Rassismus geht viral

Corona-Virus In deutschen Notaufnahmen grassiert die Angst vor dem Fremden. Lesen Sie hier den Erfahrungsbericht einer Ärztin
Rassismus geht viral
Ja, was hat er denn? Lungenentzündung? Herzinfarkt? Oder war er gar: asiatisch essen?!

Montage: der Freitag; Material: iStock

Bei der Arbeit in der Notaufnahme kann es schnell passieren, dass die Stimmung kippt. Dann kommen mehrere Rettungswagen mit kritisch Kranken hintereinander. Alle Liegeplätze sind belegt, der Flur steht voller Tragen, Überwachungsmonitore und Alarme bimmeln, alle laufen fast gegeneinander, Ärztinnen und Pfleger, und irgendwo auf dem Gang ruft pausenlos ein Demenzpatient nach jemandem, der nicht mehr kommen kann.

In etwa solch einer Situation stellte sich neulich also ein Patient vor, der am Vorabend in einem japanischen Restaurant essen war und nun Husten habe. Er wolle sich auf das Coronavirus checken lassen, bei japanischen Restaurants wisse man ja nie. Am nächsten Tag kommt ein anderer, der ebenfalls von Husten berichtet, er habe zwar keinen Kontakt mit Chinesen gehabt, aber die Frau seines besten Kumpels komme aus der Ukraine, und die sei häufig bei ihm zu Besuch und – genau, da wisse man ja nie.

Eine Hausärztin schickt eine Patientin mit ihrem Ehemann aus der brandenburgischen Provinz auf eine zweistündige Autofahrt zu uns, da diese zuvor in Thailand war und dort einen Tag Fieber hatte. In Thailand. Ich rief die Hausärztin an, die sich mit den Worten verteidigte: „In Thailand gibt es auch viele Chinesen.“

Ein paar Tage später stürmt eine Menge aus dem Wartezimmer aufgebracht in die Anmeldung und fordert Atemschutzmasken: „Sie bringen uns alle in Gefahr!“ Was war passiert? Eine Frau, von den anderen als chinesisch eingeordnet, hatte sich ins Wartezimmer gewagt – und gehustet.

Dann gab es da noch die chinesische Studentin, die von ihrer Wohngemeinschaft zu uns geschickt wurde, weil ihre Mitbewohner Angst vor Corona hatten. Die Frau war ein Jahr lang nicht in China gewesen.

Diese Form von Corona-Rassismus gipfelte in unserer Notaufnahme schließlich in der Weigerung von Patienten, sich von einem Kollegen mit vietnamesischen Wurzeln behandeln zu lassen. Sie wollten sich ja nicht bei ihm „anstecken“.

Die Pausen nutzte ich in den vergangenen Tagen oft, um auf Twitter die neuesten Nachrichten zum Coronavirus zu lesen. Ende Januar trendete das Virus in Deutschland noch unter mutiertem Namen, dem #CoronarVirus. Auch die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit twitterte: Corona-Verdachtspatientinnen sollten sich sofort in einer Notaufnahme melden.

Ein Bus voller Chinesinnen

Dass die Arbeit in der Notaufnahme relativ stressig ist, darüber wurde in der vergangenen Zeit viel diskutiert. Auch dass wir viele Patienten „behandeln“ müssen, die lediglich mit Bagatellerkrankungen kommen, ist bekannt. Ich bin es gewohnt, einen halben Arbeitstag lang nur mit Patienten in Kontakt zu treten, die ich sofort wieder nach Hause schicke. „Sofort“ heißt in der Notaufnahme immer mindestens: Gespräch, körperliche Untersuchung, Blutentnahme und Dokumentation. Eventuell zusätzlich EKG, Röntgen, Vorstellung bei Kolleginnen anderer Fachrichtungen. Dabei muss man konzentriert sein und genau hinschauen, denn meine Aufgabe ist es, unter den vielen, die eigentlich gesund sind, diejenigen herauszufischen, die ein ernsthaftes medizinisches Problem haben. Das ist nicht immer einfach: Hat die Patientin, die wegen stärkster Unterbauchschmerzen mit der Feuerwehr kommt, nur Menstruationsbeschwerden? Oder doch eine akute Blinddarmentzündung? Und hat der Mann mit Brustschmerzen auf der linken Seite einen Herzinfarkt oder einfach nur viel Stress?

