Randerscheinungen

Border horizons Photographs from Europe

Die früheste Grenz-Erfahrung ist ein Kinderspiel. Die Aufregung, die es bedeutet, erstmals in ein fremdes Land zu reisen, kulminiert im Wetteifern, der erste zu sein, der vom Rücksitz des elterlichen Autos den Kopf noch vor den Geschwistern über die imaginäre Linie reckt. Was damit gewonnen ist, außer dem Kinderspiel, bleibt offen, denn der Aufregung weicht Ernüchterung: Der Grenzübertritt ist auch nur eine Bewegung, das Gras weiterhin grün, die Straße asphaltiert. Was sich das Kind als beamen vorstellen mag - ein plötzliches Hineingeratensein in das völlig Andere -, beginnt immer allmählich und hochgradig gewöhnlich. Die Erfahrung der Grenze als natürlicher Scheide zwischen Hier und Da bedarf der Anstrengung von Fantasie.

Dass die Grenze eine Konstruktion ist, also vollkommen willkürlich, kann man am Namensschild noch des mickrigsten Dorfes erfahren. Das Schild trennt durch die zu lesende beziehungsweise durchgestrichene Ortsbezeichnung in Außen und Innen. Wie bei einer Geschichte gibt es Anfang und Ende, und wie bei Geschichten üblich bleibt die Lesart jedem selbst überlassen. Von der Geschichte "Europa" existieren unzählige, voneinander abweichende, sich widersprechende Lesarten.

Man könnte deshalb das Projekt der Fotografin Doris Frohnapfel, mit deren Bildern wir diese Beilage illustrieren, als Interpretationshilfe begreifen. Doris Frohnapfel ist mit der Kamera an die Außengrenzen Europas gereist. An jene mitunter verborgene Linie, die erst ermöglicht zu verstehen, was Europa sein könnte, weil sie markiert, was nicht Europa ist. Solche Genauigkeit führt zwangsläufig in die Unschärfe, weil es ein Europa nicht gibt: Die Grenzen des geografischen unterscheiden sich vom kulturellen unterscheiden sich vom politischen unterscheiden sich vom monetären Raum.

Die Vielzahl der Vorstellungen, die von Europa im Umlauf sind, drückt sich aus in einer Heterogenität der Motive. Die Aufnahmen von Doris Frohnapfel werden nur zusammengehalten durch die sachlichen Vermerke, die ihnen einen Platz zuweisen bei der Befestigung eines europäischen Raumes. Manche Bilder sehen aus wie arglose Landschaftsaufnahmen, etwa in Finnland, wo der See Inari die Trennung zu Russland ausfüllt: ein winterliches Panorama mit kargen Bäumen und Schnee. Andere Bilder wirken wie Monumente einer Vergangenheit, die der Zeit überlassen sind, weil sie für die Aktualität an Interesse verloren haben. Eingefallene Grenzzäune, verwitterte Schilder, verrostete Lampen stehen im einstigen Niemandsland vor dem bulgarischen Sozopol. Früher begann hinter dem Wasser der türkische Westen, heute wartet dort lediglich ein weiterer EU-Beitrittskandidat-Kandidat auf seine Aufnahme.

Spannend, im Sinne einer Geschichte, wird Doris Frohnapfels Serie an den prekären Orten der Gegenwart. Nichts kündet deutlicher von der Macht Europas als die Asepsis von neu errichteten Grenzanlagen. Brisant ist Europa überall da, wo der Reichtum von solidem Funktionalismus vor der dahinter zu erwartenden Armut schützt: an der Grenze zum Kaliningrader Gebiet, an der Grenze zu Afrika, an den menschenleeren Zaunlandschaften, die der Eurostar bei Calais und Dover durchläuft wie ein Raubtier, das in die Zirkusmanege geführt wird. Der distanzierte Blick von Doris Frohnapfel auf diese Befestigungen erfährt seine Zuspitzung in den beigefügten Bildern von Überwachungskameras. Wenn auch auf diesen Serien zumeist nichts zu sehen ist, unterlegt die Allgegenwart und Automatisierung des Kameraauges den Grenzbereich mit dem Mulm des Verdachts. Grenzübertritte sind in diesem Fokus keine Kinderspiele, sondern Verbrechen.

Doris Frohnapfel: Border Horizons. Photographs from Europe. Salon Verlag, Köln 2005, 260 S., 300 farb. Abb., 28 EUR


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00:00 17.03.2006

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