Rarer weißer Freund

Kolonialgeschichte Der Afrikaforscher Richard Kandt wird in Ruanda bis heute verehrt, denn er ging respektvoll mit den Menschen um. Ein anderer Deutscher hält sein Erbe lebendig
Arlette-Louise Ndakoze | Ausgabe 44/2016 2

Minani streckt seinen Kopf weit aus dem Autofenster: „Kennen Sie den Weg zum Deutschen?“ Auch wir anderen drei im Wagen drehen uns zur Menschentraube, die am Wegesrand steht und nun ihre sichtbar anregende Unterhaltung abbricht.

„Zum Deutschen wollen Sie?“

Minani und wir sind als ruandisch-deutsches Filmteam im Land unterwegs. Ein auffällig großer Mann aus der Gruppe hat aufmerksam aufgehorcht. „Lassen Sie mich ins Auto, ich zeige Ihnen den Weg“, sagt er.

An einer Weggabelung biegen wir links ab, lassen Steigungen, Kurven mit Staubspuren roter Erde hinter uns und kommen wenig später vor einem breiten Tor an. Dahinter liegt eine Palmenallee, die wir mit unserem neuen Wegbegleiter entlanggehen. Wie sich auf der Fahrt herausgestellt hat, ist der energische Mittvierziger hier einmal der Bürgermeister gewesen – auf der Halbinsel Shangi im Süden Ruandas, wo der Kivusee die Grenze zur Demokratischen Republik Kongo markiert. Selbstredend kennt er sich hier bestens aus und kennt natürlich den Weg zum „Deutschen“, zum umudage, wie es in der Landessprache Kinyarwanda heißt.

100 Jahre altes Erbe

Die Geschichte Ruandas beginnt um das Jahr 950. Von 1900 bis 1916 stand das Land unter der indirekten Herrschaft des Deutschen Kaiserreichs. In dieser Zeit behielt es seine Souveränität. Danach und bis zur Unabhängigkeit 1962 unterstand es der belgischen Kolonialmacht. Richard Kandt wurde 1867 im damaligen Posen (heute Poznan, Polen) geboren und war als Psychiater tätig, bevor er zu Forschungsarbeiten auf den afrikanischen Kontinent aufbrach. Eine enge Freundschaft verband ihn mit dem Sexualforscher Magnus Hirschfeld und dem Schriftsteller Richard Voß. 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialzeit befasst sich Deutschland nun verstärkt auch öffentlich mit seiner Vergangenheit: Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt bis Mai 2017 die Ausstellung Deutscher Kolonialismus, und das Goethe-Institut in Kigali, Ruanda, plant zum Jahresende eine Fotoausstellung aus der Zeit von „Deutsch-Ostafrika“.

Nahezu chiffrenhaft erscheint damit die Person, um die es bei diesem Ausflug geht: ein Deutscher, Mitte 70, namens Manfred Sett, der seit 22 Jahren auf Shangi lebt. Eingerichtet hat er sich, fast wie ein Eremit, auf einem der ungezählten Hügel Ruandas, rund 1.600 Meter über dem Meeresspiegel. Die Faszination, die Manfred Sett umgibt, gilt indes weniger ihm selbst als dem Anwesen, auf das er sich zurückgezogen hat und das den Namen „Bergfrieden“ trägt. Ende des 19. Jahrhunderts lebte hier, im damaligen Kolonialgebiet „Deutsch-Ostafrika“, ein anderer weißer Mann, der nicht nur in der Region, sondern in ganz Ruanda bis heute verehrt wird: Dr. Richard Kandt.

Er wohnte im „Bergfrieden“

Kandt war der erste Vertreter des Deutschen Kaiserreichs, der im früheren Königreich Ruanda siedelte. Auf ihn gehen mehrere Verdienste für die Entwicklung des Landes zurück: Er entdeckte die Nilquelle im Süden des Landes, machte Ruandas Kaffee zur Exportware, führte die Geldwirtschaft und das Postwesen ein und gründete 1908 die Hauptstadt Kigali. Mit den Einheimischen pflegte er einen respektvollen Umgang, und er ließ dem König Yuhi V Musinga dessen volle Souveränität. Bis heute wird Kandt dafür hoch geschätzt, jeder Zweite der insgesamt elf Millionen Einwohner in Ruanda dürfte seinen Namen kennen. Ihm zu Ehren gründete sich vor zwei Jahren etwa der „Friends of Kandt Club“, der Sticker und T-Shirts mit Kandts Konterfei bedruckt und kürzlich eine Kaffeemarke nach ihm benannt hat, die Richard Kandt Coffee Brand. In der Hauptstadt Kigali, auf dem Gelände des dortigen Naturkundemuseums, steht die zweite Residenz Richard Kandts, die Ende dieses Jahres mit einer Statue des Arztes und Afrikaforschers geschmückt werden soll.

Der erstaunlich positive, nahezu verklärte ruandische Blick auf Richard Kandt ist dem Kontrast zu anderen sogenannten Kolonialherren seiner Zeit geschuldet. Südlich von „Deutsch-Ostafrika“, im heutigen Tansania, waren die Zustände damals ganz andere: Einheimische setzten sich gegen die Fremdherrschaft und Ausbeutung durch die Kolonialherren Carl Peters, Gustav Adolf von Götzen und Hermann Wissmann zur Wehr. 1905 wurde der als „Maji-Maji-Aufstand“ bezeichnete Befreiungskampf von deutscher Seite blutig beendet. Von solchen Praktiken grenzte sich Richard Kandt klar ab. Allein schon deshalb, weil er Ruanda nicht zum Zweck der Kolonisierung, also Ausbeutung, sondern zur ernsthaften und respektvollen Erforschung von Land und Kultur bereist hatte.

