Rainer, was war denn das jetzt?

Medientagebuch Wenn das Fernsehen hilft, den so genannten Arsch hochzukriegen: "Der Arbeitsbeschaffer" (RTL)

Das Fernsehen ist eine Besserungsanstalt des Menschengeschlechts, die Handlungsbedarf zuerst bei den kleineren Fragen des Lebens sieht. Man kann wie ein Model laufen lernen oder Dieter-Bohlen-Lieder singen, man kann man seine Plautze abtrainieren, um der eigenen Frau wieder zu imponieren, den verschuldeten Haushalt in den Griff bekommen oder die verzogenen Kinder. Wo immer das Fernsehen heute praktische Lebenshilfe leistet, erzählt es die Geschichte einer Verwandlung von einem problematischen Vorher zu einem glücklicheren Nachher. Was aber fängt das Fernsehen mit den wirklich großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit an?

Zu Beginn dieses Jahres hat RTL in seinem Lebenshilfesegment gleich nach der Super Nanny einen so genannten Arbeitsbeschaffer beschäftigt. Weil der schlecht ehrlicher sein kann als eine Politik, die sich und ihren Wählern noch immer nicht eingestanden hat, dass Vollbeschäftigung eine Illusion ist, und weil Automatisierung, Globalisierung und Arbeitspolitik für eine einstündige Sendung zu vage Angriffsflächen bieten, bleibt Arbeitslosigkeit reduziert auf das persönliche Wollen. "Jeder, der an sich arbeitet, kann den Weg aus der Arbeitslosigkeit schaffen", lautet das Credo des "Arbeitsbeschaffers". Das, was hier auf Verwandlung wartet, sind nicht gesellschaftliche Verhältnisse, sondern allein der Langzeitarbeitslose auf seiner Couch, der den so genannten Arsch noch immer nicht hochbekommen hat.

In der Auftaktsendung durfte diese Rolle Rainer Jahn aus Halle ausfüllen, in gewisser Weise das Klischee des sozialstaatsversorgten Arbeitsunwilligen: Anfang 40, blass um die Nase vom vielen Stubengehocke, und jeder vorgeschlagenen Alternative macht ein Zipperlein den Strich durch die Rechnung. Was es für die eigene Psyche bedeutet, sieben Jahre lang jeden Morgen nicht zur Arbeit gehen zu können, will die Sendung naturgemäß nicht ermessen: Ihr reicht dieser Zustand als Voraussetzung dafür, dass damit bald Schluss sein könnte. Lobend wird erwähnt, dass sich Rainer und seine zuletzt nur ABM-beschäftigte Frau an den Rhythmus eines Tages halten, wie ihn die arbeitende Bevölkerung erlebt.

Die Frau und die einen Ausbildungsplatz suchende Tochter sind schnell vermittelt. Ein paar Telefonate und Ina Sachse kann wieder in einer Spielothek anheuern. Bei der jungen Nicole, die sich bislang vergeblich bei Pflegeheimen beworben habe, wird die Ablehnung nicht aus mangelnder Qualifikation erklärt, sondern allein als formales Problem. Zu den Standardtricks des "Arbeitsbeschaffers" gehören ansprechende Bewerbungsunterlagen: Immer hat er eine Kamera dabei, um seine Klienten in Aktion abzulichten, wofür im Fall von Nicole extra ein Posing bei einer alten Dame vereinbart wird. Findig muss man sein. Allerdings bleibt offen, welchen Dienst die derart aufgemotzte Bewerbungsmappe nun tatsächlich zu leisten vermochte, denn im Altenheim, in dem Nicole schließlich ihren Vertrag unterschreibt, landet sie vor allem durch intensive Fürsprache des "Arbeitsbeschaffers": "Hab´ ich Ihnen zuviel versprochen, Frau Leiterin?"

Hat er nicht. Und auch bei Rainer Jahn, auf den sich der Druck durch die schnellen Erfolge im Umfeld unnachgiebig erhöht, gelingt dem Fernsehen, wozu die Wirklichkeit nicht in der Lage ist: Probearbeiten als Handwerker fürs Bewerbungsfoto, Probearbeiten in einem Computerladen. Dass es zu letzterem unter normalen Umständen, also bei Rainers Papieren und Kenntnissen, nie gekommen wäre, wird eher am Rande offenbar. Die Chancen, die das Fernsehen durch seine Prominenz bietet, reflektiert es nicht als Verfälschung eines harten Wettbewerbs - es stellt sie ungeniert der Dankbarkeit seines Klienten in Rechnung. So kommt es zum Krach, als der umzugsunwillige Rainer sich in den Augen des "Arbeitsbeschaffers" ungeschickt als 51. Bewerber auf die Stelle eines Hausmeisters in Erfurt präsentiert: "Rainer, was war denn das jetzt für ein Gespräch?"

Das eigentliche Ereignis von Der Arbeitsbeschaffer ist aber der Titel gebende Jobsucher selbst. Er wird dargestellt von Lars Naundorf, der im richtigen Leben unter dem gleichen Namen eine private Arbeitsagentur gegründet und, wie es in solchen Zusammenhängen heißt, zu einer Erfolgsgeschichte gemacht hat. Zu dieser Geschichte gehört, dass der 32-jährige Naundorf erst selbst entlassen werden musste, um zum Glück seiner Selbstständigkeit zu finden. Die Kernkompetenz für die Arbeitsvermittlung verdankt sich aber seiner Herkunft: Lars Naundorf ist ein Ossi aus Gera, dem man das auch noch anmerkt. Anders als der schönen "Super Nanny" Katharina Saalfrank, die nie so ausgesehen hat wie die Problemmütter, denen sie hilft, kann man Lars Naundorf die Transformation noch ansehen: die Posen, das Sprechen, der Dreiteiler, der Pilotenkoffer - alles wirkt wie angelernt. Damit präsentiert Der Arbeitsbeschaffer in seiner eigenen Figur ein dauerhaftes Vorher-Nachher-Bild und in jeder Sendung mindestens einen, der´s geschafft hat: vom Jammerossi zum Jungdynamo.

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