Rap mir das Lied von der Mittelschicht

Revolte rückwärts Bevor man gewalttätige Jugendliche zur Ordung ruft, sollte man die Ordnung der Cliquen und Gangs auf der Straße verstehen

Ob es um Jugendkriminalität, Unterschichten, Killerspiele, Banlieue-Unruhen oder menschenfeindlichen Hip Hop geht, immer zeigen die Kommentare ähnliche Reaktionsmuster. Und meist sagen sie mehr über die Kommentatoren aus, als über die Probleme selbst.

Nach dem Münchner Überfall auf einen Rentner in der U-Bahn sprach Berthold Kohler in der FAZ von einem "Akt von Deutschenfeindlichkeit" und zeichnete ein düsteres Bild: "Unbescholtene Bürger überlegen sich, wann sie noch die U-Bahn benutzen; Schüler, welcher Teil des Pausenhofes noch sicher ist."

Man fragt sich, woher der Mann das weiß. Vorstellbar wäre folgendes Szenario: Nach dem Opernbesuch auf dem Heimweg ins Westend kommt der wachsame Herausgeber nicht umhin, am Willy-Brandt-Platz in die U-Bahn zu steigen - für Wagen gehobener Klasse wird die Unterbringung in öffentlichen Parkhäusern immer unsicherer - und registriert, auf dem Bahnsteig wartend, ängstlich und ärgerlich, wie Bahn um Bahn versoffene, qualmende Jungendliche, oft südländischen Aussehens, aus den Wagons strömen. Endlich Ruhe wünschend, sehnt er sich nach einem "Warnschuss" wie ihn Roland Koch abzufeuern ankündigte. Seine Warte ist eine Sicht von oben herab. Im Visier hat er eine dubiose Meute, die man zur Ordnung rufen muss.

Der Blick der Sozialdemokratie ist bedauerlicherweise ähnlich. Die problematischen Gewalttäter als Zugehörige der Unterschicht gehören schon lange nicht mehr zu ihrer Wählerschaft, man bringt paternalistisch Verständnis auf. Vorgeschlagen wird der Einsatz von Sozialarbeitern, die den Rowdys einfühlsam beibringen, wie man Aggressionen in kreative Beschäftigungen kanalisiert.

Gemeinsam ist beiden, dass sie erst aufheulen, wenn ein ungewaschener Hartz IV-Empfänger einen Politiker anpöbelt oder "unbescholtene Bürger" Ziel einer Attacke werden. Solange sich die am Boden der Gesellschaft untereinander die Köpfe einschlagen, lässt man sich mit der Skandalisierung Zeit. Aus gutem Grund: Zum einen herrscht allgemeine Ratlosigkeit, was mit dem Pöbel, der als Produktivfaktor der Gesellschaft einfach nicht gebraucht wird, anzufangen sei, andererseits, das weiß jeder, geschieht so etwas jeden Tag.

Hilflos vergibt die Politik Zensuren in Betragen und Ordnung - so die konservative Variante - oder, sozialdemokratisch, in Mitarbeit und Fleiß.

Eine Sicht der Dinge "von unten" findet man kaum. Man verpasst, dass sich in den Milieus der Cliquen und Gangs "auf der Straße" eigene Identitäten und Werte entwickelt haben, die auf die Lage der Jugendlichen viel adäquater reagieren als jedes Erziehungskonzept dazu im Stande wäre. Genauso unsichtbar wird die große Ambivalenz, die diese Lebensentwürfe prägt.

