Rationen für Revolutionen

Medientagebuch Zu jedem Wort das entsprechende Bild: Die Geschichtslektionen des ZDF-"Imperium" in vier Folgen

Nur keine Vorurteile! Nicht daran erinnern, was bisher im ZDF alles unter "Geschichte" gezeigt wurde! Guido Knopps "History"- bunten-Kesseleintopf einfach vergessen! "Geschichte und Gesellschaft" heißt die Redaktion, die wie ein Damoklesschwert über solchen Themen hängt. Personalisierung von Ereignissen, Expertentum als Name-Dropping, Betroffenheitsgesichter der No-Name-Betroffenen, viele, viele schnelle Schnitte und noch mehr Unterhaltungselemente, so gab sich als bewährtes Rezept aus, was im besten Fall populär genannt werden konnte. Ob mit solchen Event-Verschnitten tatsächlich Zeit-Geschichte vermittelt wird?

Auf jeden Fall ist die gewichtige Redaktion nicht untätig, und wieder einmal gibt es etwas zu berichten. Imperium: Glanz und Elend großer Reiche heißen vier Folgen im ZDF, deren erste Staffel vor genau zwei Jahren lief. Das Vorhaben für die jetzigen, deren letzte am kommenden Sonntag über Kaiser Wilhelm: Mit Hurra in den Untergang gezeigt wird, übertrifft sie in den historischen Ausmaßen allerdings gewaltig. Vom "größten Imperium in der Geschichte der Menschheit" bis zum am längsten dauernden soll in jeweils nur fünfundvierzig Minuten erklärt werden, wie sie entstanden sind und was zu ihrem Untergang führte. Mehr als dreihundert Jahre dauerte das "Zarenreich", bis es durch die russische Oktoberrevolution 1917 beseitigt wurde. Über vierhundert Jahre herrschte das osmanische Reich, und "nicht weniger als 2132 Jahre" bestand das chinesische Kaiserreich. Wie zeigt man das? Oder besser, was zeigt man davon, und was lässt man weg?

In der ersten Folge legte man hauptsächlich Wert auf Das Ende der Zaren. Gleich zu Beginn sagt der Off-Sprecher: "Das Zarenreich geht im Kugelhagel der kommunistischen Revolutionäre zugrunde". Und was sieht man? Pistolenläufe natürlich, die verängstigte Zarenfamilie, dann den "Kugelhagel". Zu jedem Wort das entsprechende Bild, frei nach dem Motto: Wer nicht hört, sieht es wenigstens. "Das Wohl der Untertanen schert ihn (Zar Peter, der Große) wenig, sogar das Tragen von Bärten wurde verboten", wobei Männer mit Bärten unter der Nassrasur gezeigt werden. Alles im vermeintlichen Sinne der Autoren und Regisseure originalgetreu nachgestellt, aber vielleicht doch eher einer Holzhammer-Ästhetik zuzuschreiben, nach der ein Begriff ständig mit allen medialen Hilfen solange wiederholt wird, bis er "sitzt".

Vielleicht auch vorsorglich: wer sich rein gar nichts darunter vorstellen kann, wenn er von Kämpfen und "Triumphen auf dem Schlachtfeld" hört, kapiert es vielleicht durch wüste Reiterscharen, Feuer- und Rauchschwaden, dunkel-drohende Off-Musik und ähnlich suggestive Bilder. Bei eher nüchternen Fakten kapituliert offenbar auch der Produzent. Einblick in die Archivreihen von Bibliotheken, aufgeschlagene Chronikbände, Rückblick auf alte Karten. Blass gegenüber dem Postulat des "größten Weltreichs", das immerhin ein Sechstel der Erde und 174 Völkerschaften umfasste. "Iwan, der Schreckliche, plünderte und terrorisierte das Land" - und schon sieht ein grimmig dreinblickender Schauspieler im Originalkostüm in die Kamera, um sich sofort in die nachgestellten, turbulenten Spielszenen hineinzustürzen, in denen mit hohem Personal- und immensem Materialaufwand stumme Mimen sich befehden. Die Highlights der Herrscherkaste mit ihren Ticks und Tricks passieren Revue, ohne dass von den Klischees abgerückt wird. So haben die kommunistischen Bombenbauer die typische Lenin-Mütze auf, was sprachlich durch solche Sätze wie "die Lunte des Aufstandes glimmt" seine groteske Entsprechung findet. Wie im Digitalbaukasten wirken die Protagonisten, und mancher Drei-Satz lässt einen daran zweifeln, ob der Autor die Zuhörer ernst nimmt, wenn er ihnen einen Teller mit 1.000-Kalorien hinhalten lässt: "So sehen Rationen aus, die Revolutionen entfesseln!"

Aber es sind drei Autoren für die vier Filme zuständig, der Redakteur heißt nicht Guido Knopp, und so ist das Ergebnis nicht jedes Mal von solch zweifelhaftem Amüsement. Der Sturm über den Bosporus hatte zum Beispiel auch nachgestellte Spielszenen, dazwischen die offenbar unumgänglichen Experten, die auch nur im Wesentlichen wiederholten, was der Off-Text schon gesagt hatte, Originalschauplätze, Landkarten und museale Fundstücke. Aber hier wurde die Herrscherstruktur aufgeschlüsselt, die Interessen benannt und die "Macht" ihrer ideologischen Überhöhung entkleidet. Faszinierend die Waffenkunde der berühmt-berüchtigten "Bogen", mit denen die Osmanen, beziehungsweise die Janitscharen - die aus christlichen Kindern rekrutierte Elitetruppe der muslimischen Herrscher - ihre Gegner Jahrhunderte lang in Schach hielten. Interessant auch die Aufklärung über den Mythos des Harem, die Analyse des Aufstiegs und Niedergangs der Sultanenherrschaft und die Beschreibung der politischen, globalen Zusammenhänge. Ein durchaus gelungenes Geschichtsbild der oft genug verkannten und diskriminierten Vorläuferin der Türkei.

Aber? Was ist nun wirklich störend in allen vier Folgen? Unpassend? Überflüssig? - Der "Eye-Catcher" im Programm, der - Achtung, Promi-Attraktion! - wohl die Quote erhöhen sollte. Sagen wir´s mal so. Wir verstehen, dass auch Oscar-Preisträger noch im Alter Geld verdienen müssen. Es gibt auch keinen Zweifel, dass Schauspieler wie er immer noch ihre Qualität aufweisen und einfach sehr gut sprechen und spielen können. Wenn sich also Maximilian Schell in der mittelalterlichen Kulisse des Kloster Eberbach zwischen Ölflämmchen und digital gesteuerter Power-Leinwand bewegt, um (laut Pressetext) als "Erzähler das Programm zu strukturieren" oder "Zäsuren im Gang der Handlung zu setzen", wirkt er eher wie ein Märchenonkel und deshalb ungemein deplaziert. Modernistisches Mittelalter. Schade um ihn, und schade um die Geschichten.

Imperium - Kaiser Wilhelm: Mit Hurra in den Untergang, am Sonntag, den 4. Juni, um 19.30 im ZDF


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00:00 02.06.2006

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