön.

Fast so spannend, wie das entstandene Bild zu betrachten, ist es, das Buch immer wieder auf- und zuzuschlagen, die Nase dazwischen, um hinter die Mechanik zu kommen. Wie haben die das nur hingekriegt? Raffiniert.

Bücher. Man kann nichts über Länder und Völker durch Bücher lernen, sagt Rousseau im Émile: "Ein Pariser, der glaubt die Menschen zu kennen, kennt doch nur die Franzosen."

Und der gemeine Ossi, das bodenständige Pflänzchen aus dem Leseland DDR, was kannte der?

Timur und sein Trupp zum Beispiel. Es wurde in der fünften oder sechsten Klasse in der Schule behandelt, viele hatten es schon vorher gelesen. "Eine viertel Jahr lang haben wir in jeder Hofpause Timur und sein Trupp gespielt", sagt Sven. "Und immer durfte Tomas Berger den Timur spielen, nie ich!" Es scheint ihn noch heute zu schmerzen. "Die Russenbücher, die wir später lasen, waren Scheiße, aber Timur war toll!"

Ich erinnere mich. Es war spannend geschrieben. Während die Väter an der Front sind, gründen die Kinder eine Bande - den Timurtrupp eben -, die lauter gute Sachen tut. Man müsste es direkt nochmal lesen, um herauszufinden, was uns daran so fasziniert hat. Wars die elternlose Zeit, die die Kinder hatten? Gab es da so etwas wie Anarchie zwischen den Zeilen, Kinder an die Macht?

Und dann entdecke ich in der Leseecke des dritten Raums ein schmales Büchlein, das ich nicht kenne und dessen Titel mich verwundert: Trauermantel und Birke von Benno Pludra. Der Autor war den DDR-Kindern so bekannt wie denen im Westen vielleicht James Krüss. Jeder kannte, und kennt noch heute, seinen Lütt Matten und Die Reise nach Sundevit.

Hier hat er eine Geschichte aufgeschrieben, die ganz und gar ohne Hoffnung ist. Zwei Kinder streifen elternlos herum, kommen an einen Graben, dahinter ein Birkenwald. Das Mädchen kann seine Sehnsucht nicht bremsen, geht über einen Steg in das Wäldchen und wird selbst eine Birke. Der Junge, nun vollkommen einsam, kann ihr nicht folgen, der Steg ist weg. Ihm wachsen Schmetterlingsflügel. Er fliegt zu der Birke hinüber. - Sowas also auch. War das nicht viel zu pessimistisch? Wie konnte so ein Buch erscheinen? "Da gabs keine Probleme", sagt Pludra. Er sitzt, beinahe 80, in seinem Häuschen nahe Potsdam, ein sanfter, humorvoller Mann. Er spricht leise. "Was mich an dieser Geschichte interessiert hat, war die Vergeblichkeit. Wenn die Kinder zum ersten Mal erfahren, dass es Sachen gibt, die einfach nicht zu ändern sind, wo alles Wünschen nichts hilft, das ist eine harte Lektion. Wenn man für Kinder schreibt", sagt er, "muss man die Geschichte ganz in die Tiefe treiben. Alles muss auf dem Spiel stehen. Es muss um Leben und Tod gehen. Und nur die Geschichte ist wichtig, man darf sich nicht ablenken lassen." Und plötzlich: "Ich möchte heute kein junger Autor sein." Ich wollte ihn fragen, ob der Sprung über den Graben, erst möglich, dann verwehrt, eine Anspielung auf die Mauer gewesen sei. Aber die Frage scheint mir jetzt verfehlt.

Sven will los. "Ich hab alles gesehn." Aber ich kann mich noch nicht von einem Buch trennen, das ich nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder in Händen halte. Während ich, tief versunken, langsam die Zeilen lese und die Bilder sehe, kommen Gefühle hoch, die ich längst vergessen glaubte. Es müssen meine gewesen sein, denn sie überschwemmen mich mit einer Kraft, vor der ich erschrecke. Wo war das alles aufbewahrt? Im Hirn, im Speck? Tief vergraben. Igelin und Borstel, Mutter und Sohn. Die Sonne lacht, Igelmutter wäscht, Borstel setzt die Kiepe auf den Rücken und holt Holz zum Backen aus dem Wald. Eichhörnchen und Maus verleiten ihn zum Spielen, er dirigiert die Frösche am See, vergisst Holz und Rückkehr. "Längst schaut besorgt aus ihrem Haus die Mutter nach dem Söhnchen aus." Mit Wucht überfällt mich Schuldgefühl und Scham. Ist es nicht lächerlich? Jetzt wird es dunkel im Wald. In der Kiepe noch immer kein Holz. Angst steigt auf. Der Versager kehrt schließlich heim. "Die Mutter sieht ihn traurig an. Auch Onkel Uhu ist betrübt, weil es heut keinen Kuchen gibt. Beschämt und müd schläft Borstel ein." Lektion gelernt. Der Stachel sitzt. "Er will jetzt immer artig sein."

Die Ausstellung Spielzeug in der DDR ist bis zum 28. März in der Sammlung Industrielle Gestaltung in der Kulturbrauerei, Berlin, Prenzlauer Berg, zu sehen.


00:00 30.01.2004

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