Rassismus ist der Schlüssel

USA Das Undenkbare ist doch Wirklichkeit geworden. Ein reaktionärer Demagoge zieht ins Weiße Haus ein. Sein Erfolg ist kein Zufall
Konrad Ege | Ausgabe 45/2016 5
Rassismus ist der Schlüssel
Macho, Businessman, Kandidat und nun auch noch Präsident: Donald Trump
Foto: Timothy A. Clary/AFP/Getty Images

Nervös war man während des Wahlkampfes, doch in der Mitte und links von der Mitte glaubten viele Amerikaner oder wollten glauben, dass ein Kandidat wie der reaktionäre Demagoge Donald Trump in den USA keine Chance hat. Jetzt ist es doch passiert. Der Ausgang der Präsidentschaftswahl ist ein Schock, aber fast noch überraschender ist die Eindeutigkeit des Ergebnisses. Trump hat fast alle wichtigen Swing States gewonnen. Nach dem Amtsantritt im Januar wird der neue Präsident mit Hilfe einer Partei regieren, die sich weit nach rechts gewandt hat in den vergangenen Jahren. Die USA haben plötzlich ein ganz anderes Gesicht. Die gesellschaftliche Kluft wird sich vertiefen.

Keine Frage, bei diesen Wahlen ging es um Grundsätzliches, um Identität – um die Frage, wer alles dazugehören darf in Amerika, jetzt, da viele Angehörige vor allem der weißen Mittelschicht von Abstiegsängsten geplagt sind und meinen, der Kuchen werde kleiner. Es ging um Hautfarbe, Einwanderung und Gender. Und das im Kontext von Globalisierung und wachsender sozialer Ungleichheit. Heute machen viele die Erfahrung, dass der amerikanische Traum vom Eigenheim und bezahltem Urlaub nur ein kurzes Kapitel war in der US-Geschichte.

Wahlkampfreporter wurden nicht müde, in rostenden Industrieorten zwischen Ohio und Wisconsin den Einwohnern das Mikro hinzuhalten: Viele Befragte setzten ihre Hoffnung unmissverständlich auf den Kandidaten, der das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA schreddern und Ordnung schaffen wollte in den „Ghettos“ der Einwanderer. Der es für angebracht hielt, an der Grenze zu Mexiko eine große Mauer zu bauen, und der einer für die Misere verantwortlichen Elite zeigen würde, wo’s langgeht. Rufe nach Gefängnis für Hillary Clinton gehörten bekanntermaßen zur Routine bei Trump-Wahlveranstaltungen. Welche Konsequenzen wird das nun haben?

Donald Trump hat den Hass auf Andersdenkende und die Verachtung ethnischer Minderheiten nicht nur hoffähig, sondern zu einem entscheidenden Vehikel seines Triumphes gemacht. Wenn man in den USA Menschen lateinamerikanischer Herkunft als „Vergewaltiger und Drogenschmuggler“ verleumden darf, um zur höchsten politischen Instanz des Landes aufzusteigen, dann läuft diese Instanz Gefahr, irreversibel beschädigt zu werden. Die Soziologin Arlie Hochschild hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Strangers in Their Own Land: Anger and Mourning on the American Right (Fremde in ihrem eigenen Land: Zorn und Trauer bei der amerikanischen Rechten), in dem Trump-Wähler in Louisiana zu Wort kommen, dem ärmsten US-Staat. Doch Louisianas Weiße, die gut 60 Prozent der Einwohner ausmachen, stimmen verlässlich republikanisch und misstrauen Regierungsvorschriften wie -programmen.

Idealisierte 50er Jahre

Einer der von Arlie Hochschild Porträtierten ist Mike Schaff aus Bayou Corne. Als fünfter Sohn eines Klempners habe er hart gekämpft, „um aus dieser Welt herauszuklettern“, er hat ein Jahresgehalt von 70.000 Dollar als Arbeiter bei einem Unternehmen, das Bohrinseln herstellt. Doch die guten Zeiten blieben nicht. An der „Tür zur Mittelklasse“, meinte er, habe man ihm „eine Ohrfeige verpasst“, sagt Mike Schaff. Viele ihrer Interviewpartner, so Hochschild, hätten sich beschwert, dass „andere sich vorgedrängt“ hätten. Die Regierung in Washington nehme Arbeitern das Geld weg, um Nichtsnutze zu unterstützen. Aus dieser Sicht stehen die Eliten auf Seiten der Bürgerrechtsbewegung, der Frauenbewegung, der sexuellen Minoritäten, der Einwanderer und Flüchtlinge. Sie handelten so in einer Zeit, in der die Mittelklasse und die Arbeiter den Boden unter den Füßen verlieren würden.

Viele Bürger mit diesen Ansichten sind weiß. Arlie Hochschild vermeidet den Begriff Rassismus, kommt aber zum Schluss: Race ist ein essenzieller Teil dieser Geschichte.“ Wie unterschiedlich Amerikaner ihre Realität wahrnehmen, zeigte sich in einer Erhebung des Public Religion Research Institute zu der Frage, ob die „amerikanische Kultur“ und der „Way of Life“ seit den 50er Jahren besser geworden seien. 65 Prozent der weißen Arbeiterschicht, 74 Prozent der weißen Evangelikalen und 56 Prozent der Weißen insgesamt anworteten mit Nein. Positive Veränderungen vermerkten hingegen Afroamerikaner (62 Prozent), Latinos (57 Prozent) und Weiße mit College-Abschluss (56 Prozent). Ältere Menschen äußerten sich mehrheitlich negativ, jüngere positiv. Was fasziniert an den 50er Jahren? Dass die Wirtschaft boomte, Schwarze vielerorts nicht wählen durften, es keine Frauen in Leitungspositionen gab, Schwule überwacht und verfolgt wurden, Abtreibung illegal war?