Seine zahlreichen Erkenntnisse auf diesen Gebieten bewogen das Deutsche Kaiserreich schließlich dazu, ihn zum offiziellen Residenten zu ernennen und unter ihm eine indirekte Herrschaft in Ruanda zu errichten. Seinem ersten Wohnsitz dort gab Kandt den nostalgischen Namen „Bergfrieden“. Noch heute ziert dieser Titel den Bogen über dem Eingang zum Haus – in dem jetzt Manfred Sett lebt, und wo zu Kandts Zeit noch bescheidene Hütten gestanden hatten.

Im Innern zeigen Fotos an den Wänden alte Landkarten von „Deutsch-Ostafrika“, Porträts vom König Yuhi V Musinga, von Richard Kandt und von deutschen Offizieren des einstigen Militärpostens auf dem zehn Hektar großen Grundstück. Manfred Sett ist sichtbar stolz auf das Anwesen, dessen geschichtliche Bedeutung er wieder hat aufleben lassen. Bevor es 1992 zu Setts Eigentum wurde, hatte es der Braunschweiger Chemie-Firma Buchler gehört. Mit der Geschichte des Ortes befasste diese sich allerdings nicht, ihr diente das Haus samt Grundstück „in erster Linie dazu, bei politischen Unruhen im Kongo die Angestellten der Firma möglichst sicher nach Bergfrieden zu bringen, um von dort aus weiter nach Kigali evakuiert zu werden“, so Sett, der mittlerweile auf stolze 50 Jahre zurückblickt, die er als Entwicklungshelfer in Ost-, West- und Zentralafrika verbracht hat.

Auf der Terrasse seines Hauses stehen wir nun, unser Team und der ehemalige Bürgermeister von Shangi. Der Ausblick auf das sattgrüne Grasland, die schattenspendenden Palmen und den fußwegnahen Kivusee lassen die Idylle erkennen, die Manfred Sett – wie einst auch Richard Kandt – mit dem „Bergfrieden“ verbindet. Während wir uns unterhalten, umfassen seine Hände behutsam Richard Kandts Reisebericht Caput Nili. „Nachdem ich das gelesen hatte, war mir ziemlich klar, dass er ein Mensch war, der genauso ein Denkmal verdient hätte wie der Graf von Götzen. Denn was er hier in Ruanda geleistet hat und sein behutsamer Umgang mit dem König Musinga zeichneten ihn als intelligenten und hervorragenden Menschen aus“, sagt Sett. „Kandt war derjenige, der praktisch Ruandas Tür aufmachte, gegenüber Deutschland, gegenüber der Welt.“ Und wie er da so steht, in seiner Safari-Kleidung, und von den Verdiensten des Urbesitzers schwärmt, wird man den Gedanken nicht los, Manfred Sett erlebe hier sein eigenes postkoloniales „Deutsch-Ostafrika“. Auf die Anmerkung, dass sein Haus regelrecht wie ein Museum wirke, antwortet er: „Sehen denn nicht alle Wohnzimmer großer Männer wie Museen aus?“

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges zog sich die deutsche Verwaltung aus „Deutsch-Ostafrika“ zurück. Kandt – zu dessen engen Freunden der Arzt und Begründer der Homosexuellenbewegung Magnus Hirschfeld zählt – wurde als Stabsarzt eingezogen und erlag 50-jährig einer Gasvergiftung, die er im Krieg erlitten hatte. Nach 1916, dem Ende der deutschen Kolonialzeit, geriet er hierzulande in Vergessenheit. Erst 1962 wies ein Journalist wieder auf die Bedeutung des Forschers hin – und bewirkte, dass Kandt mit einem Grabstein auf dem Nürnberger Johannisfriedhof gedacht wird.

Der Wille zur Selbstkritik

Richard Kandt prägte die deutsche Kolonialgeschichte auf markante Weise. Bemerkenswert ist vor allem seine Fähigkeit zur Selbstkritik. Er hinterfragte seinen Umgang mit den Einheimischen und sprach sich offen gegen ungerechte koloniale Praktiken aus. Dem damaligen Völkerkundemuseum (heute: Ethnologisches Museum) in Berlin ließ er regelmäßig Objekte zukommen; was er dem Museumsdirektor 1897 schrieb, betont seinen kritischen Geist: „Überhaupt ist es schwer, einen Gegenstand zu erhalten, ohne zum Mindesten etwas Gewalt anzuwenden. Ich glaube, dass die Hälfte Ihres Museums gestohlen ist.“

Im „Bergfrieden“ scheinen solche Sorgen heute weit entfernt. Aus seinem kleinen „Museum“ will Manfred Sett keine touristische Attraktion machen. Jährlich bekomme er höchstens zweimal Besuch von interessierten Reisenden. Fühlt er sich auf dem großen Gelände nicht hin und wieder einsam? „Nein“, sagt Sett und schüttelt energisch seinen Kopf. Auch wenn er gegen ein wenig Gesellschaft offenkundig nichts einzuwenden hat. Irgendwann müssen wir wieder zum Auto. Diesmal ohne den ehemaligen Bürgermeister von Shangi. Ihn hat Manfred Sett auf ein Bier eingeladen.

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06:00 16.11.2016

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