Eva Erdmann
Ausgabe 1617 | 28.04.2017 | 06:00 1

Rastafarianismus

Reggae Marlon James erhielt für sein vielstimmiges, großartiges Sittengemälde als erster Jamaikaner den Man Booker Prize

Rastafarianismus

Der Mann, der postkoloniale Töne ins deutsche Wohnzimmer spülte

Foto: Keystone/Getty Images

K eine Angst vor 850 Seiten Kriminalroman, selbst wenn er sich chaotisch in Monologen ausbreitet. Eine kurze Geschichte von sieben Morden geht in knappen Kapiteln und Gedankenpassagen, mal im Kauderwelsch, mal in ganzen Sätzen langsam dahin und macht die Geschichte Jamaikas überschaubar, am besten liest man in der Hängematte, denn sie ist ein langer, warmer Ghetto-Song, auf einem gemütlichen Basso continuo, der den Reggae mimt, und bekanntlich ist diese Musik mindestens um ein Dreifaches langsamer als ihr Vorgänger, der Ska. Nicht verwunderlich, dass die erste Anweisung an den Leser lautet: Listen – Zuhören.

Aufgereiht sind auf dem Opus magnum von Marlon James, 2015 mit dem Man Booker Price ausgezeichnet, rund hundert gleichbemessene Takte, Stimmen aus allen Ecken, aus der Bronx und aus Rema, von Jugendlichen, die sich dort herauswinden, wie Bam-Bam, den Papa Lo unter seine Fittiche nimmt, von CIA-Agenten, Barry Diflorio oder William Adler, oder von Dorcas Palmer, aus dem Leiharbeiter-Büro in Miami zur Vermittlung von jungen jamaikanischen Altenpflegerinnen. Der Sound klingt über das gesamte Werk gleich: die Gewalt, das Morden, die Hautfarbe, von weiß bis schwarz und „high brown“, Ärsche und wer wird die Wahl gewinnen, die People’s National Party oder Jamaica Labour Party?

Verbindungen zu Escobar

Seit Jamaika 1962 aus der britischen Kolonialherrschaft entlassen wurde, ringen verschiedene Regierungen um eine stabile Eigenständigkeit der Insel. Zu einem dramatischen Schicksalsjahr wurde 1976, Bob Marley, der vornehmlich in Sportkleidung auftrat, ist zu dieser Zeit bereits ein Heiliger, ein durchtrainierter Früh-morgens-Schwimmer, der Konzerte in England gibt und ungekämmt den Frieden und die Liebe predigt. Er wird weltweit populär und reich, so dass er Schulen bauen kann und für die Politik unentbehrlich wird, ein Friedenskonzert soll Wahlkampf machen. Das widerspricht dem Rastafarianismus nicht, Politik und Fete sind im Reggae ein und dieselbe Sache, die Party ist das jamaikanische Savoir-vivre mitten im Kalten Krieg.

Jamaika ist international bevölkert, aber auch gefährlich. Die Amerikaner sind im Land, wie sie überall sind, sie bevorzugen Jerk Chicken statt Cheeseburgern, und auch die abgestürzten Söhne ihrer höchstrangigen Regierungskollegen sind da, allerdings für Fun oder um rasches Geld zu machen, ein Syrer schafft Waffen für die Bandenkriege in die Viertel, damit jeder seine Knarre hat, von den Verbindungen zu Escobar ernähren sich ganze Stadtteile und die Asiaten machen ihre gemächlichen Ladengeschäfte. Obendrein ist der Jamaika-man dieser Geschichte – man möchte meinen ganz Jamaika – misogyn veranlagt, die höchste Entehrung: heulen wie ein Mädchen, auch in den besseren Wohnsiedlungen sind Vergewaltigungen an der Tagesordnung, zuverlässig aber stehen die Analketten zum Transport jeglicher Waren ins Jail, durch das jeder Mann mal muss.

Dann kommt das Attentat auf den Sänger, den Unberührbaren, obwohl er sein Haus, seine Familienfestung längst verriegelt hat und bewachen lässt. Es misslingt. „Niemand kann den Tuff Gong töten.“ Es sterben andere, nicht aber die Ganja-seelige Lichtgestalt der Insel, die vermutlich kaum innig an Jamaika hing, die wahre Heimat des Rastafaris ist Äthiopien. Wer und welche Verschwörung dahintersteckte, diese Frage zieht sich hier bis in die 1990er.