Diese Studie deutete an, wer am 8. November für Donald Trump und wer für Hillary Clinton stimmen würde. In der New York Times wurde Trump einmal gefragt, was denn Amerikas beste Zeiten gewesen seien. „Ende der 40er und die 50er“, so die Antwort. „Man hat uns nicht herumgeschubst. Wir wurden von allen respektiert, wir hatten gerade einen Krieg gewonnen, und konnten so ziemlich tun, was wir tun wollten.“

Die Mehrheit der Babys, die heute in den USA zur Welt kommen, sind nicht weiß. Der ökonomische Wandel geht einher mit dem demografischen. Im Magazin Atlantic hat ein Artikel auf den Punkt gebracht, wie Donald Trump „seine“ Weißen anspricht: Es komme auf das kleine Wort „wir“ an. Trump operiere gern damit: „Wir“ würden Amerika zu seiner alten Größe führen. „Wir“ würden Jobs zurückholen, die China gestohlen hat. Und „wir“ würden auch etwas für die Menschen in den „Ghettos“ tun. Es ist das weiße Wir. Der „normale“ Amerikaner ist in Trumps Welt weißer Hautfarbe.

Vor Jahrzehnten noch war die Demokratische Partei die Partei der Arbeiterschicht. Am Wahltag hat sich freilich gezeigt, dass dies nur noch halb zutrifft. Ein beträchtlicher Teil der weißen Arbeiterklasse ist weggebrochen. Clinton hatte deshalb viel vor, um Einkommen, Infrastruktur und Bildung zu verbessern. Doch sprachen die Demokraten nicht für die Arbeiter, sondern boten Wege an, um aus der Arbeiterklasse hinauszukommen. In den 90er Jahren konnte die weiße Arbeiterschicht noch ein emotionales Zuhause finden beim progressiven Rocker Bruce Springsteen. „Ich habe euch reich gemacht, so reich, dass ihr meinen Namen vergesst“, klagt einer seiner Songs.

Clinton wusste, welche Abgründe drohten. „Wenn wir uns Fehler leisten, wird das, was wir jetzt bei Donald Trump sehen, nur der Anfang sein“, sagte Clinton wenige Wochen vor der Wahl. „Wenn Leute das Gefühl haben, dass ihre Regierung sie verraten hat, und dass die Wirtschaft nicht für sie funktioniert, sind sie reif für populistische, nationalistische Lockrufe, wie wir sie jetzt von Trump hören.“ Genau das ist eingetreten. Für die Kandidatin der Demokraten hat am 8. November das bunte Amerika gestimmt, überproportional viele Latinos und Schwarze, Menschen asiatischer Abstammung, LGBT-Amerikaner, junge Leute, Menschen außerhalb traditioneller religiöser Strukturen, Bewohner von Großstädten. Urbane Typen, zu Hause in der digitalen Welt. Gebildete Menschen, viele Frauen, für die der Macho schlicht und einfach unwählbar blieb. Für Trump entschieden sich der weiße Mittelbau, eine Mehrheit der Arbeiter, die Staaten im Mittleren Westen. Und er profitierte mehr als erwartet von den Antipathien gegen Clinton, die auf die 90er Jahre zurückgehen, als Hillary Teil „der Clintons“ war, die 1993 ins Weiße Haus einzogen nach zwölf republikanischen Jahren, aber weiter auf ihre Wall-Street-Kontakte bedacht waren.

So meint Susan Faludi, eine Autorin, die bevorzugt zu Männlichkeit und Feminismus schreibt: Für die Linke heute gelte Clintonismus als Politik der überzogenen Kompromissbereitschaft und des machtorientierten Kalküls. Für die Republikaner dagegen waren Bill und Hillary Emporkömmlinge, die den großen Ronald Reagan vom Sockel stoßen wollten. Die First Lady machte Politik. Also wurde mit Vehemenz und Energie die Mitte der 90er Jahre von Hillary Clinton entworfene Gesundheitsreform torpediert – die viel weitreichender gewesen wäre als die Barack Obamas.

Furcht bei den Unterlegenen

Es war in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die besondere Fähigkeit der politischen Elite in den Vereinigten Staaten, sich zu behaupten, doch immer wieder flexibel zu sein, um Reformen zu „erlauben“, sich Umständen und Begehren anzupassen. Wenn auch mit vielen wüsten Episoden zwischendurch, mit Repression und Überwachung. Der Kalte Krieg und der Antikommunismus hielten das gesellschaftliche Gebilde zusammen.

Das ist vorbei. Der wirtschaftliche Graben vertieft sich, und so wachsen die Spannungen in der Gesellschaft. Viele ziehen sich zurück in ihre eigenen Welten. Man müsste ganz schön suchen um Amerikaner zu finden, die in ihrem Freundeskreis sowohl Trump- als auch Clinton-Anhänger haben. Laut einer kürzlichen Untersuchung beherrscht die Trennung sogar die Kirche. 83 Prozent der Trump-Wähler erklärten, die meisten in ihrer Gemeinde seien für Trump. 78 Prozent der Clinton-Wähler beteten mit anderen Clinton-Wählern. Und jeder „Stamm“ hat seine eigenen Medien, eigenen Netzwerke und eigenen Wahrheiten.

Und wie soll nun unter diesen Umständen regiert werden? Ob Trump seine Rhetorik umsetzt, was der Sieg unter seinen Anhängern auslöst, das weiß man nicht. Bei dem Unterlegenen herrscht Verachtung für den kommenden Präsidenten, gemischt mit Furcht. Die Welt von gestern gibt es nicht mehr.

06:00 07.12.2016

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