Raketenwerfer statt Eselskarren

Qualitiätssprung Robert Fisk, Nahost-Korrespondent der britischen Zeitung "Independent", über die krasse Fehleinschätzung des irakischen Widerstandes durch die US-Armee

Die US-Armee steckt tiefer im irakischen Guerilla-Krieg als ihr lieb sein kann. Am zurückliegenden Wochenende starben allein im kurdischen Norden 56 Menschen bei zwei Selbstmord-Attentaten, darunter prominente Politiker der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK). Ein Anschlag in Mossul kostete 14 Menschen das Leben. Drei US-Soldaten fielen dem Angriff auf ihren Konvoi bei Tikrit zum Opfer. Ein US-Offizier wurde durch eine Rakete auf sein Hotel getötet. Bei Bagdad detonierte ein Munitionsdepot, über die Zahl der Opfer gibt es keine Angaben. Von einem qualitativen Sprung bei der militärischen Eskalation spricht der britische Publizist Robert Fisk - genau neun Monate vor der US-Präsidentenwahl.

FREITAG: Gerade hat der US-Divisionskommandeur in Tikrit angekündigt, den Widerstand dort in sechs Monaten niedergeschlagen zu haben. Eine realistische Prognose?
ROBERT FISK: Das ist typisch für den Vertreter einer Armee, die sich im Krieg mit Guerillakräften befindet. Diese Leute werden immer wieder behaupten, der Widerstand sei "beendet" oder "zerschlagen" oder werde nur noch von "Hardlinern" getragen. Ich erinnere mich an die gleiche Rhetorik in den siebziger Jahren, als ich aus Nordirland über den Konflikt zwischen der britischen Armee und der IRA berichtete, und ich erinnere mich, wie die Israelis solche Erklärungen immer wieder über die Hisbollah im Libanon verbreiteten.

Welche Quellen speisen diesen Widerstand?
Ich bin nicht einmal sicher, ob das die Widerstandsbewegung weiß. Es gibt eine krasse Fehleinschätzung der US-Truppen über die irakische Guerilla von Anfang an. Im Juli vergangenen Jahres wurden die beiden Saddam-Söhne Udai und Kusai sowie Mustafa, der Sohn Kusais, getötet. Sofort trat in London Tony Blair vor die Weltpresse, um einen "großen Tag für den Irak" zu verkünden. Dann wurde Saddam gefangen, und wir hörten den gleichen Sermon. Vor wenigen Tagen ging in Bagdad die größte Bombe hoch, die von der Guerilla seit Beginn des Widerstandes platziert werden konnte, wobei ein schwer gepanzertes Fahrzeug völlig zerstört wurde. Wir reden hier nicht mehr nur über kleine Rohrbomben oder selbst gebaute Raketenwerfer auf Eselskarren. Es gibt eindeutig einen Qualitätssprung in der militärischen Eskalation.

Sind nach Ihrem Eindruck daran zusehends ausländische Kämpfer beteiligt, wie die US-Armee behauptet?
Natürlich beteiligen sich auch Ausländer, das ist relativ offensichtlich. Aber es ist ein Hirngespinst, dass Osama bin Laden hinter dem Widerstand stecke und Tausende islamische Kämpfer in den Irak strömten. Das ist schon deshalb lächerlich, weil beispielsweise niemand in Iran auf die Idee käme, den irakischen Sunniten helfend unter die Armee zu greifen. Wir haben solche Leute nie gefunden, geschweige denn gesprochen, sondern haben es stattdessen mit einer Erfindung von Donald Rumsfeld zu tun. Der hätte anderenfalls nach dem vollständigen Zusammenbruch des Saddam-Regimes eingestehen müssen, dass einfache Iraker aus eigener Motivation hinter dem Widerstand stecken. Und das wäre ein großes Problem für die US-Regierung gewesen.

Wie erleben Sie die soziale Situation der Menschen im Irak?
Würden Sie es vorziehen, mitten auf der Straße "Saddam ist ein Verbrecher" rufen zu können, ohne dafür in irgendwelchen dunklen Kerkern zu verschwinden, aber gleichzeitig mit der Angst zu leben, dass ihre Tochter auf dem Schulweg von marodierenden Banden entführt wird? Dass Sie an der nächsten Ecke wegen Ihres alten Wagens erschossen werden? Oder 24 Stunden lang auf Strom verzichten müssen?

Demnach zieht die US-Propaganda von Freiheit und Demokratie im Irak noch immer nicht?
Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Immer wenn wir von einer Reise zurückkommen, schließt mein irakischer Fahrer Mohammed nervös alle Autotüren ab, während er sich in allen Richtungen nach Bewaffneten umsieht. Wenn wir unterwegs sind, macht er oft große Umwege, um bestimmte Stadtteile Bagdads zu meiden. Er tut das nicht, weil er paranoid ist. Einmal sagte ich zu ihm, er befinde sich offenbar genau wie ich in einem besetzten Land. Als ich ihn vor einer Woche das letzte Mal traf, trauerte er, weil sein Bruder, ein Vater von zwei kleinen Kindern, wegen seines 17 Jahre alten Firmenwagens überfallen und durch mehrere Schüsse in die Brust getötet wurde. Die ganze Familie droht nun im Elend zu versinken. Als ich mit der Frau des Toten und den Angehörigen sprach, sagten sie mir natürlich, dass sie sich die Situation vor dem Sturz des Saddam-Regimes zurück wünschten. Das bedeutet keinesfalls, dass sie Anhänger der Diktatur waren, aber ihre Haltung ist eben pragmatisch.

Was heißt das für den Widerstand gegen die Besatzer?
Wenn Sie heute durch den Irak reisen, werden Sie überall ausgebrannte US-Fahrzeuge sehen und vor fast jeder Tankstelle kilometerlange Autoschlangen. Und das in einem Land, das über die zweitgrößten Ölreserven weltweit verfügt, aber derzeit Treibstoff importieren muss. Sie werden ein Land sehen, in dem in den Leichenhallen der Hauptstadt jeden Morgen 20 bis 30 neue Mordopfer liegen. Von einem Besuch des großen schiitischen Friedhofes in Nadschaf wird ihnen aus Sicherheitsgründen abgeraten, weil dort bewaffnete Kriminelle lauern.

Die Situation wird von Tag zu Tag unübersichtlicher. Bei einem meiner Gespräche mit irakischen Kollegen gab ich zu bedenken, dass diese Umstände früher oder später zu einem Aufstand führen werden. Und ein irakischer Kollege entgegnete: "Absolut, das wird eine Revolution geben". Was nicht bedeutet, dass er dafür ist. Was für eine Revolution sollte das denn auch sein? Und unter welcher Führung? Aber das Gefährlichste, was nun passieren kann, wäre eine Vereinigung der Schiiten und der Sunniten.

Sehen Sie für eine solche Vereinigung denn ernsthafte Anzeichen?
Als die Briten 1917 in den Irak einmarschierten, war der Widerstand gegen sie der einzige Punkt, der die vielen ethnischen und religiösen Gruppen zusammengehalten hat.

Das Gespräch führte Harald Neuber


00:00 06.02.2004

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