Rasante Schussfahrt ins Wellental

Informationstechnologie Ein »reifer« Sektor mit gebremstem Wachstum

Seit der Wachstumsmotor Informationstechnologie (IT) zum Konjunkturbrecher geworden ist, bleibt auch der Arbeitsmarkt der New Economy nicht länger verschont. Ein häufig zitiertes Beispiel ist der Münchner Halbleiterkonzern Infineon Technologies, der inzwischen nicht ausschließt, mehr als die ursprünglich angekündigten 5.000 Stellen zu streichen. Der Bauelementehersteller EPCOS hat seit März bereits 1.500 Kündigungen verteilt - gar nicht zu reden von vielen kleinen Firmen, die von Insolvenzsorgen gebeutelt sind. Doch die Malaise bleibt nicht branchenintern - der IT-Krisenvirus ist in der gesamten Volkswirtschaft unterwegs.

Es gibt einige Besonderheiten beim gegenwärtigen Einbruch im Technologiesektor - egal, ob es sich dabei um eine eher kurzlebige Konjunkturdelle handeln mag oder ob die Vorboten einer allgemeinen Rezession zu beobachten sind. Das Neue besteht in Ausmaß und Tempo des jähen Abschwungs, aber ebenso in den Konsequenzen, die Konjunkturschnitte im Technologiesektor für die Volkswirtschaften insgesamt in den kapitalistischen Metropolen haben. Darin zeigen sich sowohl Eigenheiten der Informationstechnologie wie auch deren Verflechtungen mit anderen Wirtschaftszweigen.

Schon das Beispiel der Halbleiterindustrie lässt keinen Zweifel: Der Absturz kam plötzlich - buchstäblich von einem Tag auf den anderen. Die frühere Siemens-/Matsushita-Tochter EPCOS erfuhr binnen Wochenfrist einen Totalstopp bei der Nachfrage nach Bauelementen für Mobilfunk-Handys und hat jetzt Kurzarbeit und Entlassungen angekündigt, nachdem bis dahin Überstunden und Sonderschichten für die gleichen Produkte angesetzt waren. Ein vergleichbares Desaster trifft den Siemens-Geschäftsbereich, der Bestückungsautomaten - Maschinen für die Assemblierung von Flachbaugruppen für PC, Laptops und Handys - herstellt. Nach Einstellungen und Extraschichten, um den Auftragsbestand abzuarbeiten, wurden von einem Tag auf den anderen Großaufträge storniert.

Hoffnungsschimmer bleiben -vom Internet zum Evernet

Schon einmal - im Jahre 1985 - gab es eine Krise im Technologiemarkt, die seinerzeit vor allem die PC-Hersteller heimsuchte, weil die IT-Ausgaben der Firmen zusammengestrichen wurden: statt jährlich 15 stiegen die nur noch um 7 Prozent. Das verbannte damals viele Unternehmen vom Markt, wobei diese Bereinigung auch die Halbleiterbranche erfasste: Die japanischen Elektronikkonzerne drängten damals die Chip-Hersteller Intel, TI und Motorola vollständig aus dem einst profitablen Geschäft mit Speicherbausteinen.

Diesmal jedoch sieht sich alles getroffen, was mit IT, Telekommunikation und Internet zusammenhängt, nicht nur die Hersteller - auch die Käufer von HighTech wie die Dotcoms, Netzbetreiber, auch der Finanzsektor, vor allem die Direktbanken. Was sich entlädt, ist mehr als die übliche Überproduktionskrise, die regelmäßig den Boomzeiten folgt.

In den vergangenen Jahren musste jede Firma möglichst viel für Technologie ausgeben: die Start Ups, um überhaupt auf den Markt zu kommen und ihn zu besetzen; die etablierten Konzerne, die sich plötzlich von agilen Newcomern mit neuen Geschäftsmodellen aus der Internet-Ökonomie bedrängt sahen. Kurzfristig galt nicht mehr Größe als Überlebensgarantie, Schnelligkeit war gefragt. Kapital gab es sowieso im Sonderangebot. Also wurde in Technologie investiert, der Return on Investment schien garantiert beziehungsweise - es wurde nicht danach gefragt.

Nun beschäftigt jede Firma, jeden Geldgeber: Was verheißen weitere Investitionen in Informationstechnologie? Internet, Jahr-2000-Problem, Business Re-Engineering, Data Warehouse - alles ist erledigt. Manager des US-Konzerns 3M erklären heute, dass ihre IT-Investitionen natürlich weiter wachsen, aber deutlich langsamer als die Umsätze. Bislang war die Relation umgekehrt. Kurzfristig jedenfalls sind keine IT-Produkte, keine neuen Dienstleistungen auszumachen, denen der Technologiesektor eine Belebung verdanken könnte. Neue Windows-Versionen, die bisher stets neue Investitionszyklen angetrieben hatten, verleiten nicht mehr zu Neu-Installationen. Als Maßstab dieses Trends kann die PC-Industrie gelten: Die konnte zuletzt 130 Millionen Stück pro Jahr zu Preisen von 1.000 Dollar aufwärts verkaufen und wuchs als Branche jährlich im Durchschnitt um 12 bis 20 Prozent - doch derzeit ist der Markt gesättigt. Und gemessen an den bisherigen PC-Stückzahlen erscheint der Zuwachs bei Produktsegmenten wie Handhelds oder PDAs (Mini-Computer - der Verf.) winzig und kann den Technologiesektor kaum aus der Krise retten. Es hat 15 Jahre gedauert, bis die Kombination aus PC und Intranet/Internet alle Firmen, alle Büros, alle Fabrikhallen erreicht hat. Diese Entwicklung ist jetzt weitgehend abgeschlossen, der PC-Markt ein »reifer« Sektor mit gebremstem Wachstum. Jetzt setzt die Branche auf »the next big thing«. Aber ob die Visionen vom mobilen Internet oder vom »Evernet« - einem Netz, in dem immer alle Nutzer online sind - überhaupt und schon in den nächsten Jahren Realität und vor allem Geschäft werden, ist doch sehr fraglich.