Es zeigt sich eine allgemeine Ausschlusstendenz von der Arbeit oder dem, was in der westeuropäischen Gesellschaft immer noch als Normalarbeit gilt. Entgegen der Plakatierung der Jugendlichen als arbeits- und ausbildungsmüde bedeutet dieser Ausschluss für viele von ihnen eine Vertreibung aus ihrem Lebenstraum. Dieser gleicht dem Wunsch des herkömmlichen deutschen Kleinbürgers nur allzu sehr. Das zeigt sich in den vordergründig so unbotmäßigen Raptexten, die man ohne Schwierigkeiten als Volksmusik einordnen könnte: Ein Auto, eine Frau, ein bisschen Heimat - diese Zeilen singt Neukölln mit dem Allgäu im Duett. Im realen Leben kommt bei den Unterschichtenjugendlichen noch ein kleiner Laden dazu, über den man bestimmen kann. Sein eigener Herr zu sein, ist das Größte. Dass die Gesellschaft den Arbeiter- und Angestelltenkindern mittlerweile nicht mehr zu bieten hat als unternehmerische Selbstständigkeit, ist die große Tragik der nachkommenden Idealbürger im Wartestand. Ihre Reaktion ist weniger Widerstand, sondern ein Überschlag in den Konformismus. Hier passt die Rede des französischen Soziologen Robert Castel, der Exklusion nicht als Zustand, sondern als Prozess beschreibt: Es entsteht keine Parallelgesellschaft, vielmer trauert man dem Lebensentwurf der Mittelklasse nach und beschränkt sich angesichts der Unmöglichkeit, dem Ideal einer Festanstellung gerecht zu werden, auf eine groteske Überhöhung der standardisierten Konsummuster. Es gedeiht ein Marken- und Plunderfetisch, den der naserümpfende Großbürger um die Jahrhundertwende bei Emporkömmlingen registrierte. Über solche Selbstinszenierung lässt sich in jedem Hip Hop-Video staunen: Protziger Schlitten, Klunker, Herrscher über den Kiez, unzählige Frauen auf dem Beifahrersitz - in abgeschwächter Form lässt sich das auch bei Carmen Nebel finden. Ironischerweise trifft man auf den gefährlichen Bahnsteigen der Münchner U-Bahn ähnlich aufgetakelte Gestalten wie in der Grünwalder Schickeria. Wo der CSUler seinen Trachtenhut trägt, modelliert sich der Jugendkriminelle seine Pomadeinsel.

Eigentlich eine drollige Parallele, könnte man meinen. Trotzdem stimmt es trist, dass der Anspruch der jungen Wilden nur noch bis zum Einfordern des Spießerdaseins reicht, das die Lehrlings- und Studentenbewegung ein ein halb Generationen früher zum Teufel wünschte. Noch trauriger ist, dass die aufgeblasenen Rap-Hansel zu den kulturellen Repräsentationsfiguren des Sub-Proletariats avanciert sind. In ihren Texten von Menschenfeindlichkeit und gewalttätigen Allmachtsphantasien verkehrt sich die Ohnmachtserfahrung in eine starrsinnige Anrufung von Sicherheit und Macht, proklamiert wird die konformistische Revolte. Heraus kommt eine karikaturenhafte Inszenierung des Lebens in den Armenvierteln, die die dortige Gewalt aufnimmt und parodistisch reproduziert.

So grotesk die Darstellungen in den Hip Hop Songs sein mögen, das Leiden, das die jungen Hörer mit ihnen in Beziehung setzen, ist echt.

Immerhin reißt die Musik viele aus ihrer Passivität und motiviert zu eigenen Versuchen, so dass mitunter tatsächlich so etwas wie Gegenkultur entsteht. Zwar werden auch hier kulturindustrielle Schablonen kopiert, doch blitzt in solchen (Selbst-) Organisationsformen etwas auf, was sich als emanzipatorisches Potenzial im Sinne von Solidarität und Zusammenhalt Bahn brechen könnte. Diese positiven Integrationsmechanismen funktionieren allerdings in Abgrenzung zu dem, was man Ruhe und Ordnung nennen könnte, es ist in der Tat ein Zusammenfinden auf Grund gesellschaftlichen Ausschlusses.

Entgegen den düsteren Deutungen, fordern die angeblich antriebslosen Jugendlichen aktiv ein gesellschaftliches Lebensrecht ein. Die Mitglieder der Cliquen, Gangs und Jugendclubs tun es ihren älteren arbeitslosen Kollegen, die sich zu Hause vor der Gesellschaft verstecken, in keiner Weise gleich. Indem sie auf der Straße sind, melden sie Anspruch auf den öffentlichen Raum an, den sie in ihrem Sinne umzumünzen versuchen.

Hier zeigt sich wieder die Ambivalenz des Milieus. Obwohl in den Jugendgruppen Solidarstrukturen bestehen, sind sie andererseits ein Gewaltraum, in dem sich die Mitglieder unterordnen müssen. Solidarität ist an Gehorsam, Autorität und Disziplin geknüpft.

Noch deutlicher konturiert erscheint dieses Phänomen in den französischen Banlieues, wo die Ausgeschlossenen in erheblich höherem Maße räumlicher Segregation und anderen Exklusionsmechanismen ausgesetzt sind. Hier lässt sich, auf Grund der hohen Alltagsbrutalität, der Ausschluss nicht mehr als prozessuale Bewegung interpretieren. Der Wunsch nach dem Leben der Mittelklasse, die stille Hoffnung, doch noch von der Republik in die Arme geschlossen zu werden, ist erloschen. An Hilfsangeboten in Form von temporären Integrationsprogrammen und Sozialarbeitern besteht kein Interesse mehr.

