Ratgeber Neurose

Short Story Die Amerikanerin Lydia Davis beobachtet den Alltag meisterhaft. Man fragt sich beim Lesen: Sind wir denn wirklich so überspannt?
Lennart Laberenz | Ausgabe 36/2014

Kürzlich schickte ich einer Freundin in den USA eine dieser typischen Lydia-Davis-Kurzgeschichten: keine erkennbare Handlung, kaum Adjektive, keine hervorstechenden Hauptwörter. Vielmehr: ein innerer Monolog einer Zugreisenden, oft eher Satzfragmente, die Gedankensplittern entsprechen. Das Ganze beginnt so: „Zu Beginn einer Bahnfahrt suchen sich die Leute einen guten Sitzplatz, und manche von ihnen sehen sich die Leute, die in der Nähe bereits ihren Sitzplatz gefunden haben, genau daraufhin an, ob sie gute Sitznachbarn abgeben werden.“

Lydia Davis ist mittlerweile einigermaßen bekannt dafür, dass sie eine eigene Dimension in dem, was in der englischsprachigen Prosa flash literature genannt wird, entwickelt hat: 2009 kamen ihre hymnisch gepriesenen The Collected Stories of Lydia Davis beim Verlag Farrar, Strauss and Giroux heraus: 30 Jahre Arbeit, 733 Seiten. Sie bekam das einträgliche MacArthur-Stipendium, erreichte die Endrunde des National Book Award, 2013 erhielt sie den Man Booker International Prize. Sie sei „eine der stillen Giganten in der Welt der amerikanischen Literatur“, urteilte einmal die Los Angeles Times.

In ihrer neuesten Sammlung Kanns nicht und wills nicht finden sich Spuren von Davis’ ebenfalls hochgelobter Nebentätigkeit: Sie übersetzte Marcel Proust, Maurice Blanchot und Gustave Flaubert. Und wenn man über ihre Erzählposition nachdenkt, kommt man rasch zu Flaubert, der meinte, der Autor müsse wie Gott im Universum „überall präsent und nirgends sichtbar“ sein. Diese Präsenz, die einen ohne große Vorreden unmittelbar in die Gedankenströme hineinzieht, hat Lydia Davis auf ihre Weise ausgebaut: als Balance zwischen Gefühl und Distanz. Vor einem steht da plötzlich eine Erzählerin, die anhebt: „Ich habe ein Problem mit meiner Ehe, nämlich, dass ich Georg Friedrich Händel einfach nicht so gerne mag wie mein Mann.“

Die Erzählerin ist oft allein und etwas neurotisch. Von hier aus geht die Geschichte im Zug so weiter: „Es wäre vielleicht hilfreich, wenn jeder von uns einen kleinen Anstecker trüge, auf dem zu lesen ist, inwiefern wir andere Passagiere wahrscheinlich oder wahrscheinlich nicht stören werden, wie zum Beispiel: Werde nicht mit dem Handy telefonieren; werde keine übelriechenden Nahrungsmittel essen.“ Und schon beginnt eine Reise, weniger mit dem Zug als eben in eine Gedankenwelt. Immer genauer taucht die Erzählerin in Essgewohnheiten, Sitzvorlieben, Bewegungsdrang, Ruhebedürfnis ein, wobei die Tendenz zum Detail drängender wird und doch alles bei der nüchternen Beschreibung bleibt.

Zeugen unserer Saturiertheit

Am Ende holt man Luft, ist geneigt, die leicht soziopathische Überspannung im Kulturkreis der USA anzusiedeln und, nein, neben so jemandem will man nicht sitzen. Aber: Ist man das nicht selbst? Tatsächlich entsteht nie ernsthaft der Verdacht, dass Lydia Davis hier bloß über sich schreibt, vielmehr ist das verstörend Persönliche, mit dem sie uns in den besten Erzählungen sofort drankriegt, immer verallgemeinerbar – so wie es eben verallgemeinerbar ist, dass wir meinen, bei Zugreisen einigermaßen sensibel mit den Nachbarn umzugehen (und diese Sensibilität gern zurückgezahlt hätten).

Wer im Restaurant Fisch bestellt, denkt sicher auch darüber nach, woher der Fisch kommt und ob man ihn essen sollte. Das ist eine Seite des Dilemmas aus der Erzählung Alleine Fisch essen. Hier hat die Erzählerin eine Liste dabei, die vermerkt, welche Fische man bedenkenlos oder mit Vorsicht genießen soll. Und schließlich hat dieses innere Dilemma auch immer eine äußere Dimension. Schließlich ist es kein Spaß, mit Leuten zu essen, die so eine Liste aus der Tasche kramen. Allein kann man sie schon konsultieren. Denn: „Kein Mensch an einem Nebentisch wird auf die Idee verfallen, es sei eine Liste, die ich da durchsehe.“

Im Handumdrehen hat Lydia Davis also einen ganzen Strauß von Dilemmata des modernen Menschen gepflückt: der nachrichtengestählte Blick auf die Welt, etwas moralinsauer die politische Korrektheit und die stete Selbstbeobachtung, die für ein absurdes Grundrauschen sorgt. Denn: Natürlich wollen manche von uns dem Koch gegenüber freundlich sein – auch wenn der Schwertfisch ein wenig zäh war.

Es gibt Kritiker, die behaupten: Anders als bei der literarischen Gattung des Minimalismus könne man Davis schlecht auf Konnotationen abklopfen, zu haltlos sei das, zu wenig Fläche böten die kargen Mehrzeiler, aus denen viele ihrer Erzählungen bestehen. Das mag für manche Klitzekurzgeschichte stimmen, aber für viel Substanz braucht Davis eben oft nur wenige Worte. Mit den allermeisten Erzählungen nimmt Davis sofort in unserem Kopf Platz. Ihre Protagonisten sind kühle Zeugen unserer Saturiertheit, man liest das schon im Titel dieser Geschichte: „Ich fühle mich ziemlich wohl, könnte mich aber ein wenig wohler fühlen“.

Meine Freundin antwortete schnell: „Ich bin nicht so zwangsneurotisch sauber, wie du vielleicht meinst, aber ich wünschte, jeder Reisende könnte so ich-bewusst, taktvoll und direkt sein.“

Kanns nicht und wills nicht Lydia Davis Klaus Hoffer (Übers.) Droschl 2014, 304 S., 23 €

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06:00 17.09.2014

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