Der Konjunkturmotor stottert - die Gesamtwirtschaft verliert an Fahrt

Der Technologie-Sektor ist trotz des enormen Wachstums vergangener Jahre, trotz des öffentlichen Interesses, trotz des Börsenspektakels nach wie vor klein im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft. Im Vergleich etwa zur Automobilindustrie erscheinen die IT- und Internet-Branche wie auch die meisten Firmen dieser Spezies tatsächlich winzig. Die viel publizierten Entlassungszahlen der Dotcoms sind absolut geringfügig im Verhältnis zum Personalabbau anderer Branchen. Sogar in den USA machen Geschäfts- und Privatausgaben für IT- und Telekom-Produkte und -Dienste derzeit nur sieben Prozent des Bruttosozialprodukts aus.

Aber der Technologiesektor hat in den USA in den letzten fünf Jahren ein Drittel und 2000 sogar 40 Prozent zum gesamten Wirtschaftswachstum beigetragen. Ohne den Technologiesektor hätte das Wachstumsplus in den USA im Vorjahr nur 1,5 Prozent betragen. Die HighTech-Industrie war nach Ansicht vieler Ökonomen für den Produktivitätsanstieg der vergangenen Jahre in den USA verantwortlich, der ein insgesamt höheres Wachstum und mehr Beschäftigung bei gleichzeitig niedriger Inflation brachte. Der Technologiesektor ist inzwischen für das Schicksal der Gesamtwirtschaft bestimmend, zumindest in den USA. Dort stieg 2000 die Industrieproduktion um 5,6 Prozent - aber, bereinigt um den Technologiesektor, stagnierte sie. Auch historisch waren es immer neue Technologien, deren Konjunktur das Geschick der Gesamtwirtschaft bestimmte: In den zwanziger Jahren verdreifachte sich die Autoproduktion, während der Weltwirtschaftskrise 1929 ein Einbruch des Automarktes voraus ging. Ein ähnliches Bild ergibt die Untersuchung der Eisenbahnkrisen im 19. Jahrhundert, die jeweils die Gesamtwirtschaft mit in den Abwärtssog rissen.

Keine Frage also: Die Ökonomie wird langfristig von der Informationstechnologie angetrieben, die Produktion und Zirkulation effizienter macht, den Kapitalumschlag beschleunigt, die toten Kosten der Produktion senkt. Die von der Informationstechnologie angestoßenen technologischen Umwälzungen waren der Turbo für den US-Wirtschaftsboom eines Jahrzehnts. Sie haben für einen gewaltigen Akkumulationsschub der US-Konzerne gesorgt, sie trugen dazu bei, dass die Profitrate wieder steigen konnte, weil das Eindringen der Mikroelektronik in jeden Wirtschaftssektor den Aufwand für den Kapitaleinsatz relativ gesenkt hat. Die Informationstechnologie hat zusammen mit den relativ niedrigen Kosten der Kapitalbeschaffung schließlich auch bewirkt, dass zahllose neue Firmen entstanden sind: Wenn ein paar Rechner fürs Geschäft nicht mehr Millionen kosten, sondern pro Server von der Stange nur ein paar tausend Dollar, ist die Eintrittsschwelle für einen Debütanten am Markt relativ niedrig.

Doch weil sich das alles so gefügt hat, sind die unmittelbaren Konsequenzen eines stark kriselnden Technologiesektors für die Gesamtwirtschaft dramatisch, weil sich nun alles umkehrt, der Motor des Wachstums wird zum Bremsschuh. US-Ökonomen sprechen in diesem Kontext vom Greenspan-Dilemma, denn US-Notenbankpräsident Alan Greenspan müsste eigentlich die Zinsen weiter senken, um einer Rezession entgegen zu wirken. Aber die USA verzeichnen bereits eine Inflationsrate von 4,4 Prozent für die ersten beide Quartale 2001; bereinigt um die schwankenden Nahrungsmittel- und Energiepreise beträgt der Preisanstieg immerhin 3,1 Prozent. Eine der Ursachen dafür ist der Umstand, dass die Krise des Technologiesektors das Produktivitätswachstum dämpft. In den Vorjahren hatte gerade dieser Faktor - zusammen mit der Schwäche der Gewerkschaften - die Inflation trotz boomender Wirtschaft und reger Kreditnachfrage in Grenzen gehalten.

Wolfgang Müller hat als Softwareentwickler und Trainer in US-IT-Konzernen gearbeitet. Seit 1999 ist er bei der IG Metall zuständig für Siemens und die IT-Branche.

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00:00 10.08.2001

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