Diese erloschene Hoffnung findet sich in den Rap-Texten wieder. Im Gegensatz zum deutschen kommt der französische Vorstadt-Hip Hop viel eher ohne Beschreibungen aufplusternden Konsumgebarens aus und ist stattdessen durchzogen von offener Staatsfeindlichkeit. Diese scheint in den Banlieues allerdings Indikator von Solidarstrukturen zu sein. Während die Alltagsgewalt der Trabantenstädte in hohem Maße sozialdarwinistischen und sexistischen Mustern folgt und rassistische und antisemitische Motive nicht zu übersehen sind, spielt die ethnische Spaltung in den immer wieder aufflammenden Riots gegen Sicherheitskräfte und Staatsinstitutionen keine Rolle. Ein gewisses Klassenbewusstsein ist den Aufständischen des Novembers 2005 zu attestieren; keine Selbstverständlichkeit, vergegenwärtigt man sich beispielsweise die Übergriffe auf koreanische Kleinhändler während der Ghettounruhen in Los Angeles 1992.

Auch wenn geschlechtsspezifische Rollenmuster nicht aufgehoben wurden, sympathisierten die Schwestern und Mütter mit den rotierenden Jugendlichen und traten als Unterstützerinnen in den Gerichtsverhandlungen auf. Große Brüder, Gangchefs, Imame und politische Priester hatten in der Dynamik hingegen nichts zu melden. Entgegen der stark autoritär geprägten Welt von Familie, Polizeikontrolle, Arbeitsamt und Religion kam in den dezentralen und selbstkoordinierten Aktionen der Jugendlichen zumindest in der Form ein ganz eigenes Freiheitsverlangen zum Ausdruck.

Wird nun behauptet, den Jugendlichen fehle es an Respekt und bürgerlichen Lebenszielen, so ist nichts falscher als das. Ihr ganzes Leben ist von eben jenen konformistischen Mustern durchwirkt - und folgerichtig gewalttätig. Entgegen ihren Verlautbarungen, es ginge um Erziehung allein im Interesse der Jugendlichen, fürchten viele Politiker nur, diese Wut könnte sich noch stärker eigene Bahnen brechen. So kann man das 2003 verabschiedete "Borloo-Gesetz", nach dem die Wohntürme in den Banlieues abgetragen und durch Pavillons und Mehrfamilienhäuser ersetzt werden sollen, was die Zwangsumsiedlung von tausenden Familien bedeutet, nur begreifen, wer darin auch das Ziel der Zerschlagung gewachsener Sozialstrukturen erkennt.

Ähnlich sucht der Ruf nach Erziehungslagern und Drillcamps, die Delinquenten in jener Ordnung zu fixieren, der sie ohnehin entstammen, um den um Disziplin bemühten Instanzen zumindest das Gefühl der Kontrolle zurückzugeben. Wenn man in Berichten aus so genannten Besserungsanstalten liest, Jugendliche seien begeistert, vom Programm, das ihnen abverlangt wird, ist es das gewohnte autoritäre Gebaren, das sie sich heimisch fühlen lässt.

Ein Gewaltexzess wie der in München lässt sich demnach keineswegs als Folge von fehlendem Respekt vor dem Alter oder gar "Deutschenfeindlichkeit" erklären. Er lässt sich als Reaktion von "geladenem Autoritarismus" auf eine Direktive, das Rauchverbot, begreifen.

Es scheint, als sei in Zeiten eines sich mehr und mehr als Disziplinierungsapparat verstehenden Staates, gesellschaftliche Integration immer stärker nur in Gegnerschaft zu diesem ausschließenden Staat zu erwirken. Wo Werte wie Autorität, Durchsetzungswillen und Sitte herrschen, nisten immer auch Zwang und Gewalt, wo sie fehlen, bilden sich oft aus sich heraus soziale Strukturen.

Die überdrehten Hip Hopper spielen der Gesellschaft in verzerrter Form ihre eigene Melodie vor. Seltsam, dass niemandem aufgefallen ist, dass sie in ihrem Bodyguard-Gestus genau jene Politiker imitieren, die ihre größten Feinde sind. Der Rapper Buggy ist in seinen Ergüssen in Sachen Erziehungsmethoden und Lebensideal mit Roland Koch zumindest darin einig: "Ich bin Dein Vater und geb´ Dir Stubenarrest ... Meine Kohle erlaubt mir im KaDeWe, dick zu fressen, weil ich besitze Geld und hübsche Hostessen."

Tilman Vogt ist Sozialwissenschaftler und befasst sich mit Krisenphänomenen in den französischen Banlieues

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