Einen Ansturm von Menschen mit Husten, die sich vor Corona fürchten, das könnte die Notaufnahme nicht bewältigen. Die Auswirkungen des Aufrufs spürten wir sofort: Es kamen gleich die ersten Besorgten, die wir im Schnellverfahren in der Anmeldung befragen mussten, um zu entscheiden, ob er oder sie wirklich einen Verdachtsfall darstellt. Dabei halten wir uns an die Falldefinition des Robert-Koch-Instituts: Nur Patientinnen mit Atembeschwerden, unabhängig von deren Schwere und Kontakt mit einem bestätigten Fall von Corona, oder Personen mit erfülltem klinischen Bild und Aufenthalt in einem Risikogebiet werden als Verdachtsfälle behandelt.

Bislang ist mir niemand begegnet, auf die oder den diese Kriterien zutreffen.

Derweil wird die zentrale, öffentlich zugängliche Nummer der Rettungsstelle regelmäßig mit Corona-Anfragen bombardiert, etwa: Ein in der Nähe gelegenes Hotel fragt an, ob sie einen Bus mit einer chinesischen Reisegruppe vom Flughafen erst zu uns schicken könnten, um sie „durchchecken“ zu lassen. Bei jedem solchen Anruf wird ein Mitarbeiter kurz aus dem eigentlichen Geschehen herausgerissen: dem Kümmern um Notfälle.

Immerhin haben die Behörden inzwischen besser reagiert: Die Senatsverwaltung löschte den Tweet und richtete ein Bürgertelefon ein, das Fragen rund um das Coronavirus beantwortet. Auf Twitter ist jedem Corona-Hashtag eine Anzeige der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vorangestellt, die häufige Fragen rund um das Thema behandelt.

Dennoch stellt sich mir als Ärztin die Frage, woher diese Corona-Aufregung rührt. Anfang Februar ist weltweit eine Zahl im fünfstelligen Bereich vom Virus befallen, mehrere Hundert Menschen sind an der Infektion gestorben. Diese Zahlen vermitteln Objektivität: Objektiv sterben am Coronavirus Menschen, und das verängstigt. Gleichzeitig sind laut Robert-Koch-Institut alleine in Deutschland im Winter 2017/2018 etwa 25.000 Menschen an der Grippe verstorben. Und doch scheint für die meisten Menschen gefühlt keine besonders hohe Gefahr von Influenza auszugehen.

Neue Verschwörungstheorien

Ein anderes Rechenbeispiel. In China leben rund 1,3 Milliarden Menschen. Ich frage mich, wie viele dieser Menschen wohl eine Leiter besitzen. Nehmen wir mal eine durchschnittliche Anzahl von 0,1 Leitern pro Kopf an. Das macht geschätzte 130 Millionen Leitern in dem Land. Wenn davon auch nur ein Prozent am Tag genutzt würden, dann stiegen in China täglich über eine Million auf eine Leiter. Und nehmen wir hier eine frei erfundene tödliche Leitersturzrate von 0,01 Prozent an, würden täglich 100 Menschen in China durch einen Leitersturz sterben. 700 pro Woche.

Das ist natürlich Humbug, aber was vielen Menschen derzeit nicht klar zu sein scheint: Menschen werden krank, und sie sterben, auch wenn darüber meist nicht berichtet wird. Die größere Gefahr, die von Corona derzeit in Deutschland ausgeht, scheint mir eine andere: Das Schüren von Rassismus. Ein unbekanntes Virus, aus China stammend, von Chinesinnen und Chinesen übertragen, das keine Grenzen respektiert und in unsere schutzlosen Körper eindringt: der Albtraum rechter Verschwörungstheoretiker. Für asiatisch gelesene Menschen in Deutschland ist der Corona-Rassismus der weitaus größere Albtraum.

Und für uns Ärztinnen ist es ein Alarmzeichen. Am Wochenende kam ein Patient zu uns und erzählte, dass er in Shanghai war und seine dortige Arbeitskollegin nun mit einer Atemwegserkrankung flachliege – ob es Corona sei, könne er nicht sagen. Auf die Frage, was denn seine Symptome seien, antwortete er: keine. Was ist mit einer Gesellschaft los, in der Leute auf die Idee kommen, in die Notaufnahme zu gehen, obwohl sie keine Beschwerden haben?

Die Autorin arbeitet in einer Berliner Notaufnahme. Ihr Name wurde geändert

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11:50 05.02.2020

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