Ein Roman zu Bob Marley, Gründungsvater des Feel-all-right, passt heute gut ins Bild der Wohlfühlbewegung, bereits Get up, stand up spülte früh postkoloniale Töne in die bundesrepublikanisch antifaschistischen Wohnzimmer der Bürgerrechtsbewegungen der 1970er Jahre, lange bevor sich eine Theorie dazu etablieren konnte, ähnlich wie die aktuell verwanzten Telefone als alter Hut aus Carter-Reagan-Bush-Epochen beschrieben werden. Die meisterhafte Kollektiv-Übersetzung des Romans liest sich deshalb eben doch spannend und hat etwas mit uns zu tun, auch wenn das Deutsche die Kreol-Sprachen schlicht nicht kennt und diese Sprachschichten nicht wiedergeben kann, die, Édouard Glissant hatte es für die Antillen beschrieben, eine eigene Kultur begründen und nicht in Standardsprachen übertragbar sind.

Jane Austen trifft Bob Marley

Marlon James wollte wohl weder einen Kriminalroman schreiben noch einen Thriller, es ist Jane Austen, auf die er sein jamaikanisches Historienpanorama stützt. Und doch ist es einer geworden. Zwar keine kurzatmige Unterhaltung, um eine rasche Tagesnachricht nachzuerzählen, auf diesen langen Seiten, dafür vier Jahre Schreiben, Recherchen und fünf ÜbersetzerInnen. Marlon James dokumentiert und fiktionalisiert, ausgedacht ist das Viertel Copenhagen City, anderes ist wiedererkennbar, Kingston, Montego Bay und Prime Minister Michael Manley. Eine Fortsetzung eines Ermittlerteams ist nicht zu erwarten, da es keines gibt. Es sind die Leser, welche die abgerissenen Stimmen und die Wahrheit zusammensetzen, um das Bild einer vergangenen Geschichte zu erkennen, die sich in Gewaltverbrechen aneinanderreiht.

Dass nationale Geschichtsschreibung als Krimi erzählbar ist, hatte Manuel Vazquéz Montalbán für Spanien vorgemacht, wenn auch in schmäleren Episoden. Nach ihm beginnt nun Marlon James, nach der Tragödie und nach der Farce, seine Geschichte als Krimi ein drittes Mal zu schreiben. Der Autor ist in Jamaika groß geworden und lebt als Expat in den USA. Bei den Sieben Morden handelt es sich um eine neue amerikanische Großliteratur, einen Post-Wallace oder Post-Franzen. Auch für den Krimi, der sich allmählich von lustigen Genuss- und Landgeschichten emanzipiert, handelt es sich um eine Erfolgsgeschichte.

Info

Eine kurze Geschichte von sieben Morden Marlon James Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner und Kristian Lutze (Übers.), Heyne 2017, 864 S., 27,99

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 16/17.

Kommentare (1)

vaube68 12.05.2017 | 00:24

Warum bloß diese Überschrift? Abgesehen davon, dass sich die Rastas traditionell gegen jede Art von "-ismus" aussprechen, spielt die Rasta-Bewegung bei Marlon James höchstens eine Nebenrolle. Der Rhythmus seines Buches ist weniger vom Reggae geprägt als vielmehr vom Koks, mit dem die Ghetto-Youths von Politikern, Geheimdienstlern und Mittelsmännern gefüttert werden. Mit "Hängematte" oder "gemütlichem Basso continuo" hat das mal rein gar nichts zu tun. Genausowenig "klingt der Sound über das gesamte Werk gleich". Das Bemerkenswerte an "Seven Killings" ist vielmehr, dass sich Marlon James mit unglaublicher Virtuosität und Feingefühl in die unterschiedlichsten Charaktere hineinzuversetzen vermag und dementsprechend in jedem Unterkapitel nicht nur die Perspektive, sondern auch das Register wechselt, so dass man als Leser irgendwann an den Punkt kommt zu sagen: "Das ist keine reine Fiktion mehr, sondern so könnte es tatsächlich abgelaufen sein!" Genau dafür hat James den Man-Booker-Prize erhalten - nicht für die Bedienung billiger Kiffer-Klischees, wie es uns dieser Artikel weismachen will. Und außerdem: ... war Bob Marley nicht der "Gründungsvater des Feel-Alright", da gab es vor ihm schon die Hippies und andere. Und natürlich hing er an Jamaika - und ging nur aufgrund des Attentats in ein permanentes Exil. / ... sind Vergewaltigungen in Jamaika "in den besseren Wohnsiedlungen" nicht "an der Tagesordnung", und das wird in diesem Roman auch nicht so dargestellt! / ... gibt es bei Marlon James nicht nur den einen "misogynen Jamaican man", sondern u.a. auch detaillierte Schilderungen homosexueller Action. (Marlon James ist übrigens selbst schwul, also nicht unbedingt der "typische misogyne Jamaikaner".) / Und zu guter Letzt: "Copenhagen City" ist nicht "ausgedacht", sondern ein Pseudonym für Tivoli Gardens.