Rasenmähen

Alltag II Ich sehe mir diesen Rasen immer um dieselbe Uhrzeit an. 16 Uhr 52. Manchmal ist es auch 16 Uhr 54 oder 16 Uhr 48, aber es sind immer plusminus fünf ...

Ich sehe mir diesen Rasen immer um dieselbe Uhrzeit an. 16 Uhr 52. Manchmal ist es auch 16 Uhr 54 oder 16 Uhr 48, aber es sind immer plusminus fünf Minuten. Ohne dass ich es bewusst wollte, ist das Betrachten des Rasens seit einem knappen Jahr zu einem Ritual geworden. Der Garten, in dem sich der Rasen befindet, liegt auf meinem Nachhauseweg von der Bushaltestelle. Allerdings nur, wenn ich einen kleinen Umweg mache. Und das tue ich, wenn ich das Gefühl habe, es täte meinen Augen gut, am Nachmittag dieses Stück Rasen zu betrachten. Heute ist so ein Tag.

Aber es ist etwas anders als sonst: Der Rasen ist nicht gemäht. Bestimmt seit sechs Wochen nicht. Nur das Stück um den Kirschbaum herum ist gemäht. Es ist das Stück, das am schwierigsten zu schneiden ist, weil hier der Untergrund wegen der Wurzeln des Baums uneben ist. Trotzdem sieht es so sorgfältig gepflegt aus wie das Grün einer Golfanlage. Was hat das zu bedeuten? Wer wohnt überhaupt in dem Haus, das zu diesem Garten gehört? Mir fällt auf, dass ich noch nie jemanden auf diesem Grundstück den Rasen habe mähen sehen. Bisher ist das immer in meiner Abwesenheit geschehen.

Einige Male habe ich eine alte Frau gesehen, die auf dem Rasen spazieren ging. Aber sie ist zu alt, um den Rasen zu mähen. Einmal habe ich einen jungen Mann gesehen, der die Kirschen vom Baum pflückte. Vielleicht sind sie Mutter und Sohn. Vielleicht ist es ein Nachbar, der ihr hilft. Plötzlich sehe ich, dass vom Kirschbaum weg eine schmale Rasenmäherspur zum Haus führt. Ah!, denke ich, als habe ich die Antwort gefunden, merke aber nach kurzem Nachdenken, dass mich die Entdeckung nicht weiterbringt. Ich starre also weiter auf den Rasen, den Kirschbaum und den Pfad zum Haus, ich könnte noch Stunden hier stehen und bliebe so schlau wie zuvor. Schließlich gebe ich mir einen Ruck, öffne die Gartenpforte und gehe über die ausgelegten Platten zum Haus, nehme die drei Stufen zur Tür und drücke auf den Klingelknopf. Und warte.

Aus dem Inneren des Hauses sind Geräusche zu hören. Jemand nähert sich der Tür. Dann wird sie geöffnet, und ich blicke in einen leeren Flur.

"Hallo", sagt eine Stimme von unten, und erst da sehe ich, dass jemand vor mir steht. Es ist ein kleines Mädchen. Es ist höchstens vier Jahre alt. Ich muss in die Knie gehen, damit wir auf Augenhöhe sind. "Hallo", sage ich in dieser für mich etwas unbequemen Haltung.

"Kommen Sie wegen des Rasens?", fragt sie.

"Ja", gebe ich erstaunt zurück und denke: Woher weiß sie das? Sie geht zu einer Kommode, zieht eine Schublade auf und holt einen Schlüssel heraus, der an einer silbernen Kette hängt. "Der ist für den Schuppen hinter dem Haus", sagt sie. "Da steht der Rasenmäher." Sie überlegt kurz. "Wahrscheinlich müssen Sie ein wenig Benzin nachfüllen. Der Kanister steht gleich rechts auf dem obersten Bord." Sie lässt den Schlüssel in meine Hand gleiten. "Klingeln Sie einfach wieder, wenn Sie fertig sind." Sie schließt die Tür und lässt mich verdutzt und immer noch in der Hocke auf der Eingangstreppe zurück. Ich betrachte den Schlüssel in meiner Hand.

Langsam richte ich mich auf, unschlüssig. Ich blicke zum Garten hinüber und zu der Stelle, von der ich sonst den Rasen betrachte. Es ist ein ungewohntes Gefühl, auf dieser Seite des Zauns zu sein. Dann spüre ich, wie in mir eine Lust aufsteigt. Ich bleibe noch eine Minute stehen, bis ich mir sicher bin, dass es tatsächlich das ist, was ich will. Einen fremden Rasen mähen.

Der Rasenmäher springt beim ersten Startversuch an und lässt sich leichter schieben, als ich gedacht habe. Schon nach kurzer Zeit hängt der Duft von frischgeschnittenem Gras in der Luft. Ich öffne den Mund und nehme einen kräftigen Lungenzug. Ich mähe langsam und bedächtig, ich mähe systematisch von außen nach innen. Als ich in die Nähe des Kirschbaums komme, frage ich mich wieder, wer und aus welchen Gründen hier gemäht hat und finde mich allmählich damit ab, dass ich es wohl nicht erfahren werde.

Nachdem ich fertig bin und den Rasenmäher wieder im Schuppen verstaut habe, gehe ich zurück zum Haus. Diesmal öffnet die alte Frau, die ich schon ein paar Mal im Garten gesehen habe.

"Guten Tag", sagt sie.

"Guten Tag", sage ich.

Von Nahem wirkt sie noch älter.

"Ich kenne Sie aus dem Fernsehen."

"Sie müssen mich verwechseln. Ich habe Ihren Rasen gemäht", sage ich und zeige mit der Hand hinter mich auf den Rasen.

Ich hänge ihr den Schlüsselbund wie eine Goldmedaille um den Hals und deute eine leichte Verbeugung an. Sie lächelt und sieht wie eine Olympiasiegerin aus.

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00:00 09.05.2008

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