Ratlose liebe Augen

Utopie Eine Berliner Ausstellung beschäftigt sich mit der „Zukunft der SPD“, die Beiträge sind angemessen matt inspiriert. Kevin Kühnert schaut dabei ins Leere

Die Zukunft der SPD! Wie lange hat man auf diese Ausstellung gewartet! Endlich der große Wurf der Partei, die Hand ausgestreckt zur Öffentlichkeit, Kunst auf allen Etagen des Willy-Brandt-Hauses! So ist es leider nicht. Stattdessen findet man sich in einer privat initiierten Ausstellung einer kleinen Galerie in Berlin-Schöneberg wieder. Geld gab es dafür weder von der Partei noch von der Bundeskulturstiftung. Müsste die SPD nun dankbar sein? Düpiert? Oder neugierig? Sicher ist: Die Kreisverband-Abteilung Friedenau hat auf Twitter für den 18. Januar, 14 Uhr, ihren Besuch in der Ausstellung angekündigt.

Tatsächlich ist die Frage auch nicht so sehr, ob sich diese Ausstellung für die SPD lohnt, sondern was die rund 30 eingeladenen Künstler*innen aus dem Thema machen. Denn wann, wenn nicht jetzt, wäre es interessant, wenn sich Kreative einmal aufrichtig Gedanken um die Zukunft dieser Partei machten? Vielmehr: um die Zukunft der „Sozialdemokratie“, wie Hans-Jürgen Hafner – neben dem Maler und Offenbacher Kunstprofessor Gunter Reski Kurator der Ausstellung – im Begleittext schreibt. Die Sozialdemokratie nämlich habe zu einem „linken Realismus“ und so zur Schaffung von Verhältnissen beigetragen, die es wert seien, weiterhin geschätzt zu werden – von „uns“, und somit wohl auch von Künstler*innen. Und so will die Ausstellung sie, „unter Verwendung der individuellen Mittel, dem persönlichen Einsatz“, ihr Verhältnis zur Zukunft der Partei darstellen lassen.

Schlips, Schlips, Schlips

Es hängt hier ein knallbunter Kopf von Kevin Kühnert in Öl. Das kleine Bild stammt von dem sonst kaum für politischen Aktivismus, sondern eher für großformatige Arbeiten bekannten und hier wohl marktgängigsten Maler Norbert Bisky. Im Ausstellungsraum bündelt es die Aufmerksamkeit. Man blickt bei dem schlicht K betitelten Gemälde in leichter Untersicht in das Gesicht des jungen Politikers, der anhand eines Blickschemas in die Ferne sieht, das einer zukunftsträchtigen Moderne entnommen scheint, sich in Kühnerts Augen aber eher als durch Angst erzeugte Leere abbildet. Die Zeit und das Ausstellungsthema scheinen hier auf Biskys Seite zu sein, denn über die Frage, ob das nun Ikonenmalerei oder pure Ironie ist, wird schlicht die Zukunft der SPD entscheiden.

Es sind nicht wenige Arbeiten der Ausstellung, die sich genau in diesem zeitlichen Zwischenraum einrichten, konkrete Aussagen aber im Nebulösen belassen: Manfred Pernice hat für seine Installation eine wuchtige Vitrine in die Galerie gestellt. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass der Berliner Kunstprofessor mit den drei darin auf altfränkisch rotem Samt drapierten Schlipsen „SPD“ geschrieben hat. Das S mit einem mit rot-gelben Streifen versehenen Schlips, das D mit einem mit rot-grünen Streifen darauf und das P mit einem Schlips mit weißen Schneemännern. Skulptural hat die Arbeit einen rätselhaften Reiz, nur, wie ist dem Ausstellungsthema damit geholfen? Die SPD als museales Trompe-l’Œil? Nicht, dass die Ausstellung in eine Kerbe hauen müsste, wie es Jörg Immendorff 1973 mit (in Richtung KPD weisendem) Zeigefinger in seinem Gemälde Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege? tat. Aber dass nur eine Arbeit überhaupt historisches parteipolitisches Engagement von bildenden Künstlern thematisiert (Alex Wissel, ausgerechnet über den Grünen-Mitgründer Joseph Beuys)? Mehr fordernde Arbeiten wie die kurzen Videofilme von Ina Wudtke, die in Agitprop-Manier das Recht auf Stadt am Beispiel Berlins einfordern und so auf eines der großen Versäumnisse sozialdemokratischer Politik der letzten Jahrzehnte hinweisen, hätte man der Ausstellung zudem gewünscht.

Viele der kurzfristig angefragten Künstler*innen wurden gebeten, mit Plakaten zu arbeiten. Kein schlechtes Konzept, ist doch das Plakat schnell ein zugespitzter politischer Raum – nur eben auch ein sehr spezieller, in dem bei einigen Arbeiten die künstlerischen und gestalterischen Mittel hinter die versuchten Botschaften zurückfallen. „Zukunft“ im Sinn eines SPD-ungewohnten Verständnisses ästhetischer Ansprache könnte jedoch mindestens das Plakat von Michaela Meise sein, das Baristas, Yoga-Lehrer, Putzhilfen und Babysitterinnen daran erinnern will, dass das Prekariat SPD wähl(t)e, während Claudia Kugler typografisch denkt und mit neuen Parteikürzeln (ÖSPD, SPEU) ein Panoptikum zersplitterter Nachfolgeparteien präsentiert.

Bei Die Zukunft der SPD handelt es sich am Ende um das Spiegelbild von Die Zerstörung der CDU. Anstelle der knallharten Analyse eines viel Jüngeren blicken hier ein paar nicht mehr ganz so junge Künstler*innen mit lieben, weichen, manchmal ironisch flackernden, oft ratlosen Augen auf die Sozialdemokratie. Bis allerdings die Partei selbst initiativ wird, bleibt dies die politischste Kunstausstellung, die die SPD nie organisiert hat.

Info

Die Ausstellung Die Zukunft der SPD ist noch bis zum 22. Februar in der Berliner ZWINGER Galerie zu sehen

Martin Conrads lebt als freier Autor und Dozent in Berlin

06:00 18.01.2020

Ausgabe 09/